Intellectual historians never respect disciplinary boundaries, except when they are the boundaries imposed by the people whose ideas they study.
Richard Whatmore
Für [Azar Gat] gehören besonders die Schriften [...] Carl von Clausewitz', der großräumigen Bewegung des „Counter-Enlightenment“ an, die sich in Reaktion auf das dominierende Paradigma der Newton’schen Physik vom Aufklä-rungsdenken des 18. Jahrhunderts absetzte und von Gat unter Verweis auf die regionalen Schwerpunkte ihrer Entstehungsphase mit dem Sammelbegriff des „German Movement“ bezeichnet wird.
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Nach wie vor wird jedoch insbesondere das Clausewitz’sche Œuvre als Kristallisationspunkt einer Wende verstanden, die das Denken über den Krieg grundlegend verändert hat. Seine Texte nehmen noch immer eine zentrale Funktion ein für das ideengeschichtliche Verständnis dieser Epoche und für neue Standortbestimmungen der politischen Theorie.
Warum Clausewitz und sein Umfeld bis heute für wichtig gehalten werden, lässt sich vor allem auf zwei Punkte zurückführen:
Clausewitz steht für die moderne Einsicht, dass der Krieg als soziales Phänomen zu betrachten ist, d. h. sich von zivilen Prozessen nicht trennen lässt, und als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ verstanden werden muss.
Ferner bezeichnet er einen Paradigmenwechsel, nach dem soziale Prozesse und vornehmlich Konflikte nicht mehr statisch, sondern dynamisch und als historisch wandelbar begriffen werden müssen. Hierfür steht vor allem seine immer noch berühmte und viel zitierte Metapher vom Krieg als „wahres Chamäleon“, das „in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert“.
Für die kontroverse Auslegung seines Werkes stehen bis heute zwei Namen. Während sich 1935 Erich Ludendorff mit seinem berüchtigten Konzept vom ‚totalen Krieg‘ auf Clausewitz’ „Vernichtungsgedanken“ berief, konnte sich Ludwig Beck zur Zeit seines Widerstandes gegen Hitler seinerseits auf Clausewitz’ „ermäßigendes Prinzip“ berufen, mit dem er sich moralisch gegen eine Politik der totalen Eskalation wandte.
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In Clausewitz’ Rekurs auf ein „dynamische[s] Gesetz des Krieges“ bewegt er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer Tradition der zeitgenössischen Naturwissenschaften, genauer gesagt der dynamistischen Wende, die ungefähr hundert Jahre zuvor durch die Newton’sche Physik begründet worden war – „Isaac Newton was the giant of science in the seventeenth and eighteenth centuries“. Newton hatte mit seinen neuen Konzepten von „Masse“ und „Kraft“ Paradigmen einer neuen Zeit geschaffen:
Conceptions such as ‚mass‘ and ‚force‘ were quickly recognized by Newton’s contemporaries as powerful concepts for representing aspects of bodies that allowed them to be measured and their dynamical interactions calculated.
Iliffe / Smith, Introduction (2016), S. 1.
Es herrschte, so auch Reinhard Brandt, „eine überwältigende Newton-Mode unter den Denkern des 18. Jahrhunderts“. Dieser mathematisch-naturwissenschaftliche Hintergrund kann kaum überschätzt werden, auch dann nicht, wenn in den Werken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts der Name Sir Isaac Newtons nicht immer erwähnt wird. Es sei hier nur daran erinnert, dass in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), ein Werk, das nur vor dem „Faktum der Newtonischen Wissenschaft“ zu begreifen ist, der Name Newtons nur drei Mal (davon 2 Mal nur adjektivisch) erwähnt wird.
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Den Dreh- und Angelpunkt für die vorliegende Untersuchung bildet der Begriff einer „Inertie der Kräfte“, der sich bei Carl von Clausewitz in einem Vorentwurf zu seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ findet. Er dient dazu, sein „ermäßigendes Prinzip“ näher zu charakterisieren. [...] Der Begriff der ‚vis inertiae‘ ist ein Kernbegriff der Newton’schen Dynamik.
Ursprünglich als Kraft bezeichnet, wurde er bei Newton als ‚Massenträgheit‘ zu einem passiven und inhärenten Prinzip aller physikalischen Körper. Das Trägheitsmoment von Massekörpern ist selbst keine Kraft, sondern leistet vielmehr Widerstand gegen Beschleunigung und kann damit zum Nachweis und zur Messung von auftretenden Kraftwirkungen genutzt werden. Ein weiterer Kernbegriff bei Clausewitz ist der der „Wechselwirkung“, der ebenfalls ein zentrales Konzept der Newton’schen Dynamik bildet.
Schon im kritischen Werk von Kant hatten dieselben Newtonischen Begriffe in verwandelter Form zentrale Funktionen übernommen. Bei Kant werden sie zu allgemeinen Bedingungen objektiver Erkenntnis transzendiert, die jeder Wissenschaft zugrunde liegen müssen.
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Es war Georg Heinrich von Berenhorst (1733–1814), der in den 1790er Jahren mit seinen „Betrachtungen über die Kriegskunst“ versuchte, die Kantische Kritische Methode auf den Krieg anzuwenden und die Frage nach der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Theorie des Krieges aufzuwerfen. Die Besonderheit der preußischen Kriegstheorie um 1800 beginnt mit diesem Rekurs auf den erkenntnistheoretischen Zugang Kants. Während Berenhorsts Bemühungen noch in Paradoxien endeten, gelang es dann Adam Heinrich Dietrich von Bülow (1763–1807) in Anknüpfung an Berenhorst, diese Forderungen an eine neue Wissenschaft der Kriegstheorie in einem in sich kohärenten Modell umzusetzen. Bülow postulierte ein „allleitende[s]“ oder „bindendes Princip“, das nicht nur dazu angetan sein sollte, dem Krieg „Fesseln anzulegen“, sondern das als „Fundamental-Principium der ganzen Kriegswissenschaft“ eine dynamische Theorie sozialer Konflikte ermöglichen und erstmals zur Prognose und Herstellung dynamischer Gleichgewichtssysteme befähigen sollte. Er schuf damit in den Jahren um 1800 auch bewusst einen neuen Zugang zu der damals aktuellen Frage nach einer Theorie des ewigen Friedens. Aus dieser Bülow’schen Theorie, die nach 1800 im preußischen Offizierskorps und schon bald europaweit diskutiert wurde, stammen die zentralen Postulate der Clausewitz’schen Theorie, dass sich der Krieg 1. auf ein „dynamische[s] Gesetzes des Krieges“ bringen lassen muss, 2. dass seine Fundamente ein passives und den Ereignissen selbst „innewohnende[s]“, sie „ermäßigendes Prinzip“ beinhalten müssten, und 3. der zentrale Gedanke, dass der Krieg nichts Statisches und „nie ein isolierter Akt“, „kein selbstständiges Ding“, sondern immer nur „ein politisches Instrument“ und nur die „bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ sei. Alle diese Gedanken finden sich bereits eine Generation früher bei Dietrich von Bülow, dessen Werke der junge preußische Offizier Clausewitz während seiner Studienzeit an der „Akademie für junge Offiziere“ (1801– 1804) – d. h. während der Hauptschaffensperiode Bülows – aufmerksam rezipiert hatte.
Clausewitz’ berühmte Definition vom Krieg, die Herfried Münkler als „Zentralformel“ moderner Konfliktforschung charakterisiert, und die die Konflikte als „fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln“ interpretiert, stammt aus dem Jahr 1806 und aus der Feder Dietrich von Bülows. Dieser war der Überzeugung, dass Krieg immer „nur ein Mittel zur Erreichung diplomatischer Zwecke“ sein konnte. Sein Modell beschrieb soziale Konflikte als dynamischen Prozess, in dem „sich Diplomatie in Krieg“ verwandeln und „aus dem Streit mit Gründen“ schließlich „ein Streit mit körperlichen Kräften“ werden kann. Diese Dynamik hatte Bülow zufolge nie eigentlich militärische Wurzeln. Vor allem war für ihn „Krieg keinesweges ein etwas in sich selbst Vollendetes, sondern nur ein Mittel zur Erreichung diplomatischer Zwecke“, das sich in seinem dynamischen Übergang fortwährend „verwandelt“. Entscheidend für diese Sicht der Dinge ist Bülows analytische Methode. Seine Theorie sollte wie die der Newton’schen Dynamik auf nur einem „Haupt-Grundsatz“ aufbauen. Analog zu dem Axiom der Massenträgheit (vis inertiae), postulierte Bülow die Existenz „eines allleitenden Principiums“, das die Bedingungen einer dynamischen Wissenschaft und einer Theorie dynamischer Gleichgewichte für den Krieg erstmals substantiieren sollte. Dieses Prinzip der „Subsistenz“ hatte Bülow erstmals 1799 in seiner Einleitung zum „Geist des neuern Kriegssystems“ für die Theorie eines zukünftigen „immerwährenden Friedens“ angekündigt. Mit dem Konzept einer Subsistenz-Masse schuf Bülow für die Unterscheidung von Politik, Strategie und Taktik einen Referenzrahmen, um „das politische System Europas“ erstmals wie das Sonnensystem auf der Grundlage eines objektiven Inertialprinzips als ein dynamisches und interdependentes Gleichgewichtsmodell zu betrachten, in dem „eine große Macht jetzt eben so wenig zerstört werden kann, ohne alle übrigen zu erschüttern“, wie „ein Planet aus seinem Orte gerissen“ werden könne, „ohne das System zu zerrütten“. Mit Reinhard Brandt könnte man sagen, dass der Newton’sche Hintergrund zu jener Zeit allgegenwärtig war und er damit in Bülows Fall beinahe als trivial erscheinen könnte. Die Art jedoch, wie Bülow an die Newton’sche Methode anschloss, war hochgradig subtil, ja einzigartig und bedarf daher der detaillierten Rekonstruktion. Das Inertialprinzip der Subsistenz sollte als epistemologische Bedingung a priori – wie das Masseprinzip in Newtons „Principia“ – einen neuen Messraum aufspannen, in dem sich die dynamischen Prozesse sozialer Konflikte künftig abbilden und prognostizieren lassen sollten. Es ist dieser Gedanke an ein soziales Trägheitsprinzip, den sich Carl von Clausewitz Jahrzehnte später als „Inertie der Kräfte“ und als „ermäßigendes Prinzip“ zu eigen machte, um auch in seinem Modell „Gegengewichte“ zu erhalten, „die das rasche Prinzip“ des Krieges wie im Bülow’schen Modell dynamisch „ermäßigen“ sollten. Nicht erst Clausewitz vollzog also eine dynamische Wende im Denken über den Krieg. Ihre ideengeschichtlichen Ursprünge sind früher – bei Berenhorst und Bülow – zu finden. Mit seinem dynamischen Gleichgewichtsmodell sozialer Körper steht Bülow in seiner Zeit allein.
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Dietrich von Bülow versuchte lange vor Clausewitz, den Krieg erstmals auf die Fundamente einer dynamischen Wissenschaft zu stellen, die auf ein einziges „allleitende[s] Principium[]“ aufbauen sollte, womit er den methodischen Anschluss an die Newton’sche Physik anstrebte, deren Theorie dynamischer Gleichgewichte ebenfalls auf einem „Fundamental-Principium“, dem Axiom der Massenträgheit ruht. Es wird sich zeigen lassen, dass diese analoge Rolle in der Bülow’schen Dynamik von dem Prinzip der Subsistenz ausgefüllt werden sollte. Berenhorst und Bülow waren die vielleicht extravagantesten Repräsentanten einer pazifistisch-intellektuellen Strömung im Preußen der Französischen Revolutionsära, deren Anhänger nicht auf dem Schlachtfeld die Lösung für soziale Konflikte erwarteten, sondern in der Entdeckung einer neuen Wissenschaft vom Krieg, die seine Vermeidung lehren sollte. Mit der Freilegung dieses vergessenen Kontextes muss die Bedeutung von Clausewitz neu verortet werden. Er war nicht der Schöpfer einer für die Friedensforschung anwendbaren Grundlage. Wie sich zeigen wird, war er vielmehr derjenige, der sie zerstörte, indem er Bülows Theorie furios ablehnte und ihre Spuren verwischte. Nur noch Bruchstücke dieser Theorie wurden – bis zur Unkenntlichkeit verändert – in seinem Werk überliefert.
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Im Folgenden soll versucht werden, die Ursprünge einer eigenständigen preußischen Kriegstheorie anhand ihrer wesentlichsten Protagonisten, Georg Heinrich von Berenhorst und Adam Heinrich Dietrich von Bülow, sowie ihrem Umfeld und ihren Nachfolgern im Kreis um Gerhard von Scharnhorst und Carl von Clausewitz zu rekonstruieren. Damit sind vier Thesen verbunden, die in dieser Arbeit vertreten werden sollen:
Eine eigenständige preußische Kriegstheorie beginnt in den 1790er Jahren mit Berenhorsts Frage nach einem „festen Standpunkt“ für eine exakte Wissenschaft vom Krieg, mit der sich das pazifistische Anliegen verknüpfte, zwischenstaatliche Konflikte von einem solchen noch zu entdeckenden Standpunkt objektiv voraussagen und begrenzen zu können.
Die Lösung wurde von Berenhorst und Bülow in Anknüpfung an die von Kant – vor dem Hintergrund des Newton’schen Paradigmas – entwickelte Erkenntnistheorie gesucht. Den Ausgangspunkt bildete für sie die Idee von einem sozialen Trägheitsprinzip a priori, über das sich – in Analogie zum physikalischen Prinzip der vis inertiae – soziale Kräfte messen und zum dynamischen Ausgleich bringen lassen. Die Funktion eines solchen Trägheitsprinzips sollte im Bülow’schen Modell die von ihm als „Fundamental-Principium“ postulierte „Theorie der Subsistenz“ liefern.
Das gesamte Werk von Clausewitz kann nur vor dem Hintergrund dieser Theorie und als ihr radikaler Gegenentwurf verstanden werden. Demnach übernahm Clausewitz zwar wesentliche Begriffselemente von Bülows Dynamik des Krieges, ohne aber ihre strukturelle Kohärenz durchdrungen zu haben. Unter anderem entging ihm die zentrale Funktion eines ‚ermäßigenden Prinzips‘ im Sinne eines ‚sozialen Trägheitsprinzips a priori‘. In der Konsequenz führte der unvollständige Begriffstransfer in seinem Werk zu einem inkohärenten Torso. Durch seine stark romantisch begründete Orientierung gelangte Clausewitz stattdessen zu einem Modell der totalen Dynamik, in das sich die von Bülow übernommene Forderung nach einem ‚ermäßigenden Prinzip‘ später nicht mehr integrieren ließ. Ohne dieses Prinzip führte das Clausewitz’sche Modell zwangsläufig auf den Gedanken einer totalen Dynamik, die seinen „Total-Begriff des Krieges“ konstituierte, und die in der Rezeptionsgeschichte seines Werkes in der wiederholt gewonnenen Einsicht fortlebt, dass bei ihm „alles […] dynamisch“ und „alles ein Spiel von Kräften“ sei, weshalb seiner Theorie zuweilen der Vorwurf gemacht wurde, die kriegstheoretische Diskussion erstmals in das Dogma des ungebremsten Vernichtungsgedankens geführt zu haben.
Schließlich wird sich wahrscheinlich machen lassen, dass es insbesondere Clausewitz war, der die Erinnerung an Dietrich von Bülow beinahe systematisch zu verwischen versuchte.
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Es handelt sich dabei um eines der Denkschemata, welche die Werke des Scharnhorst-Kreises – aus Foucault’scher Perspektive – „völlig bestimmen und sie beherrschen“ und sich gegen die Bülow’sche Theorie nach 1800 allgemein durchsetzen sollten. Als ein Ideengeber des Scharnhorst-Kreises tritt in diesem Zusammenhang ein bisher völlig vernachlässigter Autor in den Vordergrund, der entscheidend am kriegstheoretischen Diskurs in Berlin teilnahm, Friedrich von Gaugreben (1774–1822), über den nur wenig bekannt ist. Von ihm und seiner umfangreichen Kritik an Bülow stammt nicht nur die berühmte, heute fälschlicherweise mit Clausewitz assoziierte Metapher vom Krieg als „wahre[m] Chamäleon“. Mit seiner Kritik stattete er vor allem Clausewitz mit den wesentlichen Gegenargumenten aus, die zur Grundlage des Clausewitz’schen Denkens und seiner Widersprüche werden sollten. Schließlich geht es darum, zu zeigen, dass sich Clausewitz’ berühmtes Werk „Vom Kriege“ als eine Fortsetzung der Gaugreben’schen Kritik an Bülow entschlüsseln lässt, die ihn in das Paradox einer totalen Dynamik führte, um damit eine Grundlage für den modernen Vernichtungsgedanken zu schaffen.
Bülow lieferte einen Neuansatz für die Betrachtung sozialer Phänomene, indem er sie auf der Basis eines sozialen Prinzips der Trägheit als dynamische Gleichgewichte verstand.
Die preußische Kriegstheorie um 1800 und ihre Suche nach dynamischen Gleichgewichten ~ Arthur Kuhle, Duncker & Humblot 2018
Um die heutige Politik mach ich einen großen Bogen, es ist immer noch authoritäre Bevormundung und ein echter Dialog findet ohnehin nicht statt. In einer Demokratie wäre jeder Politiker, aber wenn Menschen tagein tagaus keine Zeit haben weil sie ihr Leben mit repetitiver Arbeit zubringen müssen von der sie selbst überhaupt nichts haben, für Leute die sie nicht einmal kennen bloß um immer wieder die selbe Betonkiste und den selben Vergaser zu bezahlen bleibt ihnen einfach keine Zeit und Kraft um selbst eingehend aktuelle Themen zu studieren und eigene Meinungen und Aussagen zu erlangen. Mangels eigener Einsichten bleibt nur eine der vorgefertigten Meinungen zu adaptieren, zwischen Rot, Blau oder Schwarz zu wählen. Menschen werden absolut nicht zur Emanzipation erzogen, man könnte von klein auf alle 2-3 Wochen Teilnahme an politischen Debatten fördern, sie aktiv in der Politik miteinbeziehen und dazu entsprechend von Arbeit und Verpflichtungen freistellen, so würden politisch gebildete Menschen erzogen, aber in Wirklichkeit will man das überhaupt nicht. Mit 6 Jahren werden Kinder in ein Zuchthaus gesteckt wo es heißt sitz still und schweig, in Schule und Ausbildung ist es vollkommen irrelevant was richtig ist, es geht einzig darum zu sagen was sie hören wollen, es geht um Gehorsam. Es wird einem beigebracht, dass man nichtkann, es wird einem nicht beigebracht man könne mit Leichtigkeit fremde Sprachen lernen, sondern dass es langwierig und schwierig ist, dass man es nur durch teure Lehrer und Zertifikate kann und es kurzum am besten lasst und arbeiten geht. Jedes Kind würde mit allerhöchster Freude freiwillig Mathematik studieren und geniale Roboter, Vehikel oder schlaue Häuser konstruieren weil es ein Vergnügen ist wenn man nicht "Fehlleistungen" diagnostiziert bekommt, abgestraft wird wenn man nicht "gut genug" leistet, aber das sind die wirklichen wertvollen Dinge im Leben und werden jedem von klein an genommen. Möchte man ein eigenes Vehikel oder Haus konstruieren? Keine Genehmigung. Es stellt sich niemand freiwillig tagein tagaus an die Straße und verkauft Döner, die Menschen werden als Kinder gebrochen und diese Formen gepresst, denn dieses System braucht Putzfrauen und Mechaniker. In Wirklichkeit braucht es die nicht, wir können fast alle mühselige Arbeiten automatisieren und abschaffen, aber man will es nicht. Müssten die Leute ihren Mist selbst wegräumen, selbst putzen, anstatt andere dafür zu bezahlen, dann würden sie mit Sicherheit weniger Dreck machen, es sich besser überlegen was es tatsächlich wert ist. Es müsste niemand bei McDonalds Burger braten wenn man da hingehen kann und sich das selbst machen. Ford hat das Förderband und die automatisierte Fabrik entwickelt und so die Massenproduktion, wir wollten diese Maschinen entwickeln damit sie uns die Arbeit abnehmen, aber diesen Vorteil behält der Fabriksbesitzer, der Kapitalist, der Konzern ein, das ist ihr Profit. Da es nun nichtmehr wirklich notwendig ist dass jeder sein Leben mit Arbeit zubringt (und tatsächlich nie war) werden Milliarden in sinnlosen Kriegen wortwörtlich verbrannt denn für dieses Geld das die Nationalbanken drucken bürgt der Bürger und muss dafür arbeiten. Es würde aber auch niemand in seiner freien Zeit tagtäglich Ekzeme untersuchen oder Gutachten verfassen, der Arzt, der Anwalt ist in Wirklichkeit kein Stück schlauer als der Tankwart und muss alles kaufen weil er von nichts eine Ahnung hat, er ist noch nichtmal ein Arzt, sondern nur ein HNO, ganz besonders von der Politik hat er keine Ahnung, das können nur echte Politiker, so muss er andere für sich entscheiden lassen, muss sich regieren lassen. Da hat man dann noch nicht einmal den Marx geschafft und der liegt 160 Jahre zurück. Warum der Marxismus nicht funktioniert? Weil jene die vom bestehenden System profitieren nicht wollen, dass sich der Arbeiter erhebt, von seinen Ketten befreit und sein Kapital und seine Rechte in die eigene Hand nimmt. Das Paradies ist möglich, da kommen wir her, dann vergessen wir allerdings all die negativen Dinge, die Probleme und Schwierigkeiten des Lebens und öffnen ihnen Tür und Tor, der Marxismus ist keine Wunderlösung und so auch keine Utopie.
Als im Zuge der französischen Revolution Seine Hochwohlgeboren der König von Frankreich Louis XVI vor dem Tribunal nur noch "citoyen Capet" war, ein Bürger, bedeudete das, dass sich selbst der allerhöchste Adel plötzlich mit Bürgerrechten und Gedankengut auseinandersetzen musste. Die adligen Dynastien lassen sich nicht in das kleinbürgerliche Bild vom Nationalstaat pressen, sie definierten sich durch ihre weitverzweigten Verwandschaften an den internationalen Höfen. Was mit der Revolution geschah versetzte der Aristokratie ganz Europas einen Schlag, es war klar, dass das Hl. Röm. Reich dt. Nat. nicht verschont bleiben würde und so kam man dem zuvor indem man den Niemand, das unbeschriebene Blatt aus Korsika kurzerhand über alle Klassen hinweg zum Kaiser machte und das HRR erlosch, unter Fanfaren ritt er in Paris ein und beendete die Revolution und überzog Europa mit Kriegen um die bevorstehenden Veränderungen im Keim zu ersticken und war damit nicht gänzlich ohne Erfolg.
[...] mit der Unterjochung der Arbeiterklasse, welche Februar und März gemacht hatte, gleichzeitig ihre Gegner besiegt wurden – die Bourgeoisrepublikaner in Frankreich, die den feudalen Absolutismus bekämpfenden Bürger- und Bauernklassen auf dem gesamten europäischen Kontinent; daß der Sieg der honetten Republik in Frankreich gleichzeitig der Fall der Nationen war, die auf die Februarrevolution mit heroischen Unabhängigkeitskriegen geantwortet hatten; daß endlich Europa mit der Besiegung der revolutionären Arbeiter in seine alte Doppelsklaverei zurückfiel. In die englisch-russische Sklaverei. Der Junikampf zu Paris, der Fall Wiens, die Tragikomödie des Berliner NovembersA1, die verzweifelten Anstrengungen Polens, Italiens und Ungarns, Irlands Aushungerung – das waren die Hauptmomente, in denen sich der europäische Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse zusammenfaßte, an denen wir nachwiesen, daß jede revolutionäre Erhebung, mag ihr Ziel noch so fernliegend dem Klassenkampf scheinen, scheitern muß, bis die revolutionäre Arbeiterklasse siegt, daß jede soziale Reform eine Utopie bleibt, bis die proletarische Revolution und die feudalistische Kontrerevolution sich in einem Weltkriegmit den Waffen messen. In unserer Darstellung, wie in der Wirklichkeit, waren Belgien und die Schweiz tragikomische karikaturmäßige Genrebilder in dem großen historischen Tableau, das eine der Musterstaat der bürgerlichen Monarchie, das andere der Musterstaat der bürgerlichen Republik, beides Staaten, die sich einbilden, ebenso unabhängig von dem Klassenkampf zu sein wie von der europäischen Revolution.
Friedrich Engels
Mit Kriegen lässt sich die eigene Bevölkerung noch viel besser unterdrücken und kontrollieren als Fremde, Krieg ist immer der selbe Klassenkampf und so ist klar dass es sich bei den beiden letzten großen Kriegen um nichts anderes handelte. Kaiser Wilhem wollte die Novemberrevolution 1918 durch einen Marsch auf Berlin wie Napoleon beenden, was ihn davon abhielt war die äußert blutige Absetzung der Zaren durch die russischen Revolutionäre. Dass er sich nun auf seine Villa in Doorn zurückzog wurde ihm vom alten Adel als Fahnenflucht und Desertation nie vergeben, man warf ihm vor er hätte besser heldenhaft für das Kaiserreich sterben sollen. Den niederen Adel traf es nach 1918 besonder schwer, viele mussten nun als Tankwarte oder Sektetärinnen arbeiten oder waren gar auf Spenden der DAG angewiesen und waren entsprechend wütend auf die Niederlage und besonders die Republik, sie radikalisierten sich nach völkisch rechts. Der hohe Adel musste zwar auch Verluste in Kauf nehmen, war aber weiterhin von enormen Reichtum und Besitzungen, ihnen war die Republik natürlich nicht minder verhasst, allerdings konnten sie den Kampf auf ganz anderem Niveau austragen, sie konnten auch ohne Anflüge von Hetze wie "nordischer Rasse" Anwalts- und Doktorengremien zu Felde führen die etwa die Auflösung der Fideikommisse aufzuhalten wussten und waren natürlich in allen wichtigen Positionen der Republik und des Dritten Römisch-Deutschen Reichs bestens vertreten, Hindenburgs Familie konnte mit Sicherheit sorgenfrei leben.
Ein paar eindrückliche Stellen aus Stephan Malinowskis Dissertation/Buch von 2003 Vom König zum Führer:
Etwa sechs Wochen nach dem Tag von Potsdam empfing Hitler den kaisertreuen Friedrich v. Berg, den gestürzten DAG-Adelsmarschall. Nach den Informationen, die der anwesende Reichswehrminister Werner v. Blomberg an den „Hausminister“ des Exilkaisers weitergab, hatte Hitler vage, jedoch weitgehende Versprechungen gemacht: „Als Abschluß seiner Arbeit sehe [Hitler] die Monarchie“, hieß es im Gesprächsprotokoll. In Frage käme allerdings allein die Hohenzollernmonarchie, eine Restauration der Throne in den Bundesstaaten sei abzulehnen. Der Zeitpunkt der Restauration sei allerdings noch nicht gekommen und die Monarchie nur als Ergebnis eines siegreichen Krieges denkbar.
Generalleutnant a. D. August v. Cramon hatte im Oktober 1933 eine an den Reichspräsidenten gerichtete Denkschrift verfaßt, in der die Wiedereinsetzung Wilhelms II. in seine königlichen Rechte, gewissermaßen als Geschenk zu seinem 75. Geburtstag im Januar 1934 vorgeschlagen wurde. Zur „Erbweisheit des Geschlechts“ kämen nunmehr Weisheit und Würde des Alters hinzu. Der „Führergedanke“ müsse zwangsläufig „im unsterblichen Führertum, der Erbmonarchie‘“ enden und Hitler werde dabei behilflich sein: „Adolf Hitler selbst ist, soweit bekannt, Monarchist.“
Eine Rede von 1930, in der Wilhelm II. in Doorn die Inflation des Führerbegriffes beklagte:
Führer sein! Das will heutzutage jeder. Führer bieten sich allerorten an. Als Führer spielen sich viele auf [...]. Und dennoch, überall der Schrei nach Führern!
In einer sonderbaren Mischung aus christlichen und neu-rechten Motiven erneuerte Wilhelm II. seinen Führungsanspruch. Der Führergedanke sei von Gott zuerst den Sumerern „geoffenbart‘ worden. König Hammurabi habe den „Führerberuf“‘ vor 5000, seine eigenen Vorfahren vor 500 Jahren von Gott übertragen bekommen. „Allein, diesen Führern ist wiederum der Führer Jesus Christus!“ Räumlich und gedanklich fern von allen politischen Realitäten ernannte der Exilkaiser Jesus zum jenseitigen, sich selbst zum irdischen „Führer“. Die vorangestelite Passage aus dem Johannes-Evangelium, die der Ansprache den Titel gegeben hatte, bezog der Kaiser-Führer auf sich selbst: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Eine „mobile“ Schnittstelle entstand durch die Aktivitäten der zweiten Ehefrau Wilhelms II., Hermine Prinzessin v. Reuß, die bei ihren Deutschlandaufenthalten in den wichtigsten Zirkeln der politischen Rechten verkehrte. Offenbar nahm sie 1929, am Rande des Nürnberger Parteitages, Kontakt mit der NSDAP-Führung auf. Der Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit Hitler ist unklar, gut dokumentiert ist hingegen ein Treffen mit Hitler im Salon der Baronin Tiele-Winckler im November 1931. In Anwesenheit der „Kaiserin“, Görings und der adligen Chefberater Wilhelms II. hielt Hitler einen mehrstündigen Monolog, in dem er seine Absicht darlegte, „alle Novemberverbrecher [...] öffentlich strangulieren“ zu lassen. Der Vortrag begeisterte Gastgeberin und Gäste gleichermaßen, die Ehefrau des Kaisers äußerte sich positiv über den „sympathisch[en]“ Hitler, „auch über seinen guten und geraden Gesichtsausdruck und seine guten Augen und ihren Ausdruck ohne Falsch“, Erfreut über das Ergebnis des Treffens faßte Magnus v. Levetzow seine Eindrücke von Hitler in einem Brief an Fürst v. Donnersmarck zusammen: „Er war gut im Tellerchen, Donnerwetter nochmal.“
Usw, das Buch enthält eine Fülle an Quellenmaterial, siehe Bücher
Die Republik war also verhasst und so wurde wiederum ein Niemand, ein unbeschriebenes Blatt hervorgeholt sie zu beseitigen. Es musste ein Niemand sein der keine Verbindungen zu bestehenden Mächtigen Strukturen hatte denn sonst würden alte Bündnisse und Rivalitäten ein effektives Handeln unmöglich machen. Die Republik als Feind mag eine gemeinsame Front des hohen Adels gewesen sein, aber alte Bande und Rivalitäten waren deshalb noch lange nicht vergessen:
In Übereinstimmung mit seinen westfälischen Standesgenossen bezeichnete der Abt Augustinus von Galen, ein Bruder des später berühmten Bischofs, das Monarchieproblem 1926 als eine Cura posterior und hielt die Ansprüche des Hauses Habsburg im Gegensatz zu jenen der Hohenzollern für berechtigt: ,,Was die Hohenzollern betrifft, so hatte ihr Kaisertum mit dem des alten Reiches nicht das geringste zu tun [...]. Die Hohenzoller waren daher in gar keiner Weise Rechtsnachfolger der alten Kaiser und von diesem Gesichtspunkt aus könnten sie folglich als etwa bevorzugte Bewerber um die künftige Krone absolut nicht in Frage kommen."
Gerade bei den Anhängern des realitätsfernen Reichsgedankens fand sich oftmals eine gelassene Einstellung gegenüber der Republik. Für den südwestdeutschen Adelsverein, der mit den bayerischen Verbänden freundschaftliche Beziehungen unterhielt, erklärte Attila Graf v. Neipperg einem bayerischen Standesgenossen, auch im Südwesten sei der Adel monarchistisch, aber anders als im wittelsbachertreuen Bayern. Nur teilweise gehörte die Loyalität der Standesgenossen den Häusern Württemberg und Zähringen, viele westdeutsche Adlige jedoch hätten die „Sünden“ der Fürsten aus der napoleonischen Zeit nicht vergessen. Auch der Monarchismus, den Graf Neipperg hier umriß, glich eher einer vagen Grundhaltung als einem praktikablen Programm: „Diese Leute sind ganz Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Und bis zu einem gewissen Grad bin ich cum grano salis auch bei dieser Seite. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass wir zeigen und beweisen wollen, dass der Adel in der Republik notwendig ist, noch notwendiger als in der Monarchie, wo alles seinen mehr oder minder geregelten Gang ging. Aber officiell sind wir nicht monarchisch eingestellt.“
Noch in den 30ern sagte Churchill die Russen seien die größte Bedrohung für Europa, dass sich Allierte und Russen verbündeten mag deshalb vor dem Krieg undenkbar gewesen sein. Als sie sich nach dem Krieg nun ohne gemeinsamen Feind gegenüberstanden brach die alte Abneigung wieder hervor, allerdings machten die nun eingetretenen Friedensverträge ein weiteres Bekriegen unmöglich und so schwelte es stattdessen als Kalter Krieg, der bevorzugt auf dem Verliererland Deutschland (und anderen Marionetten) ausgetragen wurde: es wurde in den allierten Westen und den russischen Osten zerrissen. Wie das Ganze ausgegangen ist, ist nun bekannt: heutzutage ist hier alles Amerikanisch, amerikanische Banken und Konzerne so weit das Auge reicht. Zu den ersten Änderungen nach dem Krieg gehörten etwa Sachen wie Gebrüder Grimm als "zu deutsch" ("antisemitisch", über allen Ausgaben der Kinder- und Hausmärchen hinweg kommen in Drei Märchen Juden vor, der Christ kommt hier kein Stück besser weg, im Gegenteil) aus dem Unterricht zu entfernen und dass Zeitungen und Nachrichtenagenturen ihre Konzessionen von den Besatzern anfragen mussten. So wurden Bildung und Nachrichtenwesen alliert geschalten und entsprechend ist die Geschichtsschreibung und Politik heute eine Allierte, in der der Deutsche das absolute Feindbild, der Nazi ist an dem es nichts Gutes geben kann. Dabei hat die politische Konstellation einer nationalistischen, sozialistischen Deutschen Arbeiterpartei an und für sich noch überhaupt nichts mit Antisemitismus oder Diktatur zu tun. Tatsächlich ist das System der Nationalstaaten der Nationalismus, das ist die Neue Weltordnung, die neue Eliten hervorbrachte. Im internationalen Druck und Konkurrenzkampf zeigt der Nationalismus seine problematischen Facetten wie eine Tendenz zur Fremdenfeindlichkeit, denn der Staat stellt die eigenen Bürger vor alle Fremden. Der Staat ist ein Bund aus Menschen der andere, Fremde ausschließt, der höchste Bund ist heute der mit sich selbst, so neigt die Freiheit zur Individualität zum Egoismus der sich vor alle anderen stellt. Ehedem war der Bund mit Gott der allerhöchste, der Herr ist wichtiger als das eigene Leben, die Christen sind die Märtyrer, Knechte ihrer Herren, darum hat man die Religionen so bereitwillig verbreitet, Islam bedeutet wörtlich Unterwerfung, sich Allah dem Herren unterwerfen. Das vorhin im Zitat erwähnte "unsterbliche Führertum" deutet eine wichtige Facette des Adligen Selbstverständnis an: sie sind durch ihre Blutlinie "unsterblich", solange diese fortbesteht, "der König ist tot, lang lebe der König", während es das Testament des gemeinen Volkes ist, dass ihr Leben und ihre Errungenschaften der Herr und nicht sie selbst ererben.
Die Welt der Geschichten der Heiligen Schrift begnügt sich nicht mit dem Anspruch, eine geschichtlich wahre Wirklichkeit zu sein - sie behauptet, die einzig wahre, die zur Alleinherrschaft bestimmte Welt zu sein. ... Die Geschichten der Heiligen Schrift werben nicht, wie die Homers, um unsere Gunst, sie schmeicheln uns nicht, um uns zu gefallen und zu bezaubem - sie wollen uns unterwerfen, und wenn wir es verweigern, so sind wir Rebellen". Der Glaube an den einen, sich in Israels Geschick der Welt offenbarenden Gott ist herrisch und exklusiv.
Otto Kaiser – Zwischen Athen und Jerusalem
"Das Volk des christlichen Staats ist nur ein Nichtvolk, das keinen eignen Willen mehr hat, sein wahres Dasein aber in dem Haupte besitzt, dem es untertan, welches ihm jedoch ursprünglich und seiner Natur nach fremd, d.h. von Gott gegeben und ohne sein eignes Zutun zu ihm gekommen ist." (Bruno Bauer)
Bruno Bauer, Zur Judenfrage 1843
Der einzige Mensch, der gilt, der König, ist ein von den andern Menschen spezifisch unterschiedenes, dabei selbst noch religiöses, mit dem Himmel, mit Gott direkt zusammenhängendes Wesen.
Karl Marx, Zur Judenfrage, 1844
Der christliche Staat kann seinem Wesen nach den Juden nicht emanzipieren; aber, setzt Bauer hinzu, der Jude kann seinem Wesen nach nicht emanzipiert werden. Solange der Staat christlich und der Jude jüdisch ist, sind beide ebensowenig fähig, die Emanzipation zu verleihen als zu empfangen.
Karl Marx, Zur Judenfrage, 1844
Eine Überlegung wie das alles seinen Anfang nahm: Es handelt sich um eine internationale Vortragsreihe an der Uni Heidelberg
Ich (bin) Darius, der große König, König der Könige, König in Persien, König der Länder, des Hystaspes Sohn, des Arsames Enkel, der Achämenide. Es spricht der König Darius: Mein Vater ist Hystaspes, des Hystaspes Vater (war) Arsames, des Arsames Vater Ariaramnes, des Ariaramnes Vater Teispes, des Teispes Vater Achämenes. Es spricht der König Darius: Deswegen werden wir Achämeniden genannt. Von alters her sind wir adlich, von alters her war unser Geschlecht königlich. Es spricht der König Darius: 8 meines Geschlechtes waren vor dem Könige. Ich bin der neunte. 9 sind wir in zwei Reihen Könige.
Behistun-Inschrift
Diese Genealogie ist besonders bedeutsam, weil Darius wie Kyrus behauptet, sein Anspruch auf den Thron beruhe auf seiner familiären Abstammung. Außerdem behauptet er wie Cyrus, dass seine Familie über einen langen Zeitraum nacheinander Könige gewesen sei. Was soll man von diesen Aussagen halten? Es gibt auffällige Abwesenheiten in dieser Genealogie, darunter Cyrus und Cambyses. Herodot erwähnt in einer Geschichte über Kambyses in Ägypten, dass Dareios ein Mitglied der Garde von Kambyses und ein "Mann ohne große Bedeutung" war (III.139-40). Herodot zufolge hatte Darius also keinen Anspruch auf den Thron, obwohl er von adliger Geburt war. David Stronach argumentiert jedoch, dass Darius' Vorfahren möglicherweise die Kontrolle über bestimmte Gebiete in Fars hatten und er somit aus einer Familie von Monarchen stammte (2003: 256). Daher ist seine Behauptung nicht unbedingt eine Lüge. Was versucht Darius dann mit seiner Genealogie? Es gibt eindeutige Beispiele von Usurpatoren, die nicht versucht haben, einen Stammbaum zu erstellen, um ihren Anspruch auf den Thron zu begründen. Das klassische Beispiel ist der neuassyrische Herrscher Sargon II., der nie einen Stammbaum vorlegte, um seinen Anspruch auf den Thron zu belegen. Darius behauptete jedoch nicht, dass er keinen königlichen Stammbaum hatte, sondern begründete sein Recht auf den Thron mit seiner Familie. Allerdings nennt er außer den Familiennamen keine weiteren Einzelheiten. Anders als Cyrus gibt er keinen geografischen Ort für das angebliche Königreich seiner Vorfahren an. Dareios versuchte also, mit Hilfe seiner Genealogie neu zu definieren, was es bedeutet, der rechtmäßige Monarch zu sein. Briant bemerkt: "Dareios erlangte die Macht nicht, weil er ein Achämenide (im Sinne des Clans) war, sondern weil er durch seinen Aufstieg zum Königtum die Realität dessen, was es bedeutete, 'Achämenide' zu sein, neu definieren konnte" (2002: 111).
Judah and the Judeans in the Achemenid Period – Negotiating Identity in an International Context
Es waren auch Darius und Darius II. die sich arisch und ihre Heimat das Land der Arier (Iran) nannten. Es ist menschliche Frühzeit und Wilhelm lag mit seiner zeitlichen und geographischen Einordnung über den Ursprung des Königtums womöglich nicht weit von der Wahrheit entfernt. Genesis erwähnt Nimrod als dem ersten der mächtig wurde, der erste aller Könige (in der hebräischen Wahrnehmung). Diese antiken Akteure entschieden maßgeblich den weiteren Verlauf der Geschichte und prägten die Begriffe und Strukturen die für lange Zeit vorherrschend waren, so mag sich der spätere Adel etwas über den "arischen" Ursprungs ihrer Herrscherkaste zusammengereimt haben und als Reaktion auf die neuen Wissenschaften wie der biologisch-zoologischen Vererbungslehre eine rassistische gegenübergestellt haben welche die Höherwertigkeit der eigenen Abkunft bestätigen soll. Wie sehr und wie viele davon tatsächlich überzeugt waren sei dahin gestellt, wie im Zitat vorhin erwähnt ging es auch darum "zu beweisen dass der Adel in der Republik notwendig ist", sie waren sich also des Wandels der Zeit bewusst und wollten die eigene Stellung als Elite durch eine Neudefinition als Führertum wahren, mit Programmen wie "Neuadel aus Blut und Boden" und "Dem Adel sein Recht".
Auf Blut und Boden baut der Führer sein Drittes Reich. Wir haben seit 7 Jahrhunderten um die Blutauslese gewußt und haben auf altbewährter Rasse und Kultur mit weiser Wahl unseren Blutsstrom aufgebaut und fortgeführt. [...] Alle die großen Ideale, die der Führer dem deutschen Volke gesetzt hat, sie stammen aus alt-germanischem Erbgut und nicht zuletzt aus den tiefsten Schatzkammern des deutschen Adels. So ist der deutsche Adel dem Nationalsozialismus von Grund auf wesens- und stammverwandt. Zur Zeit der roten Regierungen hieß es: herunter mit der Aristokratie, wir wollen alle Proletarier sein. Jetzt heißt es umgekehrt: Der einfache Mann aus dem Volke soll emporsteigen, und auf der Ebene einer wahren Aristokratie wollen wir alle uns wieder treffen. [...] Was die Zukunft uns bringen wird, überlassen wir Gottes Hand und der Erleuchtung des Führers. Eines aber wissen wir. Unser altes Geschlecht ist kein Fremdkörper im Dritten Reich, der morscht und zerfällt, es ist ein tragender Quader im Bau, gehärtet in Jahrhunderten. [...] Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!
Friedrich v. Bulöw, 1935
1921 sah ein alldeutscher Baron das EDDA-Projekt als die bewußte Fortsetzung der von jeher schon vom Adel durch Pflege der Stamm und Ahnenkunde geübten [...] Auswahlzüchtung [...]. Die Einstellung des Adels auf den Auslesegedanken und die Rassezüchtung ist daher für den Adel gar kein neues, sondem eigentlich ein selbstverständliches Ziel.
Stephan Malinowski
Ich kann Möpse züchten, und ich kann Dackel züchten, aber wenn mir das Malör (sic) passiert, und ich den Korb voll junge Dackelmöpse kriege, so werden sie mit Fug und Recht ersäuft. Das ist weder antimopsisch noch antidackelig, sondern ein Ausfluß der jahrhundertealten Erfahrung, daß alle Bastarde minderwertig sind.
Börries Frhr. v. Münchhausen
Es gibt weitere interessante Paradigmenwechsel im Zuge der Neuzeit. Man kann jemanden nur als wohlhabend bezeichnen im Vergleich zu jemanden der weniger hat, es kann nur Reiche geben, wenn es Arme gibt, sie haben zu viel, was anderswo fehlt. Die Mächtigen waren nur mächtig wenn sie über anderen standen, für Mächtige muss es Unterdrückte geben, die Formulierung dass ihre Macht vom Volk beziehen ist eben die Idee der Republik und Demokratie. Dabei stellt man fest, dass was sich ändert bloß die Einstellung der Menschen zum Gegenstand ist, dass die Politik bloß ein Instrumentensatz ist der variieren kann. In Wirklichkeit *ist* jeder Politiker und beeinflusst mit seinen Entscheidungen tagtäglich den Verlauf der Gesellschaft mit, ob das nun im politischen Apparat erkannt und gefördert wird oder nicht. So ist auch Sozialismus und Kommunismus viel mehr ein Größe als eine Entscheidung, niemand kann alleine sein Leben bestehen, jeder bezieht aus der Gesellschaft und was er mit seinem Leben tut ist was er zurück gibt, ob sich das beziffern lässt hängt vom verwendeten Wertesystem ab.
Um also von der antiken Epoche in der sich die Ansprüche auf Herrschertum durch Abstammung etablierten weiter in die Zeit des im Artikel behandelten antiken Judentums zu springen zitiere ich nochmal das Buch:
Von Rad schlug eine dreiteilige Struktur für P (Priesterschrift) vor. Er unterschied zwischen "drei mächtigen konzentrischen Kreisen . . die von außen nach innen fortschreitend in das Heilsgeheimnis Gottes einführen: der Weltkreis, der Noahkreis und der abrahamitische Kreis".
[…]
Der Kreis Abrahams umfasst "das abrahamitische Haus", bestehend aus den Arabern ("Ismael"), Israel (d. h. "Samaria") und Juda ("Jakob") sowie Edom ("Esau").
[…]
Dieser abrahamitische Kreis wird durch den abrahamitischen Bund in Genesis 17 definiert, der den teilnehmenden Bundespartnern Fruchtbarkeit, Landbesitz (was eher ein Recht auf Nutzung als auf Besitz zu bedeuten scheint) und Nähe zu Gott verspricht. The circle of Israel narrows the focus down to the nation of God alone. It is generally concerned with the establishment of the sanctuary, which enables the sacrificial cult of Israel. This sacrificial cult alone is what allows Israel to achieve atonement. The sanctuary and the implementation of the cult seem to function as the partial restoration of the initial creation, in the sense of a second “creation within creation.” The circle of Israel is not established by its own covenant because the foundational promise of the presence of God (“I will be your God”) was already given in Gen 17:7 (cf. Exod 6:7, 29:45–46).
[…]
Ob der Abraham des priesterlichen Schreibers sich dessen bewusst ist oder nicht, er bittet darum, dass Ismael Jhwh's Priester wird; und es ist diese Bitte, die Ismael verweigert und stattdessen dem noch nicht geborenen Isaak angeboten wird. In diesem ganzen Austausch (V. 18-21) geht es also nicht um die Frage, ob Ismael im Land Kanaan leben darf - das Recht Ismaels, in Kanaan zu leben, ist in V. 8 ein für allemal geklärt -, sondern nur darum, ob es einen weiteren Sohn braucht, d. h. eine weitere Kategorie unter Abrahams multinationalen Nachkommen. Und die Antwort auf diese Frage lautet ja. Sarahs Sohn Isaak wird jene Nachkommen Abrahams zeugen, die dazu bestimmt sind, Jhwhs priesterliches Volk zu werden.
Judean Identity abd Eucumenicity, Konrad Schmid
Ein weiteres auffälliges Merkmal des Buches Esther ist die weitgehende Abwesenheit von Gott in diesem Buch. Dies hat natürlich zu zahlreichen Spekulationen über versteckte Anspielungen, Doppeldeutigkeiten usw. Anlass gegeben. Andererseits ist es falsch, den scheinbar "säkularen" Charakter des Buches als Hinweis auf eine geringere Qualität des Buches zu betrachten. Ich denke, wenn wir uns der Esther-Geschichte mit den Bemerkungen über Gott nähern, die oben bei der Behandlung von Genesis 20 gemacht wurden, wird etwas Licht in die Angelegenheit gebracht. Der persönliche Gott der Patriarchen wurde in 1. Mose 20 in ein universelles göttliches Wesen verwandelt, zu dem Israeliten und Heiden sprechen können und an dessen universelle Gesetze sich sogar scheinbar fremde Könige halten können. Dieser Wandel von einem persönlichen zu einem universellen Gott wird in Esther noch einen Schritt weitergeführt. Da keine der Handlungen, die zu einer Gefährdung der Juden in Persien führen, ausdrücklich mit dem religiösen Faktor in Verbindung gebracht wird, ist das Fehlen eines direkten göttlichen Eingriffs vielleicht verständlich. Nur am Rande sei erwähnt, dass die offensichtliche Nichteinmischung Persiens in die religiösen Angelegenheiten seiner Untertanen Persien zu einem idealen Schauplatz für die Legitimation eines neuen Festes macht, das den üblichen Vorstellungen von biblischen Festen zu widersprechen scheint. Der Konflikt zwischen Mordechai und Haman, von dem in Esth 3,1-15 berichtet wird, wird häufig unter Bezugnahme auf Exodus 20,1-5 interpretiert. Zwar wird חוה in der Bestimmung von Exod 20,5 verwendet, aber nichts im Text von Esther deutet darauf hin, dass Haman irgendeine göttliche Eigenschaft hatte, und nur der Targum fügt diesen Aspekt hinzu, indem er angibt, dass Haman das Bildnis eines Götzen auf seiner Kleidung trug. [Das Motiv der Göttlichkeit Hamans kommt nur in Judg 3,8 vor, wo Nebukadnezar göttliche Ehren beansprucht: "Und er zerstörte alle ihre Heiligtümer und schändete ihre kultischen Haine. Er erhielt den Befehl, alle Götter der Erde auszulöschen, damit alle Völker der Erde allein Nebukadnezar dienen und alle Sprachen und Stämme ihn allein als Gott anbeten sollten"] Trotz Mordechais Aussage, dass er ein Jude ist (Esth 4:4bβ), gibt es in der hebräischen Bibel Beispiele, in denen es vollkommen akzeptabel ist, sich vor einem anderen Mann niederzuwerfen (siehe Gen 23:7, 27:29; 1 Kön 1:31). Die Kombination der hebräischen Verben חוה und כרע ist normalerweise Gott vorbehalten (Ps 22,30; 95,6; 2 Chr 7,3), "aber wenn Götzendienst die Ursache für Mordechais Nichteinhaltung ist, schweigt der Text seltsamerweise darüber. Außerdem ist es schwer zu verstehen, warum der König befiehlt, einen Untergebenen wie einen Gott zu behandeln, wenn er es selbst nicht ist." Esth 3:4bβ (כי הגיד להם אשר הוא יהודי ) scheint eher auf Esth 3:8-15 vorauszuschauen, als dass es als angemessener Grund dafür dienen würde, warum Mordechai sich weigert, sich zu beugen.
The Absent Presence, Anselm C. Hagedorn
Die Historizität einer Geschichte nach ihrem Realitätsgrad zu beurteilen, bedeutet, Wahrheitsähnlichkeit mit Historizität zu verwechseln.
Adele Berlin
Was für uns heute Märchen und Mythen sind war für unsere Vorfahren die einzig wirkliche Realität. Zweifellos haben die Glühbirne, die Medizin, Hygiene und die Bildung den Teufel besiegt, und dennoch selbst wenn man ihn für ein Hirngespinst hält (das Tier, das Tier im Menschen ist wohl kein Hirngespinst) hatte er enormen Einfluss auf die Menschengeschichte. Die Welt die wir durch unsere Augen sehen ist ein Bild in unserem Kopf, wir erleben unsere eigenen Sinne, unsere eigene Wahrnehmung, nicht eine äußere Welt "an sich" (Kant). Die Natur, die Tier- und die Pflanzenwelt können sich nicht an die Grenzen halten die wir auf eine Landkarte drucken weil sie nicht existieren, in der Welt gibt es weder Geschwindigkeitsvektoren noch Meter oder Minute. Es sind Konzepte des menschlichen Geists. Die Logik ist eine Disziplin der Philosophie, die Mathematik eine Disziplin der Logik, das ist die griechische Schule und der Ursprung und Grundlage der unseren, deshalb ist es für uns klar und einfach zu verstehen wenn die alten Griechen von Kosmos und Chaos, Ordnung und Unordnung sprechen, wenn aber die jüdische Kabbala von den Sephiroth oder die Vedantas vom Brahman sprechen so ist das nicht logisch und deshalb auch nicht *richtig*, denn richtig *oder* falsch ist eine ganz spezifische logische Operation. Um also fremde und alte Kulturen zu verstehen muss man in der Lage sein sich vom eigenen Weltbild zu lösen. Wir gehen immer gerne davon aus, dass wir allen vergangenen Menschen überlegen sind, schließlich hätten wir ja alle deren Erfahrungen hinter uns, in Wirklichkeit steckt darin ein Trugschluss, niemand hat all die Erfahrungen gemacht, man verlässt in fast allem auf die Aussagen anderer. Fortschritt wird heute als Mantra gepredigt und dabei vergessen dass zu schnelles Wachstum nicht erhalten werden kann oder am anderen Ende etwas verloren geht, so sind im Laufe der Geschichte eine Menge Dinge auf der Strecke geblieben, wie etwa Naturverbundenheit. "Nicht Waffen töten Menschen, sondern Menschen töten Menschen", die Technologie is sogar nur oberflächlich, viel ursächlicher und deshalb bedeutender sind die grundlegenderen, einfacheren Dinge und so sind die frühesten Fragen der Menschheit auch die am längsten währen und unsere "Überlegenheit" gegenüber unseren Vorfahren auch bloß eine die wir uns nur gerne selbst bestätigen wollen.
Am oberen Ende des sozialen Spektrums der Adelsorganisationen sind eine Reihe von Interessenverbänden der reichsten Adelsgruppen zu nennen, in denen auch die Leitung allein in den Händen reicher Grandseigneurs lag. Zu den wichtigen Organisationen dieses Typus gehörten der Verein deutscher Standesherren, der Reichsgrundbesitzerverband, der (bayerische) Verein für den gebundenen Grundbesitz und die lokalen Waldbesitzerverbände, die im Reichsverband deutscher Waldbesitzerverbände zusammengeschlossen waren. Von Bedeutung waren diese Verbände v. a. durch den erheblichen, in den Händen einer hauchdünnen adligen „Oberschicht“ konzentrierten Reichtum, der hier vertreten und verteidigt wurde.
Die deutschen Standesherren hatten eine eigene Interessenvertretung, deren Gründung auf das Jahr 1863 zurückging. 1903 gab es 88 Chefs standesherrlicher Häuser (55 Fürsten und 33 Grafen), die sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg fast geschlossen im Verein der deutschen Standesherren organisierten. Der Verein hatte Mitte der 1920er Jahre etwa 200 Mitglieder, davon 71 Familienchefs und etwa 123 Agnaten.
Die Satzungen bestimmten als Ziel der Vereinigung 1921 die „Belebung und Erhaltung des Standesbewußtseins, die Wahrung der gemeinsamen Ideale und Interessen der standesherrlichen Häuser auf der Grundlage der geschichtlichen Vergangenheit“. Neben den Häuptern standesherrlicher Familien konnten auch alle volljährigen Agnaten Mitglied werden, solange sie die Bedingungen des Goldenen Buches der deutschen Standesherren erfüllten. Auf diese Weise wurde im Jahre 1921 ein im Vergleich zur DAG Satzung „moderater“ Arierparagraph (in Form einer rassisch definierten 16-Ahnen-Probe) festgeschrieben, der später offenbar außer Kraft gesetzt und erst nach 1933 wieder scharfgemacht wurde.
Dies ist jedoch eine der wenigen Spuren einer Annäherung an die Radikalisierungstendenzen im Kleinadel, die sich in den Interessenvertretungen des großgrundbesitzenden Adels finden läßt. Charakteristisch für diese Verbände war eine andere Linie.
Weit eindeutiger als etwa der Reichslandbund und die lokal organisierten Landbünde blieben die Großgrund und Waldbesitzervereine, die hinter den Kulissen einen erheblichen Teil der Agitation gegen die Auflösungsbestimmungen über den gebundenen Besitz organisierten und finanzierten, von den reichsten Familien des alten Adels dominiert. Da es sich bei diesen Verbänden um die Vertretung der reichen, großgrundbesitzenden Grandseigneurs - häufig aus Familien des Hochadels — handelte, überrascht es nicht, daß sich die hier organisierte Sacharbeit fast vollständig auf die Besitzverteidigung konzentrierte, In scharfem Kontrast zur DAG stand im Mittelpunkt dieser Vereine nicht der Angriff auf die Republik, sondern die Verteidigung der eigenen Besitzstände. Der Tonfall der hier geführten Debatten war eher defensiv als aggressiv. Es war v. a. eine Frage, auf die sich die Bemühungen konzentrierten: die politische und propagandistische Abwehr der mit dem Zwangsauflösungsgesetz Ende 1920 beschlossenen Auflösung der Fideikommisse. Vertreter des Hochadels aus allen Teilen Deutschlands hatten sich unmittelbar nach Kriegsende auf die Bildung effektiv arbeitender Sachaus schüsse verständigt, in denen diverse Abwehrstrategien bis weit in die 1930er Jahre hinein debattiert und koordiniert wurden. Eine kaum zu überschätzende Bedeutung für die Absicherung adliger Landgüter kam dieser Rechtsform, trotz erheblicher regionaler Unterschiede, im ganzen Reich zu. Wenige Zahlen sollen hier genügen, um die Verbindung dieses Rechtsinstitutes mit dem Adel anzudeuten: In den alten preußischen Provinzen besaß der Adel mit seinen Fideikommissen ca. 2,5 Mio. Hektar, was über 7,3% der landwirtschaftlichen Gesamtfläche entsprach. Unter den 1.160 preußischen Fideikommißinhabern waren 1912 ganze 136 bürgerliche Gutsbesitzer vertreten, die wenig mehr als 2% der gesamten Fideikommißfläche besaßen und in der Größenordnung über 10.000 Hektar nicht mehr vorkamen. In Württemberg waren bei Kriegsende 6,6% der landwirtschaftlichen Gesamtfläche fideikommissarisch gebunden. 90,4% dieser Flächen gehörten adligen Familien, nur 0,33% der gebundenen Flächen waren in bürgerlicher Hand.
Die vom Adel koordinierten Versuche, die Regelung der Auflösungs-Verordnungen von 1920 in den Rechtsausschüssen und Parlamenten immer wieder zu verzögern, blieben nicht ohne Erfolg - in Preußen waren 1934 erst ca, 50% des gebundenen Grundbesitzes „frei“ geworden.
Die Tatsache, daß später auch Teile des großgrundbesitzenden Adels die NS-Landwirtschaftspolitik — trotz ihrer völkisch-agrarsozialistischen, v. a. seit Darres Aufstieg explizit adelsfeindlichen Propaganda - als Chance verstanden, läßt sich nur im Hinblick auf die zähe Abwehrschlacht begreifen, die von den adlig dominierten Grundbesitzerverbänden seit 1919 gegen die Auflösung der Fideikommisse geführt worden war. Lange Zeit war die Hoffnung auf ein nach adligen Vorstellungen modelliertes „Reichserbhofgesetz“, das dem grundbesitzenden Adel einen akzeptablen Ersatz für das Fideikommiß-Recht geschaffen hätte, eine wichtige Brücke zum Nationalsozialismus, deren Tragfähigkeit selbst von reichen bayerischen Fürsten getestet wurde. Bei den dokumentierten Sondierungen der NSDAP-Leitung scheint es v. a, um den Versuch gegangen zu sein, führende Parteifunktionäre für die Akzeptanz adliger Besitzinteressen zu gewinnen.
Die überlieferten Protokolle und Schriftwechsel des Standesherrenverein des Reichsgrundbesitzerverbandes und der diversen regionalen Fideikommiß, Wald- und Grundbesitzerverbände sprechen die Sprache rationaler Interessenspolitik, die sich institutioneller Schalthebel bedienen und auf demagogische Propaganda weitgehend verzichten konnte. Statt hochideologischer Debatten organisierten die Stäbe dieser Verbände Rechtsgutachten, Handbuch- und Lexikonartikel, bischöfliche Gutachten zur Eigentumsfrage, Expertisen zu Grund- und Einkommenssteuerfragen, Denkschriften gegen den Bund Deutscher Bodenreformer, agrarwissenschaftliche Gutachten gegen sozialdemokratische Fachleute und griffen über renommierte Professoren in die wirtschaftswissenschaftlichen und politischen Debatten um Nutzen und Leistungsfähigkeit des (gebundenen) Großgrundbesitzes ein.
Die organisatorische und finanzielle Leistungsfähigkeit der Verbände wurde zudem für taktische politische Ziele eingesetzt, so etwa in der erfolgreichen Propagandaschlacht gegen den 1926 initiierten Volksentscheid zur Fürstenenteignung. Mit einigem Erfolg bemühte sich die rechte Gegenpropaganda, die geplante Enteignung als bolschewistisch-gottlose „Straßenräuberei” darzustellen. Insbesondere katholische Adlige hatten sich vielfach an Kleriker gewandt, um die Beteiligung am Volksbegehren in Hirtenbriefen und Predigten zum Sündenfall erklären zu lassen.
Diese Arbeit scheint v. a. jenseits der Öffentlichkeit geleistet und in Form von Eingaben an staatliche Stellen bzw. die Verbindungsmänner in den Rechtsausschüssen der Parlamente weitergeleitet worden zu sein. Anders als in den kleinadligen Debatten findet sich hier durchgängig die sachlich-kühle Sprache juristischer Fachleute. Auch die Öffentlichkeitsarbeit dieser Interessenverbände verpackte ihre Botschaften nicht in Theoreme über die Rechte der nordischen Rasse, sondern in endlose Zahlenreihen, die von Reichsforstwirtschaftsräten oder promovierten Ministerialdirektoren a. D. präsentiert wurden. So reagierte etwa, um zwei illustrative Beispiele zu nennen, der Reichsgrundbesitzerverband auf die agrarpolitischen Schriften Professor Friedrich Aereboes, der als agrarwissenschaftlicher Fachmann der Linksparteien zu einigem Einfluß gelangt war, mit der Organisation von Gegengutachten, deren Autoren stets gehalten waren, ihre Verbindungen zum Verband nicht öffentlich zu machen. Einem Antrag der DDP-Fraktion im preußischen Landtag mit dem Ziel, die Auflösung der Fideikommisse zu beschleunigen, trat 1921 der adlige Vertreter eines Grundbesitzerverbandes entgegen, der sich auf die im Verband geleistete statistische Vorarbeit stützen konnte: Auf nur 500 der ca. 1.300 gebundenen Güter Preußens waren 167 Kunstsammlungen, 154 Bibliotheken, 42 Kleinkinderund Krüppelschulen, 2 Waisenhäuser, 84 Armenund Altersheime, 46 Hospitäler, 66 Schwesternstationen, 8 Warenhäuser für Angestellte und Arbeiter und 79 Stiftungen für Kirchen und Schulzwecke vorhanden. „Es wäre interessant festzustellen“, heißt es in diesem Gutachten, „wie viele solcher [...] Einrichtungen sich wohl auf 500 nicht fideikommissarisch gebundenen Gütern finden möchten. Mutmaßlich nicht eine einzige!“ Im Januar 1933 finanzierte der Standesherrenverein einen Doktoranden, der versprach, in seiner Dissertation über „das Recht des hohen Adels“ die Interessen des Hochadels durch „wissenschaftliche“ Argumente zu befördern. In Württemberg hatten Standesherren einen promovierten Archivar mit der Abfassung historisch-juristischer Schriften beauftragt, die Titel wie „Dem Adel sein Recht“ oder „Recht vor Gewalt“ trugen und vor der „gewalttätigen“ Auflösung der Fideikommisse warnten. Neben dem eklatanten „Rechtsbruch“ sprachen die Broschüren von den unzähligen Wohltaten der Fideikommisse für die Landbevölkerung und von rakter als materielle Grundlage des christlichen Abendlandes, welche kultur- und ruchlose Sozialisten durch die Fideikommißauflösung angriffen.
Diese von reichen Grandseigneurs finanzierte Form professioneller und effektiver Verbandsarbeit trägt durchgängig Züge nüchtern-technokratische, Fachdebatten, in denen Adlige von Sachverständigen jenseits ideologische, Höhenflüge beraten werden.
Inhalt und Ton einer Tagung der preußischen Waldbesitzerverbände in Berlin, für die sich 1929 18 adlige Waldgutbesitzer und 17 bürgerliche Juristen und Forstwirte versammelt hatten, um die Abwehr der geplanten Fideikommiß-Auflösungen zu konzertieren, sind charakteristisch für diese Form adliger Verbandsarbeit. Nach den nüchternen Referaten eines bürgerlichen Ministerialrats a. D. und eines promovierten Landesforstmeisters bestand Einigkeit über die Unbrauchbarkeit staatspolitischer und ideologischer Argumente, Ziel der hier vereinbarten Strategie war es, die Zentrums-Fraktion „vor den Wagen zu spannen“. Um den Gesetzentwurf in Staatsrat und Parlament zu Fall zu bringen, sollte die Debatte ausschließlich mit „volkswirtschaftlichen Argumenten“ geführt werden: „Das ist selbstverständlich vorbereitet.“
Die Versuche, den gebundenen Großgrundbesitz der reichen Adelsfamilien vor der Aufsiedelung zu bewahren, finden sich als Hauptanliegen dieser Verbände auch noch lange nach 1933 — angesichts der vom Reichserbhofgesetz verwehrten Möglichkeit, Grundbesitz über 125 Hektar als „Erbhof“ in einer Hand zusammenzuhalten, waren die Juristen standesherrlicher und sonstiger Großgüter auch noch zu Beginn des zweiten Weltkrieges mit der Ausarbeitung rechtlicher Hilfskonstruktionen beschäftigt, mit denen sich die Bestimmungen der Erbhof-Gesetzgebung umgehen ließ.
Ungeachtet der deutlichen Unterschiede in Methoden und Stil pflegten alle diese Verbände personelle und organisatorische Verbindungen zur DAG so wie den Parteien und Verbänden der Rechten. Mit dem Forstrat Georg Escherich, um nur ein Beispiel zu nennen, setzte der Standesherrenverein auf Vorschlag seines Vorsitzenden Fürsten zu Stolberg-Wernigerode bereits im Frühjahr 1919 einen der kommenden Männer der radikalen Rechten als „Sonderbeauftragten“ ein. Radikalisierung und aggressive Agitation solcher Verbündeten scheinen auf die nüchtern-unauffällige Sacharbeit der adligen Großgrundbesitzer-Verbände jedoch nicht sichtbar abgefärbt zu haben. Größere Geldsummen zahlten die adlig dominierten und überaus finanzstarken Großgrundbesitzervereine an diverse „überparteiliche“ Organisationen, so etwa der Verein für gebundenen Grundbesitz in Bayern seit 1926 an den Bayerischen Heimat- und Königsbund.
Diese Beobachtung ließe sich verschwörungstheoretisch als Arbeitsteilung innerhalb des Adels deuten. Doch mit der Annahme, der bettelarme und der immens reiche Adel hätten mit unterschiedlichen Methoden arbeitsteilig die selben Ziele verfolgt, würde man die enormen lebensweltlichen Unterschiede übersehen, die zwischen der Klientel der DAG und den Mitgliedern der standesherrlich dominierten Interessenverbände bestanden. Ausbildung, soziale Stellung und v. a. der Reichtum der Grandseigneurs ermöglichten die Durchsetzung der eigenen Interessen auf Wegen, die dem völkisch-aggressiven Amoklauf der DAG an politischem Überblick, v. a. aber an Wirksamkeit klar überlegen waren. Eine ungefähre Vorstellung von den pekuniären Welten, die zwischen einem durchschnittlichen DAG-Mitglied und einem Standesherren lagen, vermittelt der Mitgliedsbeitrag, der für den Standesherrenverein zu entrichten war. Mit 1.500 Mark überstieg dieser den DAG-Jahresbeitrag etwa um das 200-fache. Diese Relation findet sich auch bei in wirtschaftliche Bedrängnis geratenen Standesherren wieder, die sich um eine Unterstützung des Vereins bemühten. 1940 bat eine standesherrliche Gräfin nicht etwa um einen Sack Kartoffeln oder ein paar Schuhe, sondern um die Übernahme der Schulden ihres Sohnes in Höhe von 1.500 Mark - eine Dimension, die jenseits des DAG-Budgets lag.
Die weitgehend unerschütterte Festigung in Wohlstand und Tradition, die für die dominierenden Adligen der Großgrundbesitzerverbände weitgehend gelten dürfte, scheint die frühe Distanz insbesondere zur völkischen Bewegung erleichtert zu haben, die den reichsten Segmenten des Adels auch tatsächlich nichts zu bieten hatte. Alfons Frhr. v. Redwitz aus dem Vorstand eines bayerischen Verbandes verwarf nach einer Kontaktnahme im Sommer 1924 das Programm der Völkischen, das er als verworren, besitzerfeindlich und in der Monarchiefrage „unerfreulich“ ansah.
Zwar läßt sich die finanzielle Unterstützung demagogischer Agitation - wie etwa im Falle der Dolchstoß-Propaganda und der Abwehrschlacht gegen die Fürstenenteignung — nicht übersehen, Einfluß und Wirkung dieser Verbände resultierten jedoch eindeutig aus der geschilderten Sacharbeit, die über persönlich hergestellte Kontakte jenseits von Boulevardpresse, Flugzetteln und Bauernagitation verlief. Anders als der vielfach sozial ruinierte „Etagenadel" in der DAG befanden sich die hier aktiven Grandseigneurs in ihren Schlössern zumeist noch auf eben jener sozialen Basis, auf der adlige Herrschaft jahrhundertelang organisiert worden war. Von dieser gesicherten Basis aus wurden die Hebel moderner Verbandspolitik bewegt. Für den süddeutschen Raum und insbesondere für Bayern sei dieser Typus an einem prominenten Beispiel illustriert. Aus dem Kreis der einflußreichsten Vertreter des katholischen Adels in Bayern ist ein fränkischer Gutsbesitzer hervorzuheben, dessen Einfluß sich v. a. aus einer auch für grandseigneuriale Verhältnisse ungewöhnlichen Akkumulation von Ämtern in neugegründeten Interessenverbänden speiste. Moritz Frhr. v. Franckenstein (1869-1931) war nach Abitur, Studium und juristischen Prädikatsexamina in den bayerischen Staatsdienst eingetreten. 1908 Regierungsrat und 1914 Mitglied der Kammer der Reichsräte, gehörte er als Landtags-, später als Reichstagsabgeordneter auf dem rechten Fiügel des Zentrums zu den einflußreichen Gegnern Erzbergers und der Friedensresolution. Bei Kriegsende wurde der Gutsbesitzer einer der maßgebenden Begründer der BVP. Gemeinsam mit Erwein Fürst v. d. Leyen gründete Franckenstein den Verein für gebundenen Besitz, dessen erster Vorsitzender er wurde; eine Schlüsselposition, zu der seine Vorstandsämter im Bayerischen Waldbesitzerverband, im Reichsgrundbesitzerverband, im Christlichen Bauernverein und in der Landesbauernkammer Bayern hinzukamen. Neben dieser Anhäufung von Ämtern, die neben grandseigneurialer Interessenvertretung von der Suche nach einer adlig-bäuerlichen Ausgleichspolitik zeugt, gehörte Franckenstein zu den Wortführern im Wirtschaftsbeirat der BVP, einem wichtigen Scharnier zur Durchsetzung adliger Interessen. Dies steht im Einklang mit dem von ihm maßgeblich inszenierten Brückenschlag zwischen adligen Großgrundbesitzern und bürgerlichen Schwerindustriellen: Auch an der Gründung des Gäa-Kreises war Franckenstein federführend beteiligt. Die herausragende Stellung des katholischen Monarchisten fand ihre Repräsentation auch in den bayerischen Adelsverbänden: Der Baron war zweiter Vorsitzender der Genossenschaft katholischer Edelleute in Bayern und saß im Vorstand der bayerischen DAG-Landesabteilung. Seine aktive Arbeit konzentrierte sich jedoch eindeutig auf die landwirtschaftlichen Interessenverbände, die mit einigem Erfolg agierten. Die Tatsache, daß trotz des Fideikommißauflösungsgesetzes noch ein Erbgang nach den alten Fideikommißbestimmungen abgewickelt werden konnte, verdankten die adligen Gutsbesitzer der von Franckenstein hinter den Kulissen konzertierten Verbandspolitik. Bei seinem Tod nach einem Autounfall im Jahre 1931 war der Baron der weithin „anerkannte Führer des bayerischen Adels“.
Zwar verfügte Franckenstein über exzellente Kontakte zur alten und neuen Rechten, die mit Sicherheit über Bayern hinausreichten. Es fällt jedoch auf, daß bei den Adligen, von denen die Arbeit der Interessenverbände koordiniert wurde, völkische Symbolik ebenso wie die Selbststilisierung zu „Führern“ weitgehend fehlen. Vermutlich war der Bedarf nach solchen Selbstdarstellungen deshalb gering, weil die alten Muster adligen „Herrentums“ in diesen Kreisen tatsächlich noch ungebrochen fortgeführt werden konnten. Die weitgehend intakte materielle Basis dieses „Herrentums“ diente den politisch aktiven Grandseigneurs als fester Untergrund, auf dem die komplette Klaviatur moderner und effizienter Verbandspolitik gespielt werden konnte.
Neuadel aus Blut und Boden
Die im Reichserbhofgesetz vom Oktober 1933 festgeschriebene Höchstgrenze von 125 Hektar, die für die „Erbhöfe“ gelten sollte, das Verbot zur Bindung von Waldgütern und die Auflage der eigenständigen Bewirtschaftung hielten als agrarromantische Vorstellungen den Erfordernissen totaler Kriegsführung nicht stand. In seiner meisterhaften Vivisektion des NS-Staates notierte Franz Neumann 1942 über Darres Ideal der mittelgroßen Bauernhöfe, man könne „vom Nationalsozialismus kaum erwarten, daß er Effizienz einem Anachronismus opfert. Nur die Ideologie bleibt romantisch und steht damit wie üblich im Gegensatz zur Wirklichkeit.“ Auf anderen Wegen als Neumann im fernen New York war auch der großgrundbesitzende Adel unterdessen zu dieser aus seiner Sicht beruhigenden Einsicht gelangt. Einen Eindruck von der Entwarnung, die sich selbst im Kreis der adligen Latifundienbesitzer verbreitet haben muß, vermittelt das Protokoll einer Unterredung, die Alexander Fürst v. Dohna-Schlobitten im Sommer 1938 mit Darre führte. Der Fürst hatte sich beim Reichsbauernführer nach der Möglichkeit erkundigt, seine ostpreußischen Großgrundbesitzungen als Erbhof eintragen zu lassen. Das Protokoll des Gespräches versandte Dohna in etwas voreiliger Freude an die zuständigen Behörden: Darre hatte die im Reichserbhofgesetz eingebauten Ausnahmeregelungen und Übergangslösungen erwähnt, sich die Entscheidung über einzelne Anträge selbst vorbehalten und ausdrücklich formuliert, der NS-Staat sei daran interessiert, „den Grundbesitz alteingesessener Familien aus deutschem oder artverwandtem Blut in jeder Größe zu binden.“ Noch glücklicher verlief der Antrag für Josias Erbprinz zu Waldeck-Pyrmont, SS-Führer und Parteigenosse seit 1929, der als Duzfreund Himmlers 1936 zum SS-Obergruppenführer aufstieg. Der Antrag des Erbprinzen, seinen Landbesitz von über 5.000 Hektar als Erbhof anerkennen zu lassen, wurde 1938 vom kurhessischen Landesbauernführer protegiert. Dieser hatte in seinem Gutachten die außerordentlichen Verdienste des Antragstellers um die „Bewegung“ betont, den Prinzen als „bauernfähig und ehrbar“ eingestuft und darauf verwiesen, daß seine Vorfahren ihren Besitz nie durch Bauernlegen vergrößert hatten. Allerdings verlangte man vom Prinzen ein gewisses Entgegenkommen: Einen kleineren Teil seiner verpachteten Güter sollte er als „Landabgabe“ zur „Neusiedlung‘ abtreten. Nachdem der SS-General darauf eingegangen war, wurden seine Güter, welche die gesetzlich fixierte Höchstgröße von 125 Hektar um das Vierzigfache übertrafen und v.a. aus Waldbesitz bestanden, noch im Dezember 1938 als Erbhof zugelassen. Den NSDAP-Mitgliedern Otto Fürst v. Bismarck und Hermann Graf zu Dohna-Finckenstein war die Anerkennung ihrer Güter als Erbhof bereits Ende 1933 gelungen. Bismarck, ein Enkel des Reichskanzlers, hatte öffentlich verkündet, er werde „den Ehrennamen Bauer“ mit Stolz tragen. Vergleicht man diese Erfolge mit dem Mißerfolg des mehrfach erwähnten katholischen Fürsten Alois zu Löwenstein, wird deutlich, wie profitabel das Engagement in „Bewegung“ und NS-Staat auch in dieser Beziehung für den landbesitzenden Adel sein konnte. Der Antrag des Fürsten, seine über 7.000 Hektar großen Besitzungen als Erbhof zuzulassen, wurde 1940 mit dem Hinweis auf seine starke „konfessionelle Bindung“, seine Distanz zum „Deutschtum“ und seine nicht gegebene „Bauernfähigkeit“ abgelehnt. Zwar seien die Güter von kundigen Verwaltern mustergültig bewirtschaftet, dies jedoch nur, um die „standesgemäße“ Lebensweise des Fürsten abzusichern.
Die noch vor der Machtübergabe gescheiterte Mesalliance zwischen dem Hohenzollernhaus und der NS-Bewegung hatte ein mehrmonatiges Nachspiel, in dem die kaiserlichen Getreuen ein letztes Mal versuchten, ihre Restaurationspläne zu artikulieren. Nach dem pseudomonarchistischen Mummenschanz, den die NS-Führung am Tag von Potsdam inszeniert hatte, wurde die „Königsfrage“ zwischen Mai 1933 und April 1934 mehrfach von den offiziellen Vertretem Wilhelms II. bei Hitler vorgetragen. Vier Mal traten führende Monarchisten in dieser Zeit als Bittsteller auf, um die Möglichkeiten einer Restauration zu sondieren, einmal berührte auch der DAG-Vorsitzende Fürst Bentheim im persönlichen Gespräch mit Hitler die monarchische Frage. Anders als den Fürsten Bentheim, dessen vorauseilender Gehorsam die DAG inmerhin gegen das Verbot der monarchistischen Verbände vom Februar 1934 immunisieren und ein Reichsgesetz gegen den Mißbrauch adliger Namen erwirken konnte, ließ Hitler die Boten des Monarchismus auf Granit beißen, Etwa sechs Wochen nach dem Tag von Potsdam empfing Hitler den kaisertreuen Friedrich v. Berg, den gestürzten DAG-Adelsmarschall. Nach den Informationen, die der anwesende Reichswehrminister Werner v. Blomberg an den „Hausminister“ des Exilkaisers weitergab, hatte Hitler vage, jedoch weitgehende Versprechungen gemacht: „Als Abschluß seiner Arbeit sehe [Hitler] die Monarchie“, hieß es im Gesprächsprotokoll. In Frage käme allerdings allein die Hohenzollernmonarchie, eine Restauration der Throne in den Bundesstaaten sei abzulehnen. Der Zeitpunkt der Restauration sei allerdings noch nicht gekommen und die Monarchie nur als Ergebnis eines siegreichen Krieges denkbar. Bei einer zweiten Unterredung im Oktober 1933, die der Generalbevollmächtigte des Exilkaisers, General a. D. Wilhelm v. Dommes, mit Hitler führte, war die Tonlage bereits deutlich aggressiver. Das monarchistische Drängen seines Gesprächspartners wies Hitler „leidenschaftlich“ zurück: Die Aufgabe bestünde in der Niederwerfung von Kommunismus und Judentum. Der Kronprinz als Person und die Monarchie als Institution seien nicht „hart genug“ für diese Aufgabe. Im Februar 1934 schließlich wies Hitler die Emissäre in äußerst scharfer Form zurück. Das Gesprächsklima hatte sich im Vorfeld durch scharf antimonarchistische Reden aufgeladen, in denen u. a. Baldur v. Schirach und Richard Walther Darre Wilhelm II. als Feigling verhöhnt hatten. Dommes‘ Vorhaben, für die Ehre seines „angegriffenen Herrn mit der Waffe einzutreten“, scheiterte ebenso wie sein Versuch, mit seinen Klagen bei Hitler durchzudringen. In hochfahrendem Ton verbat sich Hitler nunmehr, in seiner „Aufbauarbeit“ fortlaufend von den deutschen Fürsten gestört zu werden. Zur Erreichung dieser Ziele — „Ausrottung der Verbrecher der November-Revolution“ und Aufbau der Reichswehr — benötige er 12-15 Jahre Zeit.
Ließen die Anfragen von Berg und Dommes bereits ein erstaunliches Ausmaß politischer Naivität erkennen, so wurde dieses von prominenten Standesgenossen noch weit übertroffen. Die vollständige Verkennung der politischen Lage durch adlige Monarchisten aus dem ehemaligen inner circle um den Kaiser illustriert eine im Herbst 1933 verfaßte Petition an Hindenburg - auch wenn sich diese Form der offensichtlich altersbedingten Realitätsblindheit nicht auf eine ganze Generation übertragen läßt.
Generalleutnant a. D. August v. Cramon hatte im Oktober 1933 eine an den Reichspräsidenten gerichtete Denkschrift verfaßt, in der die Wiedereinsetzung Wilhelms II. in seine königlichen Rechte, gewissermaßen als Geschenk zu seinem 75. Geburtstag im Januar 1934 vorgeschlagen wurde. Zur „Erbweisheit des Geschlechts“ kämen nunmehr Weisheit und Würde des Alters hinzu. Der „Führergedanke“ müsse zwangsläufig „im unsterblichen Führertum, der Erbmonarchie‘“ enden und Hitler werde dabei behilflich sein: „Adolf Hitler selbst ist, soweit bekannt, Monarchist.“
Von Beratern umgeben, die von der neuen Zeit mehr verstanden, hatte Hindenburg geantwortet, der Moment für die Rückkehr des Kaisers sei noch nicht gekommen. Von den absurden Bittschriften militärisch-monarchistischer Fossile abgesehen, wurde innerhalb der Adelsverbände und in privaten Korrespondenzen überall dort, wo überhaupt noch über eine Restauration raisoniert wurde, die Parole „abwarten“ ausgegeben. Für die DAG-Leitung wies Fürst Bentheim 1937 die „unerfüllbaren Forderungen“ in der „monarchischen Frage“ und der „Kirchenfrage“ zurück: Die monarchische Frage, so der Fürst, „steht unbeschadet der persönlichen Einstellung des Einzelnen für die DAG als solche nicht zur Debatte.“
Einige Monate nach Cramons Denkschrift prallten in Berlin die alte und die neue Rechte aus Anlaß der monarchistischen Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag Wilhelms II. am 27.1.1934 scharf aufeinander. Während im fernen Doom noch einmal die versammelten „Fürstlichkeiten in ihren alten, bunten Uniformen und de[r] fabelhaftfe] Schmuck der Damen [zu] bewundern“ waren, wurde die zentrale Festveranstaltung im Berliner Zoo von marodierenden SA-Schlägertrupps gestürmt. Hitler nahm die öffentlichen Demonstrationen monarchistischen „Eigen-Sinns“ zum Anlaß, die monarchistischen Verbände verbieten zu lassen. Der Bericht, den Rüdiger Graf v. d. Goltz, Vorsitzender des Reichsverbandes deutscher Offiziere und seit Mai 1933 Parteimitglied, über die Vorgänge verfaßte, zeugt vom Entsetzen über Äußerlichkeiten, das für die ältere Generation typisch war. Empört schilderte der 70-jährige Generalmajor a. D. die Vorgänge nach seiner Geburtstagsrede auf „unseren ehemaligen Obersten Kriegsherren“: „Zwei Stunden nach der Rede brach eine Horde teils in Zivil, teils unter Missbrauch des braunen Hemdes ein und hauste wie die Bolschewiken, misshandelte Offiziere und ihre Frauen, zerstörte Mobiliar und schoss Scheintotpistolen und Feuerwerkskörper mit lautem Knall ab, die die Damenkleider verdarben. [...] Ich sagte dann noch an die Versammelten: Das eben Erlebte wird Adolf Hitler niemals billigen. Lassen Sie sich in der Treue zu ihm nicht irre machen.“ Das überlieferte Entsetzen der anwesenden Adligen belegt weniger politische Differenzen als das drastische Fehlurteil der gealterten Monarchisten, die neben den nationalsozialistischen Zielen auch die Brutalität der dazugehörigen Methoden falsch eingeschätzt hatten.
Bezeichnenderweise fand die Sprengung der monarchistischen Kaisergeburtstagsfeiern mit Magnus v. Levetzow unter einem adligen Polizeipräsidenten statt, der vier Jahre lang der politische Chefkoordinator des Exilkaiser, war und im Nationalsozialismus das Vehikel gesehen hatte, mit dem Wilhelm II. dereinst zum Thron rollen würde, Der kaiserliche Admiral a. D. hielt bereits zu diesem Zeitpunkt keine Mittel mehr in der Hand, um gegen die Ausschreitungen vorzugehen. Bereits 1935 wurde Levetzow, bezeichnend auch dies, mit dem SA- und SS-Führer Wolf Heinrich Graf v. Helldorf durch einen Standesgenossen abgelöst, der seit längerem „zur Bewegung“ gehört hatte.
Auf einem Berliner Ball der Adelsgenossenschaft im Januar 1934 drang nach dem Bericht der Kolumnistin Bella Fromm eine braun uniformierte „Horde“ ein, die mehrere der anwesenden älteren Herren zu Fall brachte, mit den Helmen der adligen Offiziere Fußball spielte und die anwesenden Damen mit dem Revolver bedrohte. Das Parteiabzeichen, das viele der adligen Ballgäste nunmehr offen und nicht länger „verschämt unter dem Rockaufschlag“ trugen, wie Fromm zynisch vermerkte, erwies sich hier als unzureichende Versicherung gegen die entfesselten kleinbürgerlich-proletarischen Ressentiments. Der oben bereits zitierte Generalleutnant a. D. August v. Cramon, Präsident des Garde-Kavallerie-Klubs, wandte sich nunmehr hilfesuchend an den Kronprinzen und protestierend an eine NSDAP-Parteistelle: „Ich muss Ihnen leider bekennen, dass die Empörung über diese Vorkommnisse in unseren und nicht den schlechtesten Kreisen, die absolute Anhänger des Herrn Reichskanzlers Hitler sind, eine sehr große ist [...]“. Die Antwort, die Cramon von einen adligen Parteimitglied erhielt, bringt zum Ausdruck, wie wenig die alte Garde der kaisertreuen Monarchisten vom „faschistischen Stil“ (Mohler) verstanden hatte. In betont respektlosem Ton wurde Cramon mitgeteilt, daß „der grösste Teil von uns [...] durchaus nicht monarchisch gesonnen, sondern auf Hitler und das nationalsozialistische Programm eingeschworen [ist]. Zudem verrate ich Ew. Excellenz kein Geheimnis, wenn ich die Tatsache ausspreche, dass die Kampfrichtung der nationalsozialistischen Bewegung sich stets gegen Marxismus und Reaktion richtete und richtet. [...] Mit bitterem Schmerze sehen unsere Kameraden schon heute, dass an allen Ecken und Enden die Gegner aus dem bürgerlichen-nationalen Lager sich mit grossem Geschick nach vorne zu schieben verstehen. Für diese aber sind wir nicht in den Strassenkampf gezogen, nicht verwundet, nicht verhaftet worden. Wir haben das Recht, auch hier das Recht der Revolution, die eine nationalsozialistische Revolution ist, durchzusetzen. Das sind wir gerade den vielen Tausenden von Kameraden aus der Jungarbeiterschaft, die neben uns standen, als wir für die gute Gesellschaft noch indiskutierbare Rowdies und Hakenkreuzbanditen waren, vor unserem Gewissen schuldig.“
Aufräumkommando der SA
Eine Erklärung für die Schärfe der verwendeten Angriffe findet sich weniger in politischen als in sozio-kulturellen Differenzen. Wichtig ist, sich die enorme soziale und kulturelle Distanz zu vergegenwärtigen, die zwischen Schloß, Gutshaus und Casino einerseits, SA-Heim und „Sturmlokal“ andererseits lagen. Wie nicht anders zu erwarten, tat sich der bayerische Adel mit der nach 1933 notwendigen Mimikry besonders schwer. Auch dazu ein sprechendes Beispiel: 1936 sorgte die Ankündigung des Angriff, eine Artikelserie mit dem Titel „Menschen, die in Schlössern wohnen“ publizieren zu wollen, im bayerischen Adel für nervöse Unruhe. Das Blatt hatte die Entsendung einer „fliegenden Redaktion“ angekündigt, die sich vor Ort bei einer alten Adelsfamilie umsehen wollte, die „in generationenlangem Besitz von Schlössern“ war. Besorgt hatte der DAG-Hauptgeschäftsführer v. Bogen in einem Rundschreiben gewarnt, die Redaktion würde „wohl auch etwaige tatsächlich vorhandene Misstände nicht unerwähnt lassen.“ In der bayerischen DAG-Leitung kam an schnell überein, nicht gerade „den Schnurrbartfugger [...] in den Vordergrund“ zu stellen. Die Suche nach einem NS-treuen Vetter, der bereit war, sein Schloß und seine NS-Treue inspizieren zu lassen, nahm einige Zeit in Anspruch: „Also lasse Deinen bewährten Blick gleiten über die Mannen und treffe Deine Wahl nur sicher gut und sorgsam. Jedenfalls dürfte es sich empfehlen, dıe ‚Gekürten‘ vorher an einem Ort zwecks genauer Instruktion zu versammeln [...].“ Fürst Öttingen bat die Berliner DAG-Leitung um mehr Zeit, um „besonders geeignet erscheinende Schlossbesitzer“ ausfindig zu machen, wies den von Berlin gewünschten Termin zurück und schlug vor, „die ‚fliegende Redaktion‘ zuerst auf Reisen in andere, vor allem norddeutsche [Regionen] zu schicken, damit wir in Bayern inzwischen die Sache besonders sorgfältig vorbereiten können. In Kenntnis gesetzt, daß der Angriff „nicht gerade zu den sentimentalen Publikationsorganen“ zählte, suchte man nach Standesgenossen, deren Auftreten auch vor dem strengen Blick alter Kämpfer bestehen würden. Mit spöttischem Unterton wurde eine Entsendung der NS-Redakteure „nach Pöttmes, Thüngen oder Aystetten‘“ geplant, drei Güter, deren Besitzer zu den im bayerischen Adel relativ seltenen Parteigenossen gehörten. Tatsächlich scheint man der „fliegende Redaktion“ letztlich einen Besuch im Schloß des fränkischen Barons Aufseß vorgeschlagen zu haben.
Die lebensweltlichen Barrieren blieben v. a. zwischen den katholischen Grandseigneurs und dem Gros der Parteigenossen auch nach 1933 unvermindert hoch. Ein skurriles Beispiel für den Erhalt solcher Barrieren bot im Herbst 1938 ein Anlauf der Regensburger NSDAP, sich der stählernen Abzäunungen um die eindrucksvollen Schloßanlagen der Fürsten v. Thurn und Taxis zu bemächtigen. In einem Schreiben an das fürstliche Hofmarschallsamt ermannte sich der „Schrott-Einsatzstab“ der örtlichen NSDAP-Kreisleitung, dem Fürsten den vollständigen Abbruch der Umzäunungen vorzuschlagen: „Die Zäune und Gitter, [...], sind vielfach völlig überflüssige unschöne Überbleibsel einer vergangenen Zeit und Geschmacksrichtung und sollen möglichst verschwinden.“ Faktisch war die hier propagierte „Entrümpelung“ Teil eines Programms zur Stahlzufuhr an die deutsche Rüstungsindustrie. Symbolisch läßt sich die Initiative jedoch auch als Aufforderung zum Abbruch hochadliger Distinktionen lesen: Der „Schrott-Einsatzstab“ rüttelt am Schloßzaun eines der reichsten deutschen Fürsten. Die geplante „Entrümpelung“ der eisernen Unterschiede mahnte die Fürstenfamilie, endlich zum Teil der Volksgemeinschaft zu werden. Der als Angebot, nicht als Drohung formulierte Hinweis auf „ein Abräumkommando der SA“, das den „kostenlosen Abbruch des Vorgartenzaunes“ bewerkstelligen würde, brachte die fürstliche Verwaltung in Verlegenheit. Nach einigen Debatten über die angemessene Formulierung teilte das Hofmarschallamt dem „Schrott-Einsatzstab“ mit, „daß es uns aus künstlerischen Gesichtspunkten, wie auch aus Sicherheitsgründen nicht möglich erscheint, unsere eisernen Umfriedungen um die Anwesen [...] zu entfernen.“ Das SA-Kommando blieb dem Schloß und sein Besitzer der NS-Bewegung fern. Über das Erscheinen des Fürsten auf örtlichen „Sonnenwendfeiern“, auf das die Kreisleitung gedrängt hatte, und ein Arrangement mit dem örtlichen SS-Reitersturm, der die Reitbahn im Schloß kostenlos nutzen durfte, scheinen die fürstlichen Anpassungsleistungen nicht hinausgegangen zu sein. Anders als fünf Mitglieder der fürstlichen Gesamtfamilie, die 1938 der Partei beitraten, näherten sich weder der Fürst noch der Erbprinz der Partei an. „Bei der Partei war ich nie, da ich mich als gläubiger Katholik nicht kompromittieren wollte“. Die Erklärung des Erbprinzen im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens ist, ergänzt um die Distanz aus der Position des hochadligen Multimillionärs, durchaus plausibel.
...aber officiell sind wir nicht monarchisch eingestellt
Wie im bayerischen spielten auch im welfischen Partikularmonarchismus Adlige eine maßgebliche Rolle. Beide Strömungen enthielten ein anti-
borussisches Element, für dessen symbolische Akzentuierung welfisch orienterte Adelsfamilien ihre Söhne in Lederhosentracht und edelweißbestickten
Hosenträgern einem Spießrutenlaufen unter ihren niedersächsischen Mitschülern aussetzten. Neben den einflußreichsten monarchistischen Strömungen in Bayern, Preußen, Sachsen und Hannover kam eine weitere, im katholischen Adel Südwest- und Westdeutschlands einflußreiche Linie hinzu, die sich am alten Reichsgedanken orientierte. In Übereinstimmung mit seinen westfälischen Standesgenossen bezeichnete der Abt Augustinus von Galen, ein Bruder des später berühmten Bischofs, das Monarchieproblem 1926 als eine Cura posterior und hielt die Ansprüche des Hauses Habsburg im Gegensatz zu jenen der Hohenzollern für berechtigt: ,,Was die Hohenzollern betrifft, so hatte ihr Kaisertum mit dem des alten Reiches nicht das geringste zu tun [...]. Die Hohenzoller waren daher in gar keiner Weise Rechtsnachfolger der alten Kaiser und von diesem Gesichtspunkt aus könnten sie folglich als etwa bevorzugte Bewerber um die künftige Krone absolut nicht in Frage kommen." Die Orientierung am Reichsgedanken, verbunden mit guten Beziehungen zum hohen Klerus und einer hohenzollernkritischen, habsburgfreundlichen Einstellung, die der westfälische Graf hier vertrat, war für einflußreiche Mitglieder des südwestdeutschen Adels, besonders für die dortigen Standesherren charakteristisch. Gerade bei den Anhängern des realitätsfernen Reichsgedankens fand sich oftmals eine gelassene Einstellung gegenüber der Republik. Für den südwestdeutschen Adelsverein, der mit den bayerischen Verbänden freundschaftliche Beziehungen unterhielt, erklärte Attila Graf v. Neipperg einem bayerischen Standesgenossen, auch im Südwesten sei der Adel monarchistisch, aber anders als im wittelsbachertreuen Bayern. Nur teilweise gehörte die Loyalität der Standesgenossen den Häusern Württemberg und Zähringen, viele westdeutsche Adlige jedoch hätten die „Sünden“ der Fürsten aus der napoleonischen Zeit nicht vergessen. Auch der Monarchismus, den Graf Neipperg hier umriß, glich eher einer vagen Grundhaltung als einem praktikablen Programm: „Diese Leute sind ganz Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Und bis zu einem gewissen Grad bin ich cum grano salis auch bei dieser Seite. Wir stehen auf dem Standpunkt, dass wir zeigen und beweisen wollen, dass der Adel in der Republik notwendig ist, noch notwendiger als in der Monarchie, wo alles seinen mehr oder minder geregelten Gang ging. Aber officiell sind wir nicht monarchisch eingestellt.“
Die Verzahnung von Adel und NS-Bewegung auf dem Land hatte in den Großstädten ein wichtiges Pendant in Form von einigen Salons. Die „bunte Mischung aus Cuts und SS-Uniformen“ und die aus spöttischen Beschreibungen bekannten Szenen, in denen sich Hitler ungelenk händeküssend und aufgeregt hackenschlagend NS-nahen Mitgliedern des deutschen Hochadels empfiehlt, waren lange vor 1933 an diesen Schaltstellen einstudiert worden.
Hitlers eigene Kontakte zu adligen und bürgerlichen Mitgliedern der Oberschicht wurden bereits zu Beginn seiner politischen Laufbahn in den Häusern einzelner Gönner hergestellt. Neben der Familie des Pianofabrikanten Bechstein wurden Hitler solche Verbindungen, darunter etwa das folgenreiche Treffen mit Emil Kirdorf, im Salon Elsa Bruckmanns vermittelt. Die Frau des Münchener Verlegers Hugo Bruckmann war eine geborene Prinzessin Cantacuzène und stammte aus einer Familie des rumänischen Hochadels. Als man im Salon der Bruckmanns in „Sorge über die psychologische Auswirkung des Erfolges bei Hitler“ geriet, hatte sich dieser der erträumten Steuerung längst entzogen. Als Mittelsmann für den Kontakt zwischen Hitler und Kirdorf hatte Karl Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des rechtsradikalen Nationalklubs, eine Rolle gespielt. Das Berliner Haus der Bechsteins blieb bis zur Machtübertragung von Bedeutung — Helene Bechstein, die Hitler in seinen Jahren als „Trommler“ auch finanziell unterstützt hatte, war im Januar 1931 Gastgeberin des erwähnten Treffens, bei dem Hitler in einem Kreis von fünfzehn Personen mit Großgrundbesitzern aus renommierten preußischen Familien zusammentraf.
Prominente Nationalsozialisten, darunter Hermann Göring, der als ehemaliger Kommandeur des berühmten Jagdgeschwaders Richthofen über Adelskontakte bis zum preußischen Kronprinzen verfügte, die durch seine erste Ehefrau erheblich vermehrt wurden, schufen weitere Verbindungen zum Adel. Im August 1931 faszinierte ein zweistündiger Vortrag Hitlers im Hause Göring die Zuhörer Rüdiger Graf v. d. Goltz, Leopold v. Kleist, Hjalmar Schacht und Magnus v. Levetzow derartig, daß „der Kreis ergriffen und beeindruckt noch eine Weile im Schweigen verharrte. Göring und die Strasser-Brüder verkehrten wiederum im Salon, den Oskar v. Amim-Burow mit seiner bürgerlichen Frau aus einer reichen Frankfurter Familie in der Berliner Dahlmannstraße unterhielt.
Spätestens 1930 wurde der Salon einer Neuadligen die wohl wichtigste „gesellschaftliche“ Schaltstelle zwischen altem Adel und Nationalsozialismus: das Haus v. Dirksen in Berlin-Tiergarten. Viktoria Auguste v. Dirksen, Tochter aus einer nobilitierten Danziger Familie, war die zweite Frau des 1928 gestorbenen Gesandten Willibald v. Dirksen und Schwiegermutter des antisemitischen Diplomaten Herbert v. Dirksen, der zwischen 1928 und 1939 die Botschafterposten in Moskau, Tokio und London bekleidete. Der Salon im pompösen Palais, den die Familie in der Berliner Margaretenstrasse besaß, war bereits vor 1918 ein Schnittpunkt der Potsdamer und Berliner Hofgesellschaft. Nach dem Krieg versammelte sich in diesem Salon, der stets eine politische, scharf antirepublikanische Ausrichtung behielt, ein erheblicher Teil der „alten Gesellschaft“. In den späten 1920er Jahren öffnete die Witwe, die Hitler bereits 1923 unterstützt hatte, ihr Haus den Spitzen der NSDAP, die hier erfolgreich um prominente Vertreter aus dem niederen und hohen Adel warben. „Die alte Dame hat einen Narren an mir gefressen und will gleich durch mich alle Welt bekehren lassen“, notierte Joseph Goebbels im Februar 1930. Der Erfolg dieser Bemühungen blieb nicht aus. Einen Eindruck von der hier geleisteten Zusammenführung vermittelt das Protokoll über ein Treffen im November 1931.
Anwesend waren u. a. Hermann Göring, Joseph Goebbels, Marie Adelheid Prinzessin zur Lippe (NSDAP-Mitglied seit dem 1.5.1930), Viktor Prinz zu Wied mit Ehefrau (Parteimitglieder seit dem 1.1.1932), der DAB-Leitartikler Walther Eberhard Frhr. v. Medem, die Parteigenossen August Wilhelm Prinz v. Preußen, der Bankier August Frhr. v. d. Heydt und Oberst a. D. Leopold v. Kleist als Vertreter Wilhelms II. Mitglieder des alten Adels trafen in diesem Salon, den Insider der Berliner Gesellschaft als „gesellschaftlichen Mittelpunkt der nationalsozialistischen Bewegung“ einschätzten, mit den prominentesten NS-Führern zusammen. Hitler, Göring und Goebbels sprachen hier mit dem Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf v. Helldorf und Angehörigen des Hohenzollernhauses. Prinz „Auwi” präsentierte sich im Hause Dirksen in brauner Uniform, er und sein Sohn Alexander — Parteigenosse auch er — wurden hier „in Hitlers Lehre eingeführt“.
Jahrelang vermittelte die Witwe, deren Bruder Karl August v. Laffert der SS angehörte, „zwischen den Nationalsozialisten und der alten Hofpartei“. Bereits Ende 1933 hatte der Salon der „alten Hexe“, wie sie nun genannt wurde, offenbar seine einstige Bedeutung verloren, die in den entscheidenden Monaten der Machtübertragung zwischen August 1932 und Januar 1933 erneut gewachsen war. Salons dieser Art boten den Schachzügen einzelner Personen der sprichwörtlichen „Kamarilla“ um Hindenburg das geeignete Forum. Das Haus der Dirksens spielte für die Verknüpfung von Einzelpersonen, so etwa beim Arrangement der folgenreichen Begegnung zwischen Hitler und dem „in der Verfassung nicht vorgesehenen Sohn des Reichspräsidenten“ am 22. Januar 1933 noch immer eine Rolle.
Neben ihrer Leistung, zwei sozial weitgehend voneinander getrennte Welten zu verbinden, erfüllten die NS-Salons eine weitere Funktion. Als „Salonspionage“ bezeichnet Bella Fromm den Versuch, über meist weibliche NS-Anhänger in den Salongesprächen Stimmungslagen und Herrschaftswissen der Funktionseliten auszuloten und weiterzugeben. Daß für diese Aufgabe vielfach adlige Vertrauensleute ausersehen wurden, ist überaus einleuchtend.
Eine „mobile“ Schnittstelle entstand durch die Aktivitäten der zweiten Ehefrau Wilhelms II., Hermine Prinzessin v. Reuß, die bei ihren Deutschlandaufenthalten in den wichtigsten Zirkeln der politischen Rechten verkehrte. Offenbar nahm sie 1929, am Rande des Nürnberger Parteitages, Kontakt mit der NSDAP-Führung auf. Der Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit Hitler ist unklar, gut dokumentiert ist hingegen ein Treffen mit Hitler im Salon der Baronin Tiele-Winckler im November 1931. In Anwesenheit der „Kaiserin“, Görings und der adligen Chefberater Wilhelms II. hielt Hitler einen mehrstündigen Monolog, in dem er seine Absicht darlegte, „alle Novemberverbrecher [...] öffentlich strangulieren“ zu lassen. Der Vortrag begeisterte Gastgeberin und Gäste gleichermaßen, die Ehefrau des Kaisers äußerte sich positiv über den „sympathisch[en]“ Hitler, „auch über seinen guten und geraden Gesichtsausdruck und seine guten Augen und ihren Ausdruck ohne Falsch“, Erfreut über das Ergebnis des Treffens faßte Magnus v. Levetzow seine Eindrücke von Hitler in einem Brief an Fürst v. Donnersmarck zusammen: „Er war gut im Tellerchen, Donnerwetter nochmal.“
Die Stellen, an denen sich das entre-nous Milieu der Gesellschaft politisch und stilistisch nach rechts außen öffnete, wurden zahlreicher und größer. Im Dezember 1932 beschrieb Bella Fromm eine eher „bunte als vornehme Gesellschaft“, die auf dem Wohltätigkeitsball des „Cecilenwerks“ zusammenkam und den Hochadel mit Magdalena Goebbels zusammenführte. Fromm, die sich als Gesellschafts-Kolumnistin mit großbürgerlichem Hintergrund in der Berliner Gesellschaft vorzüglich auskannte, nach rechts über persönliche Kontakte bis zu Schleicher und Papen verfügte und als Jüdin die Veränderungen im gesellschaftlichen Fluidum mit besonderer Schärfe beobachtete, hat in ihrem Tagebuch die großen Umwälzungen in Form von anschaulichen Miniaturen und Momentaufnahmen gebannt. Durch die Gesprächsgruppen ausländischer Diplomaten und der alten Potsdamer Gesellschaft schritten neben Graf Helldorf und Prinz „Auwi" in SA-Uniform immer häufiger Mitglieder des alten Adels in immer offensiverer Zurschaustellung ihrer nationalsozialistischen Sympathien. In ihrer Skizze über eine Ansammlung „kleiner Widerwärtigkeiten“ gab Fromm im Dezember 1932 zu Protokoll: „Es war entmutigend zu sehen, wie viele neue Freunde dem Nationalsozialismus aus den Reihen des alten Adels erwachsen sind“ Fromms Schilderungen erinnern an die Darstellung Hannah Arendts über die Empfänge in den Pariser Salons zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Für die französische Hauptstadt des fin-de-siecle beschreibt Arendt ein Muster, das „nach dem Weltkrieg zur Regel wurde: Die Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite, die Bewunderung jeglicher Grausamkeit, das Bündnis schließlich aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung“ Zu den äußeren Merkmalen dieses Bündnisses zählte der Kotau, der noch 1933 in allen Adelsverbänden vollzogen wurde.
Parallel zur Eintrittswelle in die NSDAP, die noch näher zu betrachten it, schwappte 1933 eine Flut adliger Ergebenheitsadressen an die neuen Machthaber über das Land. Den symbolischen Gipfel adliger Anbiederungen lieferte auch hier die DAG. Der Kotau, den Fürst Bentheim im Namen der DAG-Führung inszenierte, erfolgte frühzeitig und bedingungslos. Die Hoffnung der DAG-Führung, die DAG als staatlich anerkannte ‚Elite‘-Formation in die Führungsgremien des neuen Staates integrieren zu können, wurde durch Fürst Bentheim im Juni 1933 Hitler persönlich vorgetragen. Bentheim wünschte sich für die DAG den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Staatliche Organe sollten Druck auf adlige Nichtmitglieder ausüben und die DAG-Mitgliedschaft als unabdingbare Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Adel rechtlich fixiert werden. Hitler hatte Bentheim durch äußerst vage Zusagen, die Bentheim wenig später in geschönter Form den „Landesführern“ und Fürst Löwenstein referierte, Hoffnungen gemacht, die später durch seine Staatssekretäre wiederholt wurden.
Bentheim glaubte sich „[dem großen] Ziel, das uns seit hundert Jahren verloren ist‘, zum Greifen nahe: „daß der Adel wieder politischer Stand wird.“ Bentheim versprach Hitler feierlich, nach einer großen „Säuberungsaktion‘“ werde er den „gereinigten deutschen Adel“ dem NS-Staat uneingeschränkt „zur Verfügung zu stellen“
Die bereits beschriebene Verschärfung des Arierparagraphen trat mit einer Satzungsänderung am 12.9.1933 in Kraft und führte nun zur „Ausscheidung“ von weit über 100 Mitgliedern aus den Reihen der DAG. Gleichzeitig wurde der DAG-Hauptvorstand um fünf prominente Nationalsozialisten ergänzt, die hohe und höchste SA-Ränge bekleideten. Die DAG bildete damit die symbolische Spitze einer breiten Bewegung im Adel, die sich wiederum eingliederte in den nunmehr überall in Fahrt kommenden Versuch, „dem Führer entgegenzuarbeiten“. Für die DAG-Führung können Geschwindigkeit und Radikalität dieser Selbstgleichschaltung ebensowenig erstaunen wie die kriecherischen Noten, die Bentheim u. a. nach den Röhm-Morden und dem Attentat des 20. Juli 1944 an Hitler sandte. Die Naivität, mit der die Männer der DAG-Führung „Hitlers Stiefel leckten“, wie Erwein Frhr. v. Aretin formulierte war die konsequente Fortführung des seit Jahren gesteuerten Kurses - erstaunen kann hier allenfalls, daß diese Haltung bis 1945 keine erkennbare Korrektur erfahren hat.
Die im Vergleich zu den Budgets der DAG-Landesabteilungen schwindelerregenden Summen, die Christian Ernst Fürst zu Stolberg-Wernigerode im Jahre 1921 für karitative Zwecke verteilte, lassen die immense soziale Distanz erahnen, die zwischen den reichsten und ärmsten Gruppen des Adels bestand. Die Breite des Grabens zwischen ruinierten Kleinadligen, welche die Adelsverbände mit Wäschespenden unterstützten, und den Gipfelregionen adligen Reichtums verdeutlicht ein Blick in die innere Rechnungsführung der Fürsten von Thurn und Taxis.
Der Erbprinz des Fürstenhauses erhielt vor dem Ersten Weltkrieg eine jährliche Apanage von ca. 42.000 Mark, die 1916 auf 60.000 Mark erhöht wurde. Zusammen mit weiteren Zulagen, u. a. für Automobile, Reitpferde, Kammerdiener und Leibjäger stand dem Erbprinzen für das Jahr 1930 eine Summe von ca. 136.000 Mark „zur freien Verfügung. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte Fürst Albert die Apanage seines ältesten Sohnes erneut erhöhen. 1939 hatte „Seine Höchstfürstliche Durchlaucht anlässlich Höchstseines Geburtstages zu bestimmen geruht“, die jährliche Zahlung auf 84.000 Mark pro Jahr zu erhöhen.
In den meisten Familien der Grandseigneurs konnten weiterhin Apanagen gezahlt werden, welche auch die nachgeborenen Söhne und Töchter zu wohlhabenden, im Vergleich zu den oben beschriebenen DAG-Standards unvorstellbar reichen Adligen machten.
Nach bürgerlichem Verständnis profitierten vom Fortbestand der erheblichen, oftmals gewaltigen Vermögen innerhalb des hohen Adels v. a. die jeweiligen Chefs hochadliger/standesherrlicher Häuser. Repräsentation, Glanz und Erhalt des wirtschaftlichen und symbolischen Kapitals eines hochadligen Hauses wurden in erster Linie vom jeweiligen Chef gewährleistet. Die Vorstellung luxuriöser Lebensweisen in geräumigen Schlössern bei freier Verfügung über gewaltige Guthaben ist somit zunächst für die Familienvorstände — trotz erheblicher Einbußen - auch für die Zeit nach 1918 angemessen.
Sie muß jedoch bereits für die nachgeborenen Söhne und v. a. für die Witwen und Töchter selbst der wohlhabenden Familien erheblich relativiert werden. Auch im oben genannten Beispiel der Familie Stolberg-Wernigerode, scheint der fürstliche Reichtum nur bedingt geeignet, um die soziale Lage der Agnaten, insbesondere der Töchter einzuschätzen. Um 1930, als das Haus große finanzielle Schwierigkeiten geriet, hatten diese, trotz einer gut dotierten Familienstiftung keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung, die eine standesgemäße Existenz ermöglicht hätten. In Bayern konnte Karl Friedrich Fürst zu Öttingen-Wallerstein 1928 zwar seiner Frau noch die erhebliche Summe von 30.000 Mark jährlich zusichern, sah sich darüber hinaus jedoch nicht in der Lage, weitere „Gaben“ zu verteilen. Der Besitz ging geschlossen in die Hand seines jüngeren Bruders über.
[…]
Daß ein Fürst im Jahre 1921 fast 1 Million Mark für wohltätige Zwecke aufwenden konnte, verweist auf den immensen Reichtum, der einzelnen Familien(chefs) des Hochadels erhalten blieb und belegt den Fortbestand fürstlicher Sozialleistungen im Aktions- und Einflußradius der alten Herrschaften. Vom faktischen und erträumten Fortbestand solcher Sozialunterstützungen zeugen die prall gefüllten Mappen, in denen fürstliche Archive die Bittgesuche sozial Gestrauchelter aufbewahren, die sich auch nach 1918 vertrauensvoll an ihre Fürsten wandten. Reiche Familien aus dem Hochadel und andere Grandseigneurs blieben auch nach 1918 wichtige lokale Wohltätigkeitsorganisationen, die in ihrem Umkreis sowohl bedürftige Einzelpersonen als auch Organisationen unterschiedlichster Art protegieren.
Die Unterstützungsakten des Fürstenhauses Thurn und Taxis verzeichnen mehr als 600 einzelne Vereine, Verbände und Bünde, die sich — meist erfolgreich - um Zuwendungen aus dem fürstlichen Portefeuille bemüht hatten: Von karitativen Organisationen der katholischen Kirche über Gesangs-, Karnevals-, Turn-, Jäger-, Blinden-, Literatur-, Kegel-, Motorsport-, Offiziers-, Kunst-, Studenten-, Reiter- und Kaninchenzüchter bis zum Kolonial und Flottenverein. Hinzu kamen mindestens 300 Einzelpersonen, die mit regelmäßigen oder temporären Zalhungen unterstützt wurden.
Wie sich adlige und nationalsozialistische Ideale bei einiger Anstrengung als wesensgleich darstellen ließen, demonstrierte Friedrich v. Bülow in seiner Tischrede auf dem Bülowschen Familientag im Sommer 1935. Bülow, Oberpräsident in Posen a. D., stand einem der größten deutschen Familienverbände vor, auf dessen Familientagen eine wachsende Gruppe junger NS-Anhänger bereits vor 1933 auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die metaphorisch aufgeladene Präsentation angeblicher Gemeinsamkeiten, die der 66-jährige Redner seinem Familienkreis hier bot, liefert einen der eindringlichsten Belege für die These, daß die Annäherung des Adels an den Nationalsozialismus nicht zuletzt als Geschichte eines Mißverständnisses zu schreiben ist:
Auf Blut und Boden baut der Führer sein Drittes Reich. Wir haben seit 7 Jahrhunderten um die Blutauslese gewußt und haben auf altbewährter Rasse und Kultur mit weiser Wahl unseren Blutsstrom aufgebaut und fortgeführt. [...] Alle die großen Ideale, die der Führer dem deutschen Volke gesetzt hat, sie stammen aus alt-germanischem Erbgut und nicht zuletzt aus den tiefsten Schatzkammern des deutschen Adels. So ist der deutsche Adel dem Nationalsozialismus von Grund auf wesens- und stammverwandt. Zur Zeit der roten Regierungen hieß es: herunter mit der Aristokratie, wir wollen alle Proletarier sein. Jetzt heißt es umgekehrt: Der einfache Mann aus dem Volke soll emporsteigen, und auf der Ebene einer wahren Aristokratie wollen wir alle uns wieder treffen. [...] Was die Zukunft uns bringen wird, überlassen wir Gottes Hand und der Erleuchtung des Führers. Eines aber wissen wir. Unser altes Geschlecht ist kein Fremdkörper im Dritten Reich, der morscht und zerfällt, es ist ein tragender Quader im Bau, gehärtet in Jahrhunderten. [...] Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!
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Als wichtigster Erbe der völkischen Traditionen und als politische Kraft, die dem neo-aristokratischen Denken in manchen Zügen nahestand, hatte auch der Nationalsozialismus den Adel weder als Idee noch als Begriff aufgegeben. Was blieb, waren der Begriff und einzelne Elemente adliger Tradition, die sich verbiegen und mißbrauchen ließen. „Adel“ blieb eine vom Nationalsozialismus geschätzte und benötigte Institution — allerdings nur in Gestalt der Mutationen, die Hitler, Günther, Darre, die SA und schließlich v. a. die SS-Führung als „Adel“ wünschten und hervorbrachten. Umgekehrt glaubte ein Großteil des Adels, in den Leitbegriffen und Zielen der NS-Bewegung eine moderne Fassung seiner eigenen Traditionen wiederzuerkennen. Wie gezeigt, erwies sich etwa die vermeintliche Nähe über die gemeinsame Rede von „Blut“ und „Rasse“ als fatale Fehlinterpretation. 1921 sah ein alldeutscher Baron das EDDA-Projekt als
die bewußte Fortsetzung der von jeher schon vom Adel durch Pflege der Stamm und Ahnenkunde geübten [...] Auswahlzüchtung [...]. Die Einstellung des Adels auf den Auslesegedanken und die Rassezüchtung ist daher für den Adel gar kein neues, sondem eigentlich ein selbstverständliches Ziel
Die absurde Wahrnehmung der NS-Bewegung als zeitgemäßer Fortführung der „besten“ adligen Traditionen fand sich im Adel überall, Ihre Basis war die gemeinsame Benutzung von Leitbegriffen, die phonetisch, nicht aber semantisch identisch waren. „Adolf Hitler allein danken wir es“, hieß es 1932 in einem Aufruf, „wenn heute in breitesten Volkskreisen die unseren besten Ueberlieferungen entsprechenden Anschauungen wiedererweckt sind: Persönlichkeit und Rasse, Raum und Bodenständigkeit, Kriegertum und Wehrwille, Kampfbereitschaft für die Ehre und Freiheit der Nation.“
[…]
Als wichtigstes Ziel definierte der würzburger Hochschullehrer Ernst Mayee die ,,bewusste und verbandsmäßige Zusammenfassung des Adels und der Gebildeten“; eine Verbindung, welche die Tagungen der Gesellschaft explizit zu befördern suchten. Aus den „politischen Stürmen“ werde ein „umfassender neuer deutscher Adel entstehen, nach ältestem deutschen Sinn nichts anderes als der liebevoll führende Älteste all der jüngeren Brüder im ganzen deutschen Volk, bewußt und doch geschmeidig, tapfer und feinst gebildet, wirtschaftlich nicht gedrückt aber auch nicht üppig.“ Unabhängig von allen Bildungspatenten würde allerdings das deutsche Judentum in der künftigen „deutschen Oberschicht nichts zu suchen“ haben. Mit einem Verweis auf die zur Dekadenz führenden Inzucht des französischen Adels und unter Verwendung der zeitüblichen Vampirsmetaphorik des völkischen Jargons empfahl der Jurist dem alten Adel, „frisches Blut aus anderen Schichten“ zuzuführen, um die „Abgänge“ zu ergänzen. Auch hier fand sich der positive Bezug auf die „Elastizität“ der englischen gentry. In selbstbewußter Betonung der eigenen Fähigkeiten forderte der Bildungsbürger Mayer die „unerbittliche Schulung“ der künftigen Oberschicht, aus der alle Mitglieder, die der „scharfen“ Bildungsselektion nicht standhalten würden, „erbarmungslos“ auszustoßen seien.
Der DAB-Schriftleiter Walter v. Bogen war es auch, der wenige Monate nach dieser Debatte in naiver Offenheit jenes Neuadelskonzept präsentierte, das sich für den gesamten alten Adel als unverdaulich und als die wohl wichtigste konzeptionelle Herausforderung adliger Führungsansprüche erweisen sollte: Richard Walther Darres 1930 erschienenes Werk „Neuadel aus Blut und Boden“. In seiner erstaunlich positiven Besprechung des Buches pries v. Bogen Darres Zuchtphantasien eines neuzuschaffenden, rassereinen und bodenverbundenen Adels als Unternehmen, das den Bestrebungen der Adelsgenossenschaft sehr nahe kam. Darres äußerst scharfe Kritik am alten Adel hatte v. Bogen bei seiner Lektüre des Buches ebenso übergangen wie den Clou, auf den Darres Konzept hinauslief; denn Darres behauptete nicht weniger als die Notwendigkeit, den alten Adel durch einen neuen abzulösen. Zwar lobte auch Darre den alten Adel als Lieferanten bestimmter Ideale und einzelner Führergestalten; was die notwendige Schaffung eines Führerstandes der Zukunft betraf, stufte Darres den alten Adel in seiner Gesamtheit jedoch als unbrauchbar, überflüssig und ersetzungsbedürftig ein. Die wenig später anlaufende Auseinandersetzung des Adels mit Darres Konzept ist im Zusammenhang mit den Differenzen zwischen Adel und NS-Bewegung noch genauer zu besprechen. Hier soll zunächst die Feststellung genügen, daß mit Darres Buch seit 1930 ein politisch relevantes Neuadelskonzept vorlag, das die völkisch-rassistische Adelskritik, wie sie sich u. a. im Semi-Gotha niedergeschlagen hatte, erneut zugespitzt und in einen detailliert ausgearbeiteten Bauplan für einen Alternativ-Adel überführt hatte. Im Januar 1933 nahm das Adelsblatt die Neuadelsdebatte mit einem völkischen Beitrag des alldeutschen Barons Leopold v. Vietinghoff-Scheel erneut auf. In den nachfolgenden Diskussionsbeiträgen wurden jedoch lediglich die bekannten Argumente wiederholt. Das Schlußwort der Schriftleitung schrieb die Linie der DAG erneut fest — mit Ausnahme der nicht „rassereinen“ Mitglieder war an der Gesamtheit des alten Adels als Kristallisationspunkt der künftigen Führerschicht festzuhalten Bildung, Fachkompetenzen und materielle Unabhängigkeit wurden damit als unabdingbare Kriterien für eine Zugehörigkeit zur „Führerschicht“ erneut zurückgewiesen. Zehn Tage vor der Machtübergabe hatte die DAB-Schriftleitung eine Formel gefunden, die an Darres und andere nationalsozialistische Elitenkonzepte zumindest anschlußfähig war: „Ein völkischer Staat braucht eine Führerschicht, die rassisch rein, bodenverbunden, im eigenes Volkstum wurzelt [... und] das Wohl ihres Volkes sucht.“
Der inhaltliche Kern der in diesem Kapitel beschriebenen Neuadelsdebatten enthielt drei verschiedene, vielfach variierte und unterschiedlich gewichtete Forderungen an den alten Adel: Bildung, Besitz und („reines“) Blut. Die beiden ersten Begriffe verwiesen auf die tatsächlichen und entscheidenden Schwachstellen des Kleinadels, wurden jedoch (oder deshalb) aus der inneradligen Debatte sukzessive verdrängt. Immer stärker in den Vordergrund rückte hingegen die aus den Phantasiereichen völkischen Denkens übernommene Forderung nach rassischer Reinheit, die eine realistische Einschätzung adliger Machtchancen in der Moderne zusätzlich blockierte und sich schon bald als argumentativer Bumerang erweisen sollte. Ohne die Folgen dieser Entwicklung bereits an dieser Stelle vorzuführen, soll hier anhand eines Beispiels aus dem Jahre 1924 gezeigt werden, daß die Vorstellung einer „rassischen“ Verbesserung des Adels als Ersatz für eine tatsächliche Adelsreform bereits vor dem politischen Durchbruch der NS-Bewegung offen debattiert wurde.
Sechs Jahre bevor der Pferdezuchtspezialist Walther Darre seine Adelszuchtphantasien veröffentlichte, schrumpfte der im Adel überaus prominente und mit zwei Doktortiteln geschmückte Schriftsteller und Schloßbesitze Börries Frhr. v. Münchhausen die raison d’être des Adels auf eine schlichte Formel zusammen: „Wenn Adel einen Sinn und Wert haben soll, der über die äußerliche Namenverzierung hinausgeht, so kann es nur dies sein: Menschenzüchtung.“ Ohne Umschweife verglich der Literat die züchterische Arbeit an der „glücklich gebauten Naturrasse“ englischer Vollblutpferde mit der „züchterisch“ motivierten Wahl adliger Ehefrauen. Mit der affirmativen Übernahme der „goldenen Worte“ aus dem „köstlichen“ Buch Hans F. K. Günthers und der Leitideen der nordizistischen Rassenlehre verabschiedete sich der Baron in munter formulierten Sätzen von den jahrhundertealten Kriterien adliger Ebenbürtigkeitsprinzipien: „Es gibt überhaupt nur eine Ebenbürtigkeit, das ist die des reingebliebenen nordischen Blutes. Der mischrassige Adlige z.B. ist rassisch einer reinrassischen nordischen Bauerntochter nicht ebenbürtig. Wenn Adel wieder einen rassischen Sinn erhalten soll, so ist ihm die Erziehung nordischer Rassenreinheit als erste Aufgabe zugewiesen.“ Die Jugend müsse künftig „ohne weiteres erkennen: Dies ist eine mongolische Nase, jenes eine nordische Gestalt, das ein ostisch weichlicher Mund. Nur so können wir Nietzsches Befehl verstehen und ausführen: Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!“ Nicht „reinrassige“ Adlige, so die Forderung, sollten ihre Adelstitel ablegen, da aus Ehen zwischen Juden und „Ariern“ stets „Bastarde‘ hervorgingen. Im sprachlichen Höhepunkt des Beitrages, der zugleich einen intellektuellen Tiefpunkt der Adelsdebatten markierte, hieß es dazu:
Ich kann Möpse züchten, und ich kann Dackel züchten, aber wenn mir das Malör (sic) passiert, und ich den Korb voll junge Dackelmöpse kriege, so werden sie mit Fug und Recht ersäuft. Das ist weder antimopsisch noch antidackelig, sondern ein Ausfluß der jahrhundertealten Erfahrung, daß alle Bastarde minderwertig sind.
Bezüglich der Kriterien, nach der eine Führerschicht aufzubauen war, traf der Baron eine klare Aussage: Die „Reinrassigkeit des Adels [ist] als die allerwichtigste Frage jedes einzelnen und des ganzen Standes, darüber hinaus aber: unseres ganzen Volkes anzusehen.“
Die ordensritterliche Formel „Gen Ostland wollen wir reiten“ ließ sich in die propagandistische Darstellung der nationalsozialistischen Eroberungs- und Siedlungspläne einpassen und konnte im Adel auf breite Zustimmung rechnen. Ewald v. Kleist-Schmenzin hatte den möglichen Gewinn für den ostelbischen Landadel 1926 an prominenter Stelle hervorgehoben:
Welch ein Jungbrunnen östlich unserer Grenze erworbenes Kolonialland bei unbeschränkten Siedlungsmöglichkeiten wäre, bedarf keiner Ausführung
Was Kleist als vage Hoffnung formulierte, wurde spätestens seit Kriegsbeginn in sehr pragmatischen Versuchen einer Gewinnbeteiligung umgesetzt. Die im Osten entstehenden Karriereoptionen gingen über Kuriosa wie das Amt des ,,Geschäftsführers des Schafzuchtverbandes Ukraine“ bekanntlich weit hinaus.
Mitglieder des hohen und niederen, des reichen und des armen Adels bemühten sich nach 1939 in Anfragen an die SS-Führung um die Option auf Landgüter in den Beutegebieten. Adlige erkannten hier die einzigartige Chance, die Bodenversorgung der Familie auf Generationen hinaus abzusichern. Entsprechende Schreiben an Heinrich Himmler bzw. hohe SS-Stellen dokumentieren überaus handfeste Interessen, die in den verschiedenen Adelsgruppen am Erwerb von Großgrundbesitz im „Ostland‘‘ bestanden. Auch in Anträgen aus hochadliger Feder wurden sehr konkrete Beutewünsche formuliert: „Sehr geehrter Herr Himmler! Ich habe für meinen ererbten holsteinischen Familienbesitz drei Erhofzulassungsanträge gestellt; zwei Anträge sind bereits genehmigt worden, während die Entscheidung über den dritten Antrag noch aussteht. Da ich insgesamt 6 Söhne habe, würde ich gern noch weiteren Grundbesitz für die jüngeren Söhne erwerben. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mich kurz wissen lassen würden, ob grundsätzlich die Möglichkeit des Ankaufs grösserer Güter im Osten nach Kriegsende für mich gegeben sein wird. [...] Mit herzlichem Gruß und Heil Hitler [...]“.
Mit der viel besungenen Schollenverbundenheit hatte diese Form modernen Raubrittertums wenig zu tun, viel hingegen mit den um die Ostkolonisation rankenden Mythen. Ein baltischer Autor lobte 1940 das Projekt des „Führers“, den baltischen Adel von seiner „siebenhundertfünfzigjährigen, bis zum äußersten treuen Wacht auf vorgeschobenem Posten“ abzuberufen, um diesem im „wiedergewonnenen deutschen Ostraum an der Weichsel zu verpflanzen und [ihm] damit eine neue, gewaltige und herrliche Aufgabe zu weisen.“ Der Schriftsteller Ottfried Graf v. Finckenstein wurde nach dem Angriff auf die Sowjetunion Vorsitzender eines Künstlerverbandes mit dem Namen Kulturwerk Deutsches Ordensland, der in Marienburg tagen und daran erinnern sollte, daß
vor rund 700 Jahren das Licht deutschen Geistes und deutscher Gesittung in den slawischen Raum getragen [wurde], um nie wieder zu verlöschen
Ordensburg Marienburg
Castle of the Teutonic Order Malbork
Nunmehr sei der Deutsche wiederum „wichtigster Kulturträger in der vordersten Front des Deutschtums“. Etwa zeitgleich sprach Fritz-Dietlof Graf v. d. Schulenburg von der bevorstehenden Entscheidung, „ob das Volk endgültig der städtischen Zivilisation verfällt oder hier im Osten noch einmal Wurzel schlägt und sich von seiner Kraft her erneuert“. Mit anderen Motiven als der persönlich unbestechliche und energisch gegen die grassierend« Korruption auftretende Schulenburg wurde der Raubkrieg im Osten v. a. von Adligen, die ihre Güter nach 1918 im Rahmen der deutschen Gebietsabtretun. gen verloren hatten, mit besonderer Verve begrüßt. Unter Hinweis auf die verlorenen Güter ihrer baltendeutschen Mutter wandte sich die Ehefrau Heinrich v. Bismarcks schon wenige Wochen nach dem Überfall auf Polen an die Volksdeutsche Mittelstelle mit der Anfrage, „ob es für uns auch eine Möglichkeit gäbe, in den eroberten [...] Gebieten, am liebsten zwischen unseren Landleuten, einen Erbhof oder dergleichen zu erwerben.“ Schon lange habe man vom Siedeln - „am liebsten im Osten“ — geträumt, bislang sei das Land innerhalb des Reiches jedoch zu teuer gewesen. Ein ähnlicher Versuch des SS-Führers Ludolf v. Alvensleben, der im September 1940 seine Hände nach der Beutemasse ausstreckte und sıch dafür direkt an Himmler wandte, wurde von letzterem schroff zurückgewiesen. Er könne nicht „für alle geschäftlichen Mißerfolge von Nationalsozialisten mit Grund und Boden der Siedlung“ einspringen, hieß es in Himmlers Antwort an den enteigneten und ruinierten Gutsbesitzer. „Insgesamt hat mir Ihre Absicht, ohne einen Pfennig Geld sich wieder in den Besitz dieses Gutes zu versetzen, nicht gefallen. [...] Um eine Siedlung können Sie sich, wie alle übrigen Reichsdeutschen, nach dem Kriege bewerben.“
Bei unzähligen Kleinadligen, die nach 1918 steil verlaufende Negativkarrieren gemacht hatten, keimte 1933 die berechtigte Hoffnung auf, das frühe Engagement in der Bewegung könne sich nunmehr bezahlt machen. In einem typischen Bittschreiben für ein 1920 als Oberleutnant entlassenes Mitglied der Familie v. Bülow hieß es im März 1933: „Der arme Mensch sitzt in ganz trostlosen Verhältnissen, trotz seiner früher so reichen [...] Verwandten. Er ist Parteigenosse und stark für die Bewegung eingetreten. Vielleicht, Herr Präsident, ist es Ihnen möglich, einem armen Pg. Arbeit und Verdienst zu verschaffen.“ Im Kleinadel wie in anderen Bevölkerungsschichten konnte der Status des alten Kämpfers nach 1933 Gold wert sein, genauer gesagt, den sozialen (Wieder-)Aufstieg massiv befördern.
Doch Karrierechancen in den traditionellen Adelsberufen eröffnete das Dritte Reich auch unabhängig vom nachweisbaren Engagement für die „Bewegung“. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 wurden die Karrierechancen im Militär, die der Versailler Vertrag extrem reduziert hatte, schlagartig gesteigert. In Aufrufen mahnten adlige Offiziere die Adelsjugend, es gebe nunmehr keinen Grund, einen ‚bürgerlichen‘ Beruf auszuüben, „statt - zum Teufel noch mal! — der inneren Stimme zu folgen, [...] die nun aber bei jedem, der einen alten Namen trägt, wie eine Fanfare schmetternd zu den Waffen rufen muß.“ Wenn das Vaterland rufe, gehöre der junge Adel wie immer „in die erste Angriffswelle.“ Aufrufe dieser Art verhallten nicht ungehört. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich die Anzahl aktiver adliger Offiziere mehr als verdoppelt, was die Absicherung von ca. 1.300 zusätzlichen Militärkarrieren für adlige Männer bedeutete. Hinzu kamen die bereits vor 1933 vom Adel massiv genutzten Karrieremöglichkeiten, die zunächst die SA, dann die SS boten. Früh und konsequent wurde die „Expansion als Zukunftschance“ im Adel erkannt, was sich nicht zuletzt im starken Engagement in der SS widerspiegelte.
In der SS gehörten im Jahre 1938 8,4% der Standartenführer, 14,3% der Brigadeführer, 9,8% der Gruppenführer und 18,7% der Obergruppenführer zum Adel.
Prozentual nahmen diese Anteile in den unteren Dienstgraden und nach der Expansion des SS-Apparates stark ab; in absoluten Zahlen ausgedrückt entstand in der SS jedoch ein erhebliches Potential an Karrierechancen, das Adlige parallel zu den verbesserten Möglichkeiten in der Wehrmacht nutzten.
Die Vorstellung, der Adel könne sich in selbstbewußtem Rückgriff auf seine tausendjährige Herrschaftserfahrung erfolgreich in die allgemeine Führersehnsucht einspeisen, trifft man überall dort, wo Adlige über die von der NS-Bewegung eröffneten Chancen debattierten. In Mein Kampf hatte Hitler über die Schwierigkeiten der Rekrutierung geeigneter Führer gesprochen, die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeit und das „aristokratische Prinzip“ betont, nach dem die Führung seiner Bewegung aufgebaut sei. Im Adel lege es die habituell verankerte Überzeugung von der eigenen Höherwertigkeit nahe, die NS-Bewegung als eine kleinbürgerlich-proletarisch geprägte Kraft zu sehen, die den „Massen“ beigebracht hatte, in Führer-Gefolgschafts-Kategorien zu denken, selbst jedoch unter chronischem Führermangel litt. Der ersten Phase des selbstsicheren Spotts über diesen Mangel folgte seit etwa 1930 eine zweite Phase der skeptischen Erwägung, wie der Adel diese Lücke selbst füllen könnte. Eine groteske Variante adliger Versuche, die überall greifbare Führersehnsucht auf sich selbst zu lenken, liefert eine Rede von 1930, in der Wilhelm II. in Doorn die Inflation des Führerbegriffes beklagte:
Führer sein! Das will heutzutage jeder. Führer bieten sich allerorten an. Als Führer spielen sich viele auf [...]. Und dennoch, überall der Schrei nach Führern!
In einer sonderbaren Mischung aus christlichen und neu-rechten Motiven erneuerte Wilhelm II. seinen Führungsanspruch. Der Führergedanke sei von Gott zuerst den Sumerern „geoffenbart‘ worden. König Hammurabi habe den „Führerberuf“‘ vor 5000, seine eigenen Vorfahren vor 500 Jahren von Gott übertragen bekommen. „Allein, diesen Führern ist wiederum der Führer Jesus Christus!“ Räumlich und gedanklich fern von allen politischen Realitäten ernannte der Exilkaiser Jesus zum jenseitigen, sich selbst zum irdischen „Führer“. Die vorangestelite Passage aus dem Johannes-Evangelium, die der Ansprache den Titel gegeben hatte, bezog der Kaiser-Führer auf sich selbst: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“
Es [...] begab sich ein Größteil des preußischen Adels geistig und politisch auf den Weg vom König zum Führer. In einer Mischung aus Zorn, Enttäuschung und ermattender Hoffnung sprach ein Graf v. Schulenburg im April 1928 von der Pflicht des Hohenzollernhauses, „uns den Prätendenten zu stellen und dann beschere uns der Himmel den Mann, der in gegebenen Augenblick den Machtfaktor in unserem Sinn einsetzt". Nüchtern registrierte der Graf, daß weder der eine noch der andere in Sicht waren. Die sukzessive Verwandlung der monarchistischen Träume in Führerhoffnungen wird in der Korrespondenz des Grafen sehr deutlich: „Nur ein Titane‘, beißt es einige Monate später, „kann die Dinge noch meistern, ein Titane, den wir weder Rechts noch Links besitzen. “ Der Kronprinz selbst war 1924 zu der Überzeugung gelangt, „dass letzten Endes nur ein Diktator den Karren aus dem Dreck ziehen“ könne. Eben diese Rolle traute dem Kaisersohn auch innerhalb des preußischen Adels kaum jemand zu. Graf Schulenburg hatte sich einige Zeit lang voll Hoffnung über die Perspektiven seines „Herrn’ geäußert, der durch die Härten der Zeit zu „einem ernsten Manne gereift‘ sei.
Mit dieser Auffassung stand der General jedoch bereits gegen die Einschätzung seines engen Freundes Arnim und „der konservativen Fraktion des Herrenhauses“. In Übereinstimmung mit dem letzten Präsidenten des Preußischen Herrenhauses hatte Fürst Salm intern Wilhelm II. und den Kronprinzen als „unmöglich“ bezeichnet, letzteren wegen seines Lebenswandels u. besonders deshalb, „weil er nach Holland ging u. die Armee quasi als Fahnenflüchtiger verlassen hat.“ Intern bezeichnete Schulenburg den Kronprinzen bereits 1920 als „Waschlappen“ und „Schwächling‘“, auf den man in Zukunft nicht mehr zählen könne.
Selbst für jene Teile des preußischen Adels, die als Träger der monarchistischen Idee prädestiniert gewesen wären, gab es durch die Kaiserflucht sehr früh die gedankliche Flucht in einen zunächst diffusen Führermythos. Bedingt durch die ungelöste Prätendentenfrage blieben alle monarchistischen Bekenntnisse im Ungefähren. „Ich bin Monarchist und werde es auch bleiben“, formulierte Graf Arnim 1926. Als konkretes Nahziel sah Arnim die Überwindung des „Systems“ durch einen „Diktator“, der nicht parlamentarisch, sondern durch die „bewaffnete Macht“ abzustützen war und mit „einzelnen hervorragenden Köpfen“ zusammenarbeiten sollte.
Zwar blieb der diffuse „monarchische Gedanke“ in Arnims Rhetorik zentral; faktisch jedoch näherte sich Arnim in den 1920er Jahren immer stärker dem intransigenten Anti-Republikanismus an, der die Begriffe „konservativ“ und „system-feindlich‘“ synonym gebrauchte. Sein Wirken im „Hauptverein“ der Konservativen, seine Annäherung an den völkischen Flügel der DNVP und seine Unterstützung für Hugenberg als Ausdruck einer konsequent „konservativen“ Opposition zu deuten, würde den tiefen Wandel in Arnims Denken übersehen. Hinter der rhetorisch-symbolischen Fassade, der das Boitzenburger Schloß der Arnims einen eindrucksvollen Rahmen verlieh, vollzog der Graf eine innere Abwendung vom Monarchen, die für diesen Wandel konstitutiv und für einen Großteil des preußischen Adels charakteristisch war. Hellsichtig hatten konservative Denker, auf die diese Bezeichnung noch zutraf, festgestellt, daß im Hauptverein der Konservativen mehr über die Juden als vom König gesprochen wurde. Während Name und Profil eines potentiellen Thronprätendenten vorsichtig oder gar nicht mehr debattiert wurden, erhielt die Vorstellung vom kommenden „Führer“, „Diktator“ oder „Titanen‘, wie im folgenden Tagebucheintrag eines Grafen v. Bernstorff, zunehmend deutliche Umrisse:
Uns kann nur ein Diktator noch helfen, der mit eisernem Besen zwischen dieses ganze internationale Schmarotzer-Gesindel fährt. Hätten wir doch, wie die Italiener, einen Mussolini!
Innerhalb der weit verbreiteten Vorstellung, zunächst das parlamentarische System auszuschalten, bevor in einem „zweiten Kampfabschnitt“ eine Restauration möglich würde, gewann lediglich der erste Teil der Aufgabe klare Konturen. Eine sofortige Einführung der Monarchie ernshaft zu erwägen, galt aufgrund der strukturellen Schwächen der monarchistischen Bewegung selbst im politischen Stab Wilhelms II. als „ein Ding so vollkommener Hirnverbranntheit und ein Verbrechen gegen die Krone, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann.“ Dieser im Jahre 1927 formulierte Satz zeigt eine allgemeine Tendenz an: Während die konservativen Hoffnungen auf neue Königsherrlichkeiten in immer diffuseren Formeln gefaßt wurden, hatten die neurechten Führervorstellungen auch im Adel immer stärker Konjunktur. Der Adel hat dem König und dem Kronprinzen die „Abreise niemals verziehen und der politische Monarchismus das durch diese entstandene Debakel niemals überwunden. Der Ablösung des preußischen Adels vom König als Person entsprach die Auflösung des Monarchismus als politischer Bewegung. Als Ideal wurde der König durch den „Führer“, die Monarchie durch diffuse Ideen vom „Dritten Reich“ ersetzt.