Veröffentlicht in Sonstige

Greek Buddha – Pyrrhos Encounter with Early Buddhism in Central Asia

Christopher Beckwith – Princeton 2015

Herkunft des Namens Śākyamuni

Für gewöhnlich wird erklärt Buddhas Beiname Śākyamuni bedeutet “Weiser der Śakya”, ein Kriegerclan im Nordwesten Indiens.

Das Epithet ist erstmals in den Ghāndhārī-Schriften der ersten nachchristlichen Jahrhunderte belegt, die in Prakrit verfasst sind, und zwar als Śākamuni.

Skythen und die Verbindung zum Zoroastrismus

Die Achaemeniden bezeichneten die Skythen als Śāka, lt. Iranistik ursprünglich eine Selbstbezeichnung der östlichen Skythen, deshalb argumentiert Beckwith der Beiname bedeute Weiser der Skythen und sei erst später zu Sanskrit Śākyamuni geworden.

Die Skythen dienten im Heer der Achaemeniden und seien so zuerst nach Indien gekommen und überdies in Berührung mit dem Zoroastrismus.

Früher Buddhismus und seine Abgrenzung zum Zoroastrismus

Beckwith identifiziert die in alten Quellen Ṣramaṇas Bezeichneten mit den frühen Buddhisten und erklärt, dass sie dem Zoroastrismus ablehnend gegenüber gestanden hätten, den die Perser im Osten etablieren wollen, deshalb kein Schöpfergott und im frühen Buddhismus keine heilige Erlöserfigur.

Frühe Interaktionen und Datierung von Zoroaster

Die Brahmanen hingehen seien den Zoroastrismus gegenüber aufgeschlossen gewesen.

Der terminus post quem für das Auftreten Buddhas sei somit der Feldzug Darius in Indien 518/517 v. Chr.

Beckwith akzeptiert die orale Tradition des Ṛgveda und auch, dass es bereits vor Buddha Austausch des Veda mit dem Zoroastrismus gegeben haben muss, datiert den Zoroaster aber niedrig ~600 v.Chr.

Datierung des Palī-Kanons und Ghāndhārī-Schriften

Für die Tradition des Palī-Kanon hingegen, von dem Teile traditionell in die Lebenszeit Buddhas datiert werden, möchte er auch nicht das Datum der ersten schriftlichen Fixierung zum 4. Konzil auf Sri Lanka unter König Vaṭṭagāmaṇī 29-17 v. Chr. akzeptieren, sondern die Ähnlichkeit zu den Ghāndhārī-Schriften deuten in die Śāka-Kushan-Era der ersten nachchr. Jahrhunderte.

Einfluss des Buddhismus auf die Upaniṣaden

Auch die Upaniṣaden, die üblicherweise 750-500 v. Chr. datiert werden, zeigen lt. Beckwith Einfluss von Buddhismus und nicht umgekehrt, seien deshalb deutlich späteren Datums.

Beckwiths kritische Analyse von Gründungsgeschichten

Die Geburtsgeschichte Buddhas in Lumbini ist nach Beckwith ebenfalls viel spätere Nachdichtung.

Ähnlich kritisch behandelt er die Tradition des Jainismus, der seine Gründerfigur Mahavira als Zeitgenossen Buddhas betrachtet.

Nach Beckwith gibt es hierfür auch keine Belege die vor die Śāka-Kushan-Era zurückreichen, der früheste gesicherte Beleg seien Höhlenklöster mit Jaina-Artefakten.

Historische Darstellungen und kulturelle Unterschiede

Er ist damit also durchwegs sehr kritisch was die traditionellen Datierungen und Geschichtsdarstellungen auch in der aktuellen westlichen Geschichtswissenschaft angeht.

Die Inder hatten nie Interresse an empirischer Historiographie oder Chronologie, ihre Geschichte ist immer episch und mythologisch.

Überhaupt wird sogar gesagt die Hinduisten seien dem Schrifttum misstrauisch gegenüber gestanden, anders aber die Buddhisten und Jainisten.

Von der Zeit der Guptas an wird auch die buddhistische Geschichtsschreibung stark mythologisiert.

Buddhas Legende als höfische Erzählung

Die Erzählung von dem reichen Prinzen Buddha von höchster Geburt, der mit aller Leichtigkeit alle Widrigkeiten überwindet und Buddha wird klingt auch sehr nach einer Fertigung für die tatsächlichen Prinzen und Höfe um sie dem Buddhismus wohlwollend zu machen.

Pyrrhonismus: Ursprung und Einfluss

Mit Alexanders Feldzug kam Pyrrho nach Indien und wurde später in Griechenland Begründer einer Philosophenschule die einflussreich genug war, dass die Bezeichnung Pyrrhonismus dafür geprägt wurde und die dem Skeptizismus angerechnet wird.

Cicero hat sich damit befasst und Eusebius ist eine bedeutende Quelle und David Hume bezeichnete sich als Pyrrhonist.

Skeptische Grundsätze des Pyrrhonismus

Was die pragmata – „Angelegenheiten, Fragen, Themen“ – betrifft, so sind sie alle adiaphora – „durch keine logische Differenzierung unterscheidbar“ –, astathmēta – „instabil, unausgewogen, nicht messbar“ – und anepikrita – „unbeurteilt, unbestimmt, unentscheidbar“.

Beckwith zitiert Euseb. Praep. Ev. XIV 18:1-5

Die Unzuverlässigkeit von Sinneswahrnehmungen und Meinungen

Daher sagen uns weder unsere Sinneswahrnehmungen noch unsere „Ansichten, Theorien, Überzeugungen“ (doxai) die Wahrheit oder Lüge [über pragmata]; also sollten wir uns sicherlich nicht auf sie verlassen [um dies zu tun].

Vielmehr sollten wir adoxastous „ohne Ansichten“, aklineis „unentschlossen [zu dieser oder jener Seite hin]“ und akradantous „unerschütterlich [in unserer Weigerung, zu wählen]“ sein und über jedes einzelne sagen, dass es nicht mehr ist, als es nicht ist, oder dass es sowohl ist als auch nicht ist, oder dass es weder ist noch nicht ist.

Die Trilakṣaṇa als buddhistische Lehre und ihr griechisches Äquivalent

Das hat große Ähnlichkeit mit buddhistischer Weisheit, Beckwith will herausstellen, dass sich darin ein dreiteiliger Aufbau befindet wie es ihn in griechischer Philosophie so nicht gegeben hat (der “Weg der Mitte” ist aber zB auch in Aristoteles Politik relevant – den Pyrrho womöglich persönlich kannte, schließlich war er zuvor bereits an Alexanders Hof und dieser der Schüler von Aristoteles), hingegen sei es zentraler Bestandteil buddhistischer Texte, er führt dazu das Trilakṣaṇa an:

The statement is known as the Trilakṣaṇa, the ‘Three Characteristics’ of all dharmas ‘ethical distinctions, factors, constituents, etc.’ Greek pragmata ‘(ethical) things’ corresponds closely to Indic dharma ~ dhamma ‘(ethical) things’ and seems to be Pyrrho’s equivalent of it.

The Buddha says, “All dharmas are anitya ‘impermanent’. . . . All dharmas are duḥkha ‘unsatisfactory, imperfect, unstable’. . . . All dharmas are anātman ‘without an innate self- identity’.”

Ziel der Meditation

With the essential work of calming the mind completed, with the attainment of the fourth dhyāna, the meditator can focus fully on the development of insight.

Insight meditation aims at understanding [that “things”] . . . are impermanent and unstable (anitya/anicca), that they are unsatisfactory and imperfect (duḥkha/dukkha), and that they are not self (anātman/anattā).

The philosophical nuances of these three terms may be expressed differently in the theoretical writings of various Buddhist schools, but in one way or another the higher stages of the Buddhist path focus on the direct understanding and seeing of these aspects of the world.

“Early Buddhism” und Chronologie

Nach Beckwith ist Pyrrho das älteste Zeugnis buddhistischer Philosophie und etwa zeitgleich damit seien die chinesischen, früh-taoistischen Werke Tao Te Ching (von Laotzu/Lao Tan) und das Chuangtzu sowie eine Jadeyoga-Inschrift, die ebenfalls vom Buddhismus inspiriert oder beeinflusst seien.

Megasthenes’ Indika und frühe indische Schriften

305/4 v. Chr. reiste Megasthenes im Auftrag von Seleukos I. zu Chandragupta, dem Begründer der Maurya-Dynastie.

Er schrieb das verlorene Werk Indika, von der nur Bruchstücke in Strabos Geographica erhalten sind, darunter, dass die Inder keine Schrift kannten.

Und in der Tat sind die ältesten überlieferten Schriften auf indischem Boden (mit Ausnahme der nicht entzifferten Glyphen der bronzezeitlichen Induskultur) die Inschriften der Maurya aus dem 3. Jh. v. Chr.

Konkret die Major Rock Edicts, die als Urheber Devānāṃpriya Priyadarśi angeben der mit Aśoka identifiziert wird.

Kontroverse um die Identifikation von Devānāṃpriya Priyadarśi und Aśoka

Beckwith argumentiert aber, dass diese Identifikation durch den Bearbeiter der Standardedition dieser Texte Hultzsch 1925 auf der Grundlage des ahistorischen Mahāvaṃsa beruht.

Er führt eine Reihe Ungereimtheiten auf und argumentiert bei Devānāṃpriya Priyadarśi handle es sich womöglich um den Sohn von Chandragupta, bei Aśoka hingegen um einen späteren Herrscher der lediglich für die Minor Rock Edicts verantwortlich sei, in denen Devānāṃpriya Aśoka auch als Urheber angegeben wird.

Chinesische Sprachverbindungen

Er führt auch eine Herleitung von Gautama von Lao Tan im Alt- und Mittelchinesischen.

Veröffentlicht in Sonstige

An Afterlife for the Khan

Im Jahr 1254 konnte der flämische Mönch und Missionar Wilhelm von Rubruck (ca. 1220-ca. 1293) nach langem und bangem Warten in der Hauptstadt des Mongolenreichs, Qaraqorum, endlich seinen Wunsch erfüllen, dem Mongolen Qa'an Möngke (reg. 1251-59) persönlich zu predigen. Bevor er jedoch den Kaiser treffen konnte, musste er noch eine letzte Hürde überwinden: Er musste seine muslimischen und buddhistischen Konkurrenten in einer interreligiösen Debatte übertrumpfen. Diese multilaterale Hofdisputation war die erste dokumentierte Debatte dieser Art, an der Christen (sowohl Katholiken als auch Nestorianer), Muslime und Buddhisten teilnahmen. Für Wilhelm und für die katholische Kirche im Allgemeinen war die Begegnung mit dem Buddhismus völlig neu. Für die muslimischen Diskutanten war es keineswegs die erste Begegnung mit Buddhisten: Der Islam und der Buddhismus blicken auf eine lange Geschichte religiöser, intellektueller und kommerzieller Begegnungen und Austausche zurück, die jedoch auch von Reibungen und Rivalitäten geprägt waren.
Aus unserer historischen Rückschau kann dieser Austausch von 1254 in der Mongolei jedoch als Markierung einer neuen Seite in den muslimisch-buddhistischen Beziehungen gesehen werden, und zwar nicht in den östlichen Gebieten des Mongolenreichs (China und Mongolei), sondern weiter westlich, am anderen Ende des mongolisch dominierten Eurasiens, im Iran, der bald zum Sitz des unabhängigen mongolischen Staates Ilkhanat (1260-1335) werden sollte. Das von Dschingis Khans (reg. 1206-27) Enkel Hülegü (reg. 1260-65) im Iran, Irak und Aserbaidschan gegründete Ilkhanat - Gebiete mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung - wurde zu einem Ziel für buddhistische Mönche aus ganz Eurasien. Diese buddhistischen Experten reisten über große Entfernungen, um den Dharma zu verbreiten und die Möglichkeiten des Mäzenatentums zu nutzen, die die neuen mongolischen Herrscher des Irans, die Ilkhans, boten.
In den späten 1280er Jahren, etwa dreißig Jahre nach Wilhelms Besuch in Qaraqorum, erlebte der ilkhanidische Hof im Iran den Höhepunkt des interreligiösen Austauschs. Gelehrte Mönche versammelten sich am Hof des buddhistischen Enthusiasten Ilkhan Arghun (reg. 1284-91) und debattierten mit Muslimen und möglicherweise anderen. Vor diesem Hintergrund wurde der Protagonist dieses Buches, Rashid al-Din (gest. 1318), damals noch Hofarzt und aufstrebender Bürokrat, in eine Disputation mit einem der vom Mongolenkönig geschätzten Mönche verwickelt.
Rashid al-Din beschreibt seinen Austausch in einem Traktat, das fast zwei Jahrzehnte nach dem Ereignis und unter ganz anderen Umständen geschrieben wurde. Er befand sich auf dem Höhepunkt seiner Amtszeit als Wesir, dem mächtigsten Beamten des ilkhanidischen Staates, und der Islam hatte sich bereits gegen den Buddhismus durchgesetzt und war die offizielle Religion der ilkhanidischen Herrscher geworden. Rashid al-Din nennt seinen Konkurrenten nicht namentlich und bezeichnet ihn nur als bakhshī, als buddhistischen Priester. Der Buddhist stellte Rashid al-Din in Anwesenheit von Arghun die folgende Frage: "Was war zuerst da, der Vogel oder das Ei? " Rashid al-Din merkt an, dass dies eine "berühmte Fabel" unter den Buddhisten war. Der Mönch berief sich in der Tat auf ein bekanntes buddhistisches Rätsel, das in den "Fragen von Mellinda" auftauchte, einem Pali-Dialog zwischen einem buddhistischen Weisen und dem griechischen König Menander von Baktrien, der wahrscheinlich zwischen 150 v. Chr. und 100 n. Chr. verfasst wurde. Rashid al-Din schreibt, dass der Mönch zwar glaubte, er würde das Rätsel nicht lösen können, dass er aber nur einen Moment lang verwirrt war, bevor Gott ihm die Antwort offenbarte. Er sagt uns weder, welche Antwort er schließlich gab, noch, ob der Buddhist eine Gegenrede hielt. Stattdessen spielt Rashid al-Din seinen buddhistischen Rivalen herunter und tut den Mönch als unwissend über die wahre Bedeutung seines eigenen Rätsels ab. Dennoch lässt er die Frage selbst als Katalysator einer theologischen Untersuchung nicht außer Acht. Rashid al-Din lässt sich von ihr "inspirieren", und im weiteren Verlauf der Abhandlung geht er auf islamische philosophische Aspekte ein, die Fragen wie die Erschaffung Adams und die göttliche Quelle des menschlichen Urwissens betreffen.
Rashid al-Dins Bericht über diese Debatte unterscheidet sich deutlich von dem Bericht des flämischen Mönchs Wilhelm an den Papst über seine multilaterale Debatte am Hof von Möngke in der Mongolei. Zum einen schildert Wilhelm detaillierter, wie sich die Debatte mit dem chinesischen buddhistischen Vertreter entwickelte und welche Art von Argumenten jede Partei verwendete. Wir wissen, dass sie über die Existenz und Einheit Gottes und die Ursache des Bösen debattierten. Trotz der Unterschiede zwischen den Berichten des persischen Muslims und des flämischen Christen gibt es auch auffällige Parallelen zwischen den beiden. Beide spielen die intellektuelle Stärke ihrer buddhistischen Gegner herunter. Und beide betonen, dass sie auf ihre eigenen scholastischen Traditionen der rationalen Argumentation zurückgriffen, um die Herausforderungen ihrer buddhistischen Gegner zu bewältigen, anstatt sich auf muslimische oder christliche Schriften zu stützen. Während beide explizit oder implizit kulturelle und sprachliche Unterschiede hervorgehoben haben mögen, vermitteln ihre Darstellungen letztlich den Eindruck eines gemeinsamen Vokabulars - das der rationalen Argumentation.
Aus ihren Berichten geht hervor, dass die scholastische Disputation tatsächlich eine gemeinsame Währung ist, die einen gewissen Gedankenaustausch ermöglicht. Doch wie weit ging ein solcher Austausch? Wilhelms Bericht legt nahe, dass die Debatten über den Austausch von Rätseln und Gleichnissen hinausgingen und gewichtige theologische Argumente beinhalten konnten. Er vermittelt jedoch auch den Eindruck, dass beide Parteien in ihren eigenen scholastischen Traditionen verhaftet blieben. Rashid al-Dins Bericht hingegen überlässt mehr der Fantasie. Er erweckt den Eindruck, dass es unter der mongolischen Herrschaft im Iran kaum einen bedeutenden intellektuellen Austausch zwischen Muslimen und Buddhisten gab. Und dieser Eindruck wird durch den allgemeinen Mangel an muslimischen ilkhanidischen Beschreibungen eines solchen Austauschs sowie durch das völlige Fehlen jeglicher buddhistischer Textdokumente aus dem Ilkhanat noch verstärkt.
Es ist jedoch schwer, diesen Eindruck mit dem in Einklang zu bringen, was wir über die Verbreitung des Buddhismus und das Aufblühen der Buddhisten in den ersten vier Jahrzehnten des Ilkhanats wissen. Wie dieses Buch zeigt, beweist eine gründliche Untersuchung der umfangreichen theologischen Werke des ilkhanidischen Wesirs Rashid al-Din, dass der Austausch zwischen Buddhisten, Muslimen und Mongolen tiefere und folgenreichere Eindrücke hinterlassen hat, als das Schweigen der zeitgenössischen muslimischen Autoren vermuten lässt. Die Muslime am Hof waren buddhistischen Konzepten ausgesetzt und bemühten sich sehr, auf diese zu reagieren. Dabei handelte es sich nicht unbedingt um die Feinheiten des Dharma, sondern vielmehr, wie wir sehen werden, um buddhistische Methoden der Auseinandersetzung mit politischen Autoritäten und Bekehrungsstrategien.
An Afterlife for the Khan untersucht den ilkhanidischen Hof des späten dreizehnten und frühen vierzehnten Jahrhunderts als eine Arena des interreligiösen Austauschs und der Rivalität, in der die konzeptionellen Unterschiede und Äquivalenzen zwischen den verschiedenen eurasischen Strukturen von Macht und Sakralität - islamisch, buddhistisch und mongolisch - diskutiert und eingesetzt wurden. Es zeigt die verschiedenen subtilen Wege auf, auf denen kulturelle und religiöse Akteure ihre religiösen und politischen Ressourcen einsetzten, um die Symbole und Strukturen des religiösen Anderen aufzunehmen, zu übersetzen, zu manipulieren und zu unterwandern.
Anhand der theologisch-philosophischen Werke eines persisch-muslimischen Wesirs, der in der intellektuellen Szene des ilkhanidischen Hofes an der Wende zum 14. Jahrhundert aktiv war, zeigt An Afterlife for the Khan, wie die persisch-muslimische Erfahrung mit dem Buddhismus und seinem System des karmisch-gerechten Königtums einerseits und die Anpassung an und der Widerstand gegen das mongolische Modell des vergöttlichten Königtums andererseits Prozesse des kreativen Experimentierens mit neuen Formen des islamischen sakralen Königtums hervorbrachten und beeinflussten. Die Buddhisten vermarkteten Konzepte und Modelle des karmischen Königtums als Mittel zur Übersetzung, Bekräftigung und Konvertierung der Ansprüche ihrer tschingisidischen Gönner auf ein vergöttlichtes Königtum. Die islamische Herausforderung bestand also nicht nur darin, ihre ilkhanidischen Gönner für den muslimischen Glauben zu gewinnen oder - im Falle der bereits konvertierten Mongolen - ihr Bekenntnis zum Islam zu festigen, sondern auch ihre frühere buddhistische Erziehung zu entwurzeln.
Der jüdische Konvertit, persische Wesir, Historiker und muslimische Theologe Rashid al-Din stand im Zentrum der muslimischen Konversionsbemühungen. In seinen theologischen und historischen Schriften, die von der lebhaften Atmosphäre eines intellektuell strengen und religiös konkurrierenden königlichen Hofes belebt wurden, beschäftigte sich Rashid al-Din nicht nur mit der Übersetzung und Aneignung buddhistischer Erzählungen und Konzepte oder versuchte akribisch, die buddhistische Lehre der Reinkarnation zu bestreiten und zu widerlegen. Er ließ sich auch von seinen buddhistischen Konkurrenten und deren Strategien zur Bekehrung und Domestizierung der tschingisidischen Herrscher inspirieren und informieren. Zu diesem Zweck experimentierte er mit einem Modell des mongolisch-muslimischen Königtums, das der buddhistischen Struktur des karmisch-gerechten Herrschertums entsprach.
In diesem Buch wird die These vertreten, dass Rashid al-Dins buddhistisch und mongolisch inspiriertes Experimentieren mit islamischen theologischen Diskursen eine entscheidende Zwischenstufe zwischen den beiden dominanteren Rahmen für die Legitimierung islamischer, sultanischer Autorität bildete - der vormongolischen Phase einer restriktiven, legalistischen und genealogisch begründeten Kalifenstruktur und dem postmongolischen unabhängigen Modell einer universellen und sakralen islamischen Herrschaft, die durch heilige und messianische Diskurse gestützt wurde. Die mongolische Besetzung Bagdads und die damit einhergehende Beseitigung des abbasidischen Kalifats im Jahr 1258 stellte ein dramatisches Ereignis dar, das die religiös-politischen Grundlagen der Welt der sunnitischen Mehrheit erschütterte. Diese Katastrophe leitete eine Ära einer beispiellosen Verfassungskrise ein, die sich nach dem Zusammenbruch des ilkhanidischen Staates im Jahr 1335 noch verschärfte. In den folgenden Jahrhunderten wurden neue Strategien zur Legitimierung der sultanischen Autorität formuliert, um diese Krise zu lösen. Zu diesem Zweck nutzten muslimische Intellektuelle zunehmend ein innovatives, umfassendes und überzeugendes Vokabular der Souveränität, das den Diskurs über die sultanische Legitimität von den restriktiven genealogischen und rechtlichen Parametern der sunnitischen Autorität aus der Zeit vor der mongolischen Herrschaft wegführte. Stattdessen entstand ein neuer diskursiver Bereich des universellen islamischen Königtums, der sich auf eine Vielzahl intellektueller Bereiche bezog und diese miteinander verknüpfte - von Philosophie und Theologie bis hin zu Astrologie, Mystik und Okkultismus. Rashid al-Dins Werke markierten das Ende der Kalifenautorität und den Beginn dieses neuen Zeitalters der islamischen Autorität.

Jonathan Z. Brack – An Afterlife for the Khan