Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Adel in den NS-Salons

Die Verzahnung von Adel und NS-Bewegung auf dem Land hatte in den Großstädten ein wichtiges Pendant in Form von einigen Salons. Die „bunte Mischung aus Cuts und SS-Uniformen“ und die aus spöttischen Beschreibungen bekannten Szenen, in denen sich Hitler ungelenk händeküssend und aufgeregt hackenschlagend NS-nahen Mitgliedern des deutschen Hochadels empfiehlt, waren lange vor 1933 an diesen Schaltstellen einstudiert worden.

Hitlers eigene Kontakte zu adligen und bürgerlichen Mitgliedern der Oberschicht wurden bereits zu Beginn seiner politischen Laufbahn in den Häusern einzelner Gönner hergestellt. Neben der Familie des Pianofabrikanten Bechstein wurden Hitler solche Verbindungen, darunter etwa das folgenreiche Treffen mit Emil Kirdorf, im Salon Elsa Bruckmanns vermittelt. Die Frau des Münchener Verlegers Hugo Bruckmann war eine geborene Prinzessin Cantacuzène und stammte aus einer Familie des rumänischen Hochadels. Als man im Salon der Bruckmanns in „Sorge über die psychologische Auswirkung des Erfolges bei Hitler“ geriet, hatte sich dieser der erträumten Steuerung längst entzogen. Als Mittelsmann für den Kontakt zwischen Hitler und Kirdorf hatte Karl Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des rechtsradikalen Nationalklubs, eine Rolle gespielt. Das Berliner Haus der Bechsteins blieb bis zur Machtübertragung von Bedeutung — Helene Bechstein, die Hitler in seinen Jahren als „Trommler“ auch finanziell unterstützt hatte, war im Januar 1931 Gastgeberin des erwähnten Treffens, bei dem Hitler in einem Kreis von fünfzehn Personen mit Großgrundbesitzern aus renommierten preußischen Familien zusammentraf.

Prominente Nationalsozialisten, darunter Hermann Göring, der als ehemaliger Kommandeur des berühmten Jagdgeschwaders Richthofen über Adelskontakte bis zum preußischen Kronprinzen verfügte, die durch seine erste Ehefrau erheblich vermehrt wurden, schufen weitere Verbindungen zum Adel. Im August 1931 faszinierte ein zweistündiger Vortrag Hitlers im Hause Göring die Zuhörer Rüdiger Graf v. d. Goltz, Leopold v. Kleist, Hjalmar Schacht und Magnus v. Levetzow derartig, daß „der Kreis ergriffen und beeindruckt noch eine Weile im Schweigen verharrte. Göring und die Strasser-Brüder verkehrten wiederum im Salon, den Oskar v. Amim-Burow mit seiner bürgerlichen Frau aus einer reichen Frankfurter Familie in der Berliner Dahlmannstraße unterhielt.

Spätestens 1930 wurde der Salon einer Neuadligen die wohl wichtigste „gesellschaftliche“ Schaltstelle zwischen altem Adel und Nationalsozialismus: das Haus v. Dirksen in Berlin-Tiergarten. Viktoria Auguste v. Dirksen, Tochter aus einer nobilitierten Danziger Familie, war die zweite Frau des 1928 gestorbenen Gesandten Willibald v. Dirksen und Schwiegermutter des antisemitischen Diplomaten Herbert v. Dirksen, der zwischen 1928 und 1939 die Botschafterposten in Moskau, Tokio und London bekleidete. Der Salon im pompösen Palais, den die Familie in der Berliner Margaretenstrasse besaß, war bereits vor 1918 ein Schnittpunkt der Potsdamer und Berliner Hofgesellschaft. Nach dem Krieg versammelte sich in diesem Salon, der stets eine politische, scharf antirepublikanische Ausrichtung behielt, ein erheblicher Teil der „alten Gesellschaft“. In den späten 1920er Jahren öffnete die Witwe, die Hitler bereits 1923 unterstützt hatte, ihr Haus den Spitzen der NSDAP, die hier erfolgreich um prominente Vertreter aus dem niederen und hohen Adel warben. „Die alte Dame hat einen Narren an mir gefressen und will gleich durch mich alle Welt bekehren lassen“, notierte Joseph Goebbels im Februar 1930. Der Erfolg dieser Bemühungen blieb nicht aus. Einen Eindruck von der hier geleisteten Zusammenführung vermittelt das Protokoll über ein Treffen im November 1931.

Anwesend waren u. a. Hermann Göring, Joseph Goebbels, Marie Adelheid Prinzessin zur Lippe (NSDAP-Mitglied seit dem 1.5.1930), Viktor Prinz zu Wied mit Ehefrau (Parteimitglieder seit dem 1.1.1932), der DAB-Leitartikler Walther Eberhard Frhr. v. Medem, die Parteigenossen August Wilhelm Prinz v. Preußen, der Bankier August Frhr. v. d. Heydt und Oberst a. D. Leopold v. Kleist als Vertreter Wilhelms II. Mitglieder des alten Adels trafen in diesem Salon, den Insider der Berliner Gesellschaft als „gesellschaftlichen Mittelpunkt der nationalsozialistischen Bewegung“ einschätzten, mit den prominentesten NS-Führern zusammen. Hitler, Göring und Goebbels sprachen hier mit dem Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf v. Helldorf und Angehörigen des Hohenzollernhauses. Prinz „Auwi” präsentierte sich im Hause Dirksen in brauner Uniform, er und sein Sohn Alexander — Parteigenosse auch er — wurden hier „in Hitlers Lehre eingeführt“.

Jahrelang vermittelte die Witwe, deren Bruder Karl August v. Laffert der SS angehörte, „zwischen den Nationalsozialisten und der alten Hofpartei“. Bereits Ende 1933 hatte der Salon der „alten Hexe“, wie sie nun genannt wurde, offenbar seine einstige Bedeutung verloren, die in den entscheidenden Monaten der Machtübertragung zwischen August 1932 und Januar 1933 erneut gewachsen war. Salons dieser Art boten den Schachzügen einzelner Personen der sprichwörtlichen „Kamarilla“ um Hindenburg das geeignete Forum. Das Haus der Dirksens spielte für die Verknüpfung von Einzelpersonen, so etwa beim Arrangement der folgenreichen Begegnung zwischen Hitler und dem „in der Verfassung nicht vorgesehenen Sohn des Reichspräsidenten“ am 22. Januar 1933 noch immer eine Rolle.

Neben ihrer Leistung, zwei sozial weitgehend voneinander getrennte Welten zu verbinden, erfüllten die NS-Salons eine weitere Funktion. Als „Salonspionage“ bezeichnet Bella Fromm den Versuch, über meist weibliche NS-Anhänger in den Salongesprächen Stimmungslagen und Herrschaftswissen der Funktionseliten auszuloten und weiterzugeben. Daß für diese Aufgabe vielfach adlige Vertrauensleute ausersehen wurden, ist überaus einleuchtend.

Eine „mobile“ Schnittstelle entstand durch die Aktivitäten der zweiten Ehefrau Wilhelms II., Hermine Prinzessin v. Reuß, die bei ihren Deutschlandaufenthalten in den wichtigsten Zirkeln der politischen Rechten verkehrte. Offenbar nahm sie 1929, am Rande des Nürnberger Parteitages, Kontakt mit der NSDAP-Führung auf. Der Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit Hitler ist unklar, gut dokumentiert ist hingegen ein Treffen mit Hitler im Salon der Baronin Tiele-Winckler im November 1931. In Anwesenheit der „Kaiserin“, Görings und der adligen Chefberater Wilhelms II. hielt Hitler einen mehrstündigen Monolog, in dem er seine Absicht darlegte, „alle Novemberverbrecher [...] öffentlich strangulieren“ zu lassen. Der Vortrag begeisterte Gastgeberin und Gäste gleichermaßen, die Ehefrau des Kaisers äußerte sich positiv über den „sympathisch[en]“ Hitler, „auch über seinen guten und geraden Gesichtsausdruck und seine guten Augen und ihren Ausdruck ohne Falsch“, Erfreut über das Ergebnis des Treffens faßte Magnus v. Levetzow seine Eindrücke von Hitler in einem Brief an Fürst v. Donnersmarck zusammen: „Er war gut im Tellerchen, Donnerwetter nochmal.“

Die Stellen, an denen sich das entre-nous Milieu der Gesellschaft politisch und stilistisch nach rechts außen öffnete, wurden zahlreicher und größer. Im Dezember 1932 beschrieb Bella Fromm eine eher „bunte als vornehme Gesellschaft“, die auf dem Wohltätigkeitsball des „Cecilenwerks“ zusammenkam und den Hochadel mit Magdalena Goebbels zusammenführte. Fromm, die sich als Gesellschafts-Kolumnistin mit großbürgerlichem Hintergrund in der Berliner Gesellschaft vorzüglich auskannte, nach rechts über persönliche Kontakte bis zu Schleicher und Papen verfügte und als Jüdin die Veränderungen im gesellschaftlichen Fluidum mit besonderer Schärfe beobachtete, hat in ihrem Tagebuch die großen Umwälzungen in Form von anschaulichen Miniaturen und Momentaufnahmen gebannt. Durch die Gesprächsgruppen ausländischer Diplomaten und der alten Potsdamer Gesellschaft schritten neben Graf Helldorf und Prinz „Auwi" in SA-Uniform immer häufiger Mitglieder des alten Adels in immer offensiverer Zurschaustellung ihrer nationalsozialistischen Sympathien. In ihrer Skizze über eine Ansammlung „kleiner Widerwärtigkeiten“ gab Fromm im Dezember 1932 zu Protokoll: „Es war entmutigend zu sehen, wie viele neue Freunde dem Nationalsozialismus aus den Reihen des alten Adels erwachsen sind“ Fromms Schilderungen erinnern an die Darstellung Hannah Arendts über die Empfänge in den Pariser Salons zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Für die französische Hauptstadt des fin-de-siecle beschreibt Arendt ein Muster, das „nach dem Weltkrieg zur Regel wurde: Die Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite, die Bewunderung jeglicher Grausamkeit, das Bündnis schließlich aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung“ Zu den äußeren Merkmalen dieses Bündnisses zählte der Kotau, der noch 1933 in allen Adelsverbänden vollzogen wurde.



Parallel zur Eintrittswelle in die NSDAP, die noch näher zu betrachten it, schwappte 1933 eine Flut adliger Ergebenheitsadressen an die neuen Machthaber über das Land. Den symbolischen Gipfel adliger Anbiederungen lieferte auch hier die DAG. Der Kotau, den Fürst Bentheim im Namen der DAG-Führung inszenierte, erfolgte frühzeitig und bedingungslos. Die Hoffnung der DAG-Führung, die DAG als staatlich anerkannte ‚Elite‘-Formation in die Führungsgremien des neuen Staates integrieren zu können, wurde durch Fürst Bentheim im Juni 1933 Hitler persönlich vorgetragen. Bentheim wünschte sich für die DAG den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Staatliche Organe sollten Druck auf adlige Nichtmitglieder ausüben und die DAG-Mitgliedschaft als unabdingbare Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Adel rechtlich fixiert werden. Hitler hatte Bentheim durch äußerst vage Zusagen, die Bentheim wenig später in geschönter Form den „Landesführern“ und Fürst Löwenstein referierte, Hoffnungen gemacht, die später durch seine Staatssekretäre wiederholt wurden.

Bentheim glaubte sich „[dem großen] Ziel, das uns seit hundert Jahren verloren ist‘, zum Greifen nahe: „daß der Adel wieder politischer Stand wird.“ Bentheim versprach Hitler feierlich, nach einer großen „Säuberungsaktion‘“ werde er den „gereinigten deutschen Adel“ dem NS-Staat uneingeschränkt „zur Verfügung zu stellen“

Die bereits beschriebene Verschärfung des Arierparagraphen trat mit einer Satzungsänderung am 12.9.1933 in Kraft und führte nun zur „Ausscheidung“ von weit über 100 Mitgliedern aus den Reihen der DAG. Gleichzeitig wurde der DAG-Hauptvorstand um fünf prominente Nationalsozialisten ergänzt, die hohe und höchste SA-Ränge bekleideten. Die DAG bildete damit die symbolische Spitze einer breiten Bewegung im Adel, die sich wiederum eingliederte in den nunmehr überall in Fahrt kommenden Versuch, „dem Führer entgegenzuarbeiten“. Für die DAG-Führung können Geschwindigkeit und Radikalität dieser Selbstgleichschaltung ebensowenig erstaunen wie die kriecherischen Noten, die Bentheim u. a. nach den Röhm-Morden und dem Attentat des 20. Juli 1944 an Hitler sandte. Die Naivität, mit der die Männer der DAG-Führung „Hitlers Stiefel leckten“, wie Erwein Frhr. v. Aretin formulierte war die konsequente Fortführung des seit Jahren gesteuerten Kurses - erstaunen kann hier allenfalls, daß diese Haltung bis 1945 keine erkennbare Korrektur erfahren hat.