Veröffentlicht in Vatikan, Kirche und italienischer Adel

Haus Savoy

Aus https://diemaechtigstenfamilienderwelt.ch/2020/01/25/haus-savoyen/

Obwohl die Savoyens dem Vatikan nahe stehen, brachten sie dennoch mindestens zwei Freimaurer hervor. Die Freimaurer und der Vatikan/Klerus waren von Anfang an verfeindet und bekämpften sich mit Propaganda, Hetze und Intrigen. Der Vatikan förderte in der Vergangenheit mehrfach die Verfolgung der Freimaurer, während die Freimaurer die Aufklärung sowie die Trennung von Staat und Kirche förderten. Nach dem 2. Weltkrieg scheinen die beiden Gruppen eine Art Waffenstillstand ausgehandelt zu haben. Ab da konnte sich die katholische Kirche im Volk der USA und Grossbritannien etablieren. Zuvor wurden dort die Katholiken diskriminiert. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts waren die Katholiken eine kleine Minderheit in den USA. Es sind bis heute kaum Katholiken in der Elite der beiden Länder vertreten. Nur ein britischer Premierminister war katholisch getauft (Boris Johnson), aber auch der war später anglikanisch konfirmiert. Neben Joe Biden war nur ein US-Präsident Katholik, nämlich der erschossene Kennedy. Alle anderen US-Präsidenten waren Protestanten und fast ein Drittel davon waren Freimaurer. Schon die Pilgerväter der USA waren Puritaner (Protestanten) und werden dementsprechend den Vatikan nicht gemocht haben. Seit Beginn des 18. Jahrhunderts waren Katholiken von der britischen Thronfolge ausgeschlossen und Thronfolger durften keine Katholiken heiraten. 2015 wurde das Gesetz geändert. Das britische Königshaus war übrigens eine der wichtigsten Freimaurerfamilien der letzten 200 Jahren.

Amadeus I. (1845-1890) war der erste bekannte Freimaurer aus dem Haus Savoyen. Er war von 1871 bis 1873 König von Spanien. Er hob das bis dahin geltende Freimaurer-Verbot in Spanien auf. Schliesslich dankte Amadeus freiwillig ab und die erste spanische Republik wurde gegründet, die fortan von Politikern regiert wurde, von denen viele Freimaurer waren. Die Republik konnte sich fast zwei Jahre halten, wurde dann aber durch eine Monarchie ersetzt und Mitglieder des Hauses Bourbon erlangten wieder die Macht in Spanien. Amadeus heiratete in zweiter Ehe Maria Letizia Bonaparte, eine Nichte des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte. Marias Vater Napoléon Joseph und ihr Grossvater Jérôme waren wie weitere Mitglieder der Bonaparte Familie Freimaurer. Der Freimaurer Napoléon Joseph Bonaparte heiratete ebenfalls in das Haus Savoyen.

Viktor Emanuel von Savoyen (*1937 [✝2024]) traf die Päpste Paul VI., Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus. [Eine Audienz beim Papst ist nicht gerade gewöhnlich, alle Päpste seiner Lebenszeit - und nicht bloß ein Mal - zu treffen ein eindeutiges Indiz für enge Beziehungen, Anm.] Er war wie gesagt Mitglied der P2 [ital. Freimaurerloge] und ist zudem Mitglied des Malteserordens. Er musste schon öfters vor Gericht: In den 70er-Jahren wurde wegen internationalem Waffenhandel gegen ihn ermittelt. Er vermittelte den Verkauf von 300 Kampfhubschraubern an seinen Freund, den Schah von Persien. Die Hubschrauber gelangten schliesslich in Jordanien, Taiwan und Südafrika. Viktor Emanuel wurde durch diese Waffenverkäufe reich, wie ein Cousin erzählte. 1978 gab er mehrere Gewehrschüsse ab, die den deutschen 19-Jährigen Dirk Hamer töteten. Es soll ein Versehen gewesen sein. 1991 wurde Viktor Emanuel vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freigesprochen, aber wegen illegalen Waffenbesitzes zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt. Dirk Hamer war der Sohn des verurteilten Alternativmediziners Ryke Geerd Hamer, ein Verschwörungstheoretiker, der seine eigene germanische Medizinkunde entwarf. 2006 wurde Viktor Emanuel verhaftet. Man warf ihm vor, eine kriminelle Vereinigung gegründet zu haben, die für Korruption und Ausbeutung von Prostituierten verantwortlich ist. Dabei hatte Viktor Emanuel Kontakte in die Glücksspielindustrie. Er soll für Besucher eines Kasinos junge Prostituierte beschafft haben. Bei dieser Untersuchung wurde gegen weitere Leute wegen Korruption, Erpressung, Geldwäsche und Mafiaverbindungen ermittelt. Einer der Verdächtigten war Viktor Emanuels Cousin Simeon Sachsen-Coburg-Gotha, das Oberhaupt der nicht amtierenden Königsfamilie Bulgariens. Simeon war auch Ministerpräsident von Bulgarien. Ihm wurde vorgeworfen, dass er sich bestechen liess und dafür einem italienischen Unternehmer half in Bulgarien an öffentliche Aufträge zu kommen. Viktor Emanuel diente dabei als Vermittler. Es wurde auch gegen drei Carabinieri (Polizisten) ermittelt. Man verdächtigte sie, Informationen aus einer Datenbank an Viktor Emanuel und seine Leute weitergeleitet zu haben. Viktor Emanuel wurde letztendlich freigesprochen.

https://diemaechtigstenfamilienderwelt.ch/2020/01/25/haus-savoyen/
Vittorio Emanuelle in the robe of the Order of Saints Mauritius and Lazarus
Viktor Emanuel in der Robe des hauseigenen Ordens der heiligen Mauritius und Lazarus
Vittorio Emanuelle III. King of Italy, Pope Pious XI. and Mussolini
Viktor Emanuel III. König von Italien, Papst Pius XI. und Mussolini
Mussolini mit Savoyer Abzeichen, darunter der hauseigene Orden der Heiligen Mauritius und Lazarus
Veröffentlicht in Vatikan, Kirche und italienischer Adel

Die Colonnas

Guido Colonna di Paliano (1908-1982) vertrat Italien ab 1933 als Diplomat in New York, Toronto, Kairo, Stockholm und London. In dieser Zeit war Italien eine faschistische Diktatur, die von Benito Mussolini geführt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Diktatur war Guido Colonna Generalvertreter der italienischen Delegation bei den Verhandlungen zum Marshallplan. Von 1948 bis 1956 war er der erste stellvertretende Generalsekretär der OEEC und somit stellvertretender Chef der internationalen Organisation. Die OEEC war der Vorläufer der heutigen OECD. Guido Colonna besetzte eine führende Position im italienischen Aussenministerium und war italienischer Botschafter in Norwegen. Er war von 1962 bis 1964 stellvertretender Generalsekretär der NATO und damit stellvertretender Chef des mächtigsten Militärbündnisses der Welt. Er führte den Vorsitz im Nordatlantikrat, das wichtigste Entscheidungsgremium der NATO. Er war in den 60er Jahren auch Mitglied der EWG/EEC-Kommission. Sie war der Vorläufer der heutigen EU-Kommission.


Guido Colonna di Paliano (1908-1982) vertrat Italien ab 1933 als Diplomat in New York, Toronto, Kairo, Stockholm und London. In dieser Zeit war Italien eine faschistische Diktatur, die von Benito Mussolini geführt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der Diktatur war Guido Colonna Generalvertreter der italienischen Delegation bei den Verhandlungen zum Marshallplan. Von 1948 bis 1956 war er der erste stellvertretende Generalsekretär der OEEC und somit stellvertretender Chef der internationalen Organisation. Die OEEC war der Vorläufer der heutigen OECD. Guido Colonna besetzte eine führende Position im italienischen Aussenministerium und war italienischer Botschafter in Norwegen. Er war von 1962 bis 1964 stellvertretender Generalsekretär der NATO und damit stellvertretender Chef des mächtigsten Militärbündnisses der Welt. Er führte den Vorsitz im Nordatlantikrat, das wichtigste Entscheidungsgremium der NATO. Er war in den 60er Jahren auch Mitglied der EWG/EEC-Kommission. Sie war der Vorläufer der heutigen EU-Kommission.

Guido Colonna di Paliano gründete 1973 zusammen mit dem US-Amerikaner David Rockefeller die Trilaterale Kommission. Diese einflussreiche Denkfabrik dient dem Austausch der Eliten von Nordamerika, Westeuropa und Japan. In der Trilateralen Kommission sind viele Wirtschaftsführer und Politiker vertreten. Guido Colonna wird den Niederländer Max Kohnstamm gekannt haben, da dieser ebenfalls Mitgründer der Trilateralen Kommission war. Kohnstamm war ein Freund der niederländischen Königsfamilie. Kohnstamm war auch Mitgründer des Bilderberg-Treffens und gilt als einer der Gründerväter der EU.

Nachdem Guido Colonna di Paliano seine Karriere als Diplomat aufgegeben hatte, ging er in die Privatwirtschaft. Er war im Vorstand des italienischen Automobilkonzerns Fiat. Das Unternehmen wurde von der Agnelli Familie gegründet, die es bis heute kontrolliert. Die Agnellis gelten als die mächtigste Familie der italienischen Wirtschaftselite und heirateten in mehrere italienische Adelsfamilien. Guido Colonna kannte Giovanni Agnelli, das Familienoberhaupt. Sie waren gemeinsam bei der Trilateralen Kommission aktiv.

Guido Colonna di Paliano war im Vorstand eines grossen italienischen Elektrounternehmens, das vom US-amerikanischen Mischkonzern General Electric kontrolliert wurde. Guido Colonna war auch im Vorstand des Chemiekonzerns Solvay. Solvay ist eines der grössten belgischen Unternehmen und wird noch immer von der Gründerfamilie (Milliardäre) kontrolliert.

Guido Colonna di Paliano bei der EG-Kommission Rey (1967-1970), obere Reihe 2. v. l.

Prinz Ascanio Colonna di Paliano (1883-1971) war seit 1908 als Diplomat tätig. Er vertrat Italien in England, Türkei, Dänemark, Schweden und Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zur italienischen Delegation bei der Pariser Friedenskonferenz. Er war von 1938 bis 1941 italienischer Botschafter in den Vereinigten Staaten. Er vertrat somit den italienischen Diktator Mussolini in den USA. Im Dezember 1941 überbrachte er dem damaligen US-Präsidenten Roosevelt die Kriegserklärung Italiens an die USA. Noch am selben Tag trat Prinz Ascanio zurück von seinem Amt als Botschafter, da er den Krieg mit den USA ablehnte.

Ascanios Bruder Fürst Marcantonio VII. (1881-1947) heiratete Isabelle aus der libanesischen Sursock Familie. Isabelle wurde durch die Heirat Teil der römischen High Society. Sie und ihr Mann waren dem Vatikan treu ergeben. Isabelle erhielt die vatikanische Staatsbürgerschaft, die nur ein paar hundert Personen besitzen. In ihrem Palast empfing Isabelle einflussreiche Persönlichkeiten aus der ganzen Welt. Die Sursock Familie war früher die reichste Familie des Libanons und brachte Freimaurer hervor. Die internationale Familie heiratete auch in die irische, muslimische und thailändische Aristokratie.

Bis 1968 wurden zahlreiche Ämter des Vatikans von Adligen besetzt und vererbt. Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Colonna Familie das Privileg, dass ein Familienmitglied bei päpstlichen Zeremonien an der rechten Seite des päpstlichen Throns teilnehmen durfte. Fürst Aspreno Colonna di Paliano (1916-1987) war das letzte Familienmitglied, dem diese Ehre zuteilwurde. Mit seinen 35 Adelstiteln war er eine der adligsten Personen der Hocharistokratie.

Zur Rechten Fürst Aspreno Colonna di Paliano

Aus https://diemaechtigstenfamilienderwelt.ch/2022/02/17/haus-colonna/

Veröffentlicht in Vatikan, Kirche und italienischer Adel

Schwarzer Adel

Bemerkenswert ist weiterhin das Verhalten des süditalienischen und des römischen Adels. So folgte im Süden der Halbinsel, laut Benedetto Croce, »eine große Zahl adliger Familien« den Bourbonen für einige Jahre ins römische Exil. Croce teilte uns zudem mit, dass diese nach 1870 denselben Weg »in Gruppen oder einzeln« zurückgingen! Gegen Ende des Jahrhunderts milderte der Aufenthalt des mondänen, jungen Fürsten Vittorio Emanuele in Neapel ihre Ablehnung. Dennoch macht dieses Verhalten deutlich, wie fremd einem Großteil des Adels - insbesondere denjenigen, die eng mit dem bourbonischen Hof verbunden waren und die über den größten Reichtum und Einfluss verfügten! - die Erschaffung des neuen Staates in der entscheidenden Phase war. Aufsehenerregender war der Fall Rom, wo nach 1870 viele Familien des »schwarzen« papsttreuen Adels dem vereinten Italien und den Savoyer »Besatzern« lange Zeit feindlich gesonnen blieben. Auch in der Hauptstadt heilte die Zeit Wunden, aber viele hielten ihre ablehnende Haltung sogar bis zum Abschluss der Lateranverträge bei. Die Kluft zwischen »schwarzen« papsttreuen und »weißen« liberalen Adligen war von besonderer Bedeutung, da sie die reichen und prestigträchtigen Familien der römischen Fürsten betraf, aus denen seit Jahrhunderten Päpste und Kardinäle hervorgegangen waren. Sie verfügten über einen fast königgleichen Status und waren mit großen Reichtümern sowie starkem sozialen Einfluss ausgestattet. Diese Adligen Neapels und Roms machten zusammen 15 bis 20 Prozent des gesamten italienischen Adels aus, auf die Piemontesen entfiel ein Anteil von 10 Prozent. Auch andernorts, wo die Dynastien und Höfe weniger stark verankert waren als das Papsttum in Rom, existierten regelrecht Sektoren von Aristokraten, die sich — wenn auch weniger auffällig — kaum mit der nationalen Sache identifizierten.

Aus Hochkultur als Herrschaftselement – Italienischer und deutscher Adel im langen 19. Jahrhundert

Herausgegeben von: Gabriele B. Clemens , Malte König und Marco Meriggi

Veröffentlicht in Reformation & Geheimgesellschaften

Alterations of State

Sacred Kingship in the English Reformation

Richard C. McCoy

Könige waren in Europa jahrhundertelang heilige Personen, die als gesalbte Stellvertreter des Herrn auf Erden angesehen wurden. Die Kirche und ihre Sakramente galten als heiliger als die Monarchie, doch wurden den mittelalterlichen Herrschern immer noch sakrale, geistliche und sogar wundertätige Kräfte zugeschrieben. Die Krönung wurde von einigen als ein Sakrament angesehen, das einer Weihe gleichkam; der königlichen Berührung wurden heilende Wirkungen zugeschrieben, und die mystische Vorstellung von den zwei Körpern des Königs implizierte, dass das Königtum niemals starb. Außerdem hatten Herrscher von Karl dem Großen bis zu den Habsburgern die kaiserliche Autonomie gegenüber dem Papsttum beansprucht, was zu Spannungen zwischen Königen und Klerikern führte. Die Reformation verschärfte diesen Konflikt, während sie gleichzeitig die älteren Vorstellungen von einem heiligen Königtum erheblich erweiterte und sie gleichzeitig grandioser und problematischer machte. In England wurde der Bruch Heinrichs VIII. mit Rom durch neue Theorien der königlichen Oberhoheit gerechtfertigt, die den König zum Oberhaupt der Kirche und des Klerus sowie zur geistlichen Verkörperung des Reiches machten.

Mit dem Fortschreiten der Reformation wurden sogar die Sakramente selbst eingeschränkt und die Messe abgeschafft. Diese Entwicklungen führten zu dem, was John Bossy eine "Migration des Heiligen" nennt, bei der "die sozial integrativen Kräfte der Hostie" auf die "Rituale der Monarchie und der weltlichen Gemeinschaft" übertragen wurden. Unter den Tudors erlangte die königliche Gegenwart etwas von der ehrfurchtgebietenden Heiligkeit der Realpräsenz Christi in der Eucharistie und drohte sie zeitweise sogar zu ersetzen. Unter Edward wurden die Lettner abmontiert und manchmal durch das königliche Wappen ersetzt, und das Fronleichnamsfest wurde schließlich verdrängt und durch einen Elisabethkult und seine jährlichen königlichen Prozessionen ersetzt. Sowohl die alten als auch die neuen Vorstellungen vom sakralen Königtum riefen immer noch zunehmende Ambivalenz und sogar Feindseligkeit hervor, und die Anfechtungen und Konflikte hielten auch während der Reformation an. "Da der Protestantismus die körperliche Heiligkeit ablehnte", so Paul Kléber Monod in The Power of Kings, "... konnte er leicht mit einem Königtum kollidieren, das den Körper heilig machte." Eifrigere Protestanten hielten die Verehrung der Monarchie für ebenso götzendienerisch wie die Anbetung der Hostie und kritisierten wiederholt die Unzulänglichkeiten der gottgefälligen Herrschaft unter den Tudors. Unter den Stuarts nahm der Widerstand der Puritaner zu, was den Bürgerkrieg anheizte und zur Hinrichtung Karls I. im Jahr 1649 führte. Der Kampf der englischen Reformation um das heilige Königtum wurde durch Königsmord und republikanische Herrschaft kaum gelöst. Zu John Miltons Entsetzen verstärkte das von Karl I. vergossene Blut nur noch die Tendenz Englands zu "einer zivilen Art von Idolatrie in der Vergötterung der Könige". Der König erwies sich nach seinem Tod und seiner Niederlage als beliebter als zu Lebzeiten, was die Unterstützung für die Wiedereinsetzung von Karl II. im Jahr 1660 beflügelte. Dennoch wurden die papistischen Sympathien der Stuarts zunehmend unangenehm, und Jakob II. wurde 1688 abgesetzt. Indem die Glorious Revolution das göttliche Erbrecht in Frage stellte, beschädigte sie die traditionelleren Vorstellungen vom sakralen Königtum ernsthaft und leitete eine neue Ära der konstitutionellen Monarchie ein.

Wie diese kurze Zusammenfassung zeigt, wurden die Auseinandersetzungen um die englische Monarchie in der frühen Neuzeit immer turbulenter. Es war eine Zeit, die in den Worten verschiedener zeitgenössischer Berichte von "vielen großen Veränderungen und schrecklichen Umwälzungen" geprägt war, von "Tagen der Erschütterung". Selbst ein relativ reibungsloser Übergang konnte schreckliche Befürchtungen wecken. In seiner Chronik von 1603, die ironischerweise den Titel The Wonderful Year (Das wunderbare Jahr) trägt, bringt Thomas Dekker die Ängste im Zusammenhang mit dem Tod von Elisabeth und der Nachfolge von Jakobus zum Ausdruck, indem er ausruft: "What an EarthQuake is the Alteration of a State!" Jeder Regimewechsel konnte akute Ängste hervorrufen, denn während der englischen Reformation waren politische Veränderungen oft auch mit religiösen Veränderungen verbunden. König Jakobus verstand diese Ängste und versuchte, seinen neuen Untertanen zu versichern, dass solche drastischen Veränderungen hinter ihnen lägen, als er 1604 in Hampton Court sprach: "In diesem Land hat König Heinrich VIII. gegen Ende seiner Herrschaft viel verändert, König Eduard VI. noch mehr, Königin Maria hat alles rückgängig gemacht, und zuletzt hat Königin Elisabeth (von berühmtem Andenken) die Religion so geregelt, wie sie jetzt ist. Darin bin ich glücklicher als sie, denn sie waren geneigt, alles zu ändern, was sie etabliert fanden, während ich noch keinen Grund sehe, das zu ändern, was ich bereits festgelegt habe." Jakobs eigene Feindseligkeit gegenüber den Puritanern verschärfte jedoch während seiner gesamten Regierungszeit die konfessionellen Konflikte, die von seinen Erben nur noch weiter angefacht wurden.

Die Religionspolitik Karls I. trug dazu bei, den Bürgerkrieg auszulösen, der ihn den Kopf kostete, und die Konversion Jakobs II. zum Katholizismus löste die Glorreiche Revolution aus, die ihn und schließlich die Stuart-Dynastie den Thron kostete. Für viele in England müssen diese Veränderungen wie ein Erdbeben gewirkt haben.

Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Adel in den NS-Salons

Die Verzahnung von Adel und NS-Bewegung auf dem Land hatte in den Großstädten ein wichtiges Pendant in Form von einigen Salons. Die „bunte Mischung aus Cuts und SS-Uniformen“ und die aus spöttischen Beschreibungen bekannten Szenen, in denen sich Hitler ungelenk händeküssend und aufgeregt hackenschlagend NS-nahen Mitgliedern des deutschen Hochadels empfiehlt, waren lange vor 1933 an diesen Schaltstellen einstudiert worden.

Hitlers eigene Kontakte zu adligen und bürgerlichen Mitgliedern der Oberschicht wurden bereits zu Beginn seiner politischen Laufbahn in den Häusern einzelner Gönner hergestellt. Neben der Familie des Pianofabrikanten Bechstein wurden Hitler solche Verbindungen, darunter etwa das folgenreiche Treffen mit Emil Kirdorf, im Salon Elsa Bruckmanns vermittelt. Die Frau des Münchener Verlegers Hugo Bruckmann war eine geborene Prinzessin Cantacuzène und stammte aus einer Familie des rumänischen Hochadels. Als man im Salon der Bruckmanns in „Sorge über die psychologische Auswirkung des Erfolges bei Hitler“ geriet, hatte sich dieser der erträumten Steuerung längst entzogen. Als Mittelsmann für den Kontakt zwischen Hitler und Kirdorf hatte Karl Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des rechtsradikalen Nationalklubs, eine Rolle gespielt. Das Berliner Haus der Bechsteins blieb bis zur Machtübertragung von Bedeutung — Helene Bechstein, die Hitler in seinen Jahren als „Trommler“ auch finanziell unterstützt hatte, war im Januar 1931 Gastgeberin des erwähnten Treffens, bei dem Hitler in einem Kreis von fünfzehn Personen mit Großgrundbesitzern aus renommierten preußischen Familien zusammentraf.

Prominente Nationalsozialisten, darunter Hermann Göring, der als ehemaliger Kommandeur des berühmten Jagdgeschwaders Richthofen über Adelskontakte bis zum preußischen Kronprinzen verfügte, die durch seine erste Ehefrau erheblich vermehrt wurden, schufen weitere Verbindungen zum Adel. Im August 1931 faszinierte ein zweistündiger Vortrag Hitlers im Hause Göring die Zuhörer Rüdiger Graf v. d. Goltz, Leopold v. Kleist, Hjalmar Schacht und Magnus v. Levetzow derartig, daß „der Kreis ergriffen und beeindruckt noch eine Weile im Schweigen verharrte. Göring und die Strasser-Brüder verkehrten wiederum im Salon, den Oskar v. Amim-Burow mit seiner bürgerlichen Frau aus einer reichen Frankfurter Familie in der Berliner Dahlmannstraße unterhielt.

Spätestens 1930 wurde der Salon einer Neuadligen die wohl wichtigste „gesellschaftliche“ Schaltstelle zwischen altem Adel und Nationalsozialismus: das Haus v. Dirksen in Berlin-Tiergarten. Viktoria Auguste v. Dirksen, Tochter aus einer nobilitierten Danziger Familie, war die zweite Frau des 1928 gestorbenen Gesandten Willibald v. Dirksen und Schwiegermutter des antisemitischen Diplomaten Herbert v. Dirksen, der zwischen 1928 und 1939 die Botschafterposten in Moskau, Tokio und London bekleidete. Der Salon im pompösen Palais, den die Familie in der Berliner Margaretenstrasse besaß, war bereits vor 1918 ein Schnittpunkt der Potsdamer und Berliner Hofgesellschaft. Nach dem Krieg versammelte sich in diesem Salon, der stets eine politische, scharf antirepublikanische Ausrichtung behielt, ein erheblicher Teil der „alten Gesellschaft“. In den späten 1920er Jahren öffnete die Witwe, die Hitler bereits 1923 unterstützt hatte, ihr Haus den Spitzen der NSDAP, die hier erfolgreich um prominente Vertreter aus dem niederen und hohen Adel warben. „Die alte Dame hat einen Narren an mir gefressen und will gleich durch mich alle Welt bekehren lassen“, notierte Joseph Goebbels im Februar 1930. Der Erfolg dieser Bemühungen blieb nicht aus. Einen Eindruck von der hier geleisteten Zusammenführung vermittelt das Protokoll über ein Treffen im November 1931.

Anwesend waren u. a. Hermann Göring, Joseph Goebbels, Marie Adelheid Prinzessin zur Lippe (NSDAP-Mitglied seit dem 1.5.1930), Viktor Prinz zu Wied mit Ehefrau (Parteimitglieder seit dem 1.1.1932), der DAB-Leitartikler Walther Eberhard Frhr. v. Medem, die Parteigenossen August Wilhelm Prinz v. Preußen, der Bankier August Frhr. v. d. Heydt und Oberst a. D. Leopold v. Kleist als Vertreter Wilhelms II. Mitglieder des alten Adels trafen in diesem Salon, den Insider der Berliner Gesellschaft als „gesellschaftlichen Mittelpunkt der nationalsozialistischen Bewegung“ einschätzten, mit den prominentesten NS-Führern zusammen. Hitler, Göring und Goebbels sprachen hier mit dem Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf v. Helldorf und Angehörigen des Hohenzollernhauses. Prinz „Auwi” präsentierte sich im Hause Dirksen in brauner Uniform, er und sein Sohn Alexander — Parteigenosse auch er — wurden hier „in Hitlers Lehre eingeführt“.

Jahrelang vermittelte die Witwe, deren Bruder Karl August v. Laffert der SS angehörte, „zwischen den Nationalsozialisten und der alten Hofpartei“. Bereits Ende 1933 hatte der Salon der „alten Hexe“, wie sie nun genannt wurde, offenbar seine einstige Bedeutung verloren, die in den entscheidenden Monaten der Machtübertragung zwischen August 1932 und Januar 1933 erneut gewachsen war. Salons dieser Art boten den Schachzügen einzelner Personen der sprichwörtlichen „Kamarilla“ um Hindenburg das geeignete Forum. Das Haus der Dirksens spielte für die Verknüpfung von Einzelpersonen, so etwa beim Arrangement der folgenreichen Begegnung zwischen Hitler und dem „in der Verfassung nicht vorgesehenen Sohn des Reichspräsidenten“ am 22. Januar 1933 noch immer eine Rolle.

Neben ihrer Leistung, zwei sozial weitgehend voneinander getrennte Welten zu verbinden, erfüllten die NS-Salons eine weitere Funktion. Als „Salonspionage“ bezeichnet Bella Fromm den Versuch, über meist weibliche NS-Anhänger in den Salongesprächen Stimmungslagen und Herrschaftswissen der Funktionseliten auszuloten und weiterzugeben. Daß für diese Aufgabe vielfach adlige Vertrauensleute ausersehen wurden, ist überaus einleuchtend.

Eine „mobile“ Schnittstelle entstand durch die Aktivitäten der zweiten Ehefrau Wilhelms II., Hermine Prinzessin v. Reuß, die bei ihren Deutschlandaufenthalten in den wichtigsten Zirkeln der politischen Rechten verkehrte. Offenbar nahm sie 1929, am Rande des Nürnberger Parteitages, Kontakt mit der NSDAP-Führung auf. Der Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit Hitler ist unklar, gut dokumentiert ist hingegen ein Treffen mit Hitler im Salon der Baronin Tiele-Winckler im November 1931. In Anwesenheit der „Kaiserin“, Görings und der adligen Chefberater Wilhelms II. hielt Hitler einen mehrstündigen Monolog, in dem er seine Absicht darlegte, „alle Novemberverbrecher [...] öffentlich strangulieren“ zu lassen. Der Vortrag begeisterte Gastgeberin und Gäste gleichermaßen, die Ehefrau des Kaisers äußerte sich positiv über den „sympathisch[en]“ Hitler, „auch über seinen guten und geraden Gesichtsausdruck und seine guten Augen und ihren Ausdruck ohne Falsch“, Erfreut über das Ergebnis des Treffens faßte Magnus v. Levetzow seine Eindrücke von Hitler in einem Brief an Fürst v. Donnersmarck zusammen: „Er war gut im Tellerchen, Donnerwetter nochmal.“

Die Stellen, an denen sich das entre-nous Milieu der Gesellschaft politisch und stilistisch nach rechts außen öffnete, wurden zahlreicher und größer. Im Dezember 1932 beschrieb Bella Fromm eine eher „bunte als vornehme Gesellschaft“, die auf dem Wohltätigkeitsball des „Cecilenwerks“ zusammenkam und den Hochadel mit Magdalena Goebbels zusammenführte. Fromm, die sich als Gesellschafts-Kolumnistin mit großbürgerlichem Hintergrund in der Berliner Gesellschaft vorzüglich auskannte, nach rechts über persönliche Kontakte bis zu Schleicher und Papen verfügte und als Jüdin die Veränderungen im gesellschaftlichen Fluidum mit besonderer Schärfe beobachtete, hat in ihrem Tagebuch die großen Umwälzungen in Form von anschaulichen Miniaturen und Momentaufnahmen gebannt. Durch die Gesprächsgruppen ausländischer Diplomaten und der alten Potsdamer Gesellschaft schritten neben Graf Helldorf und Prinz „Auwi" in SA-Uniform immer häufiger Mitglieder des alten Adels in immer offensiverer Zurschaustellung ihrer nationalsozialistischen Sympathien. In ihrer Skizze über eine Ansammlung „kleiner Widerwärtigkeiten“ gab Fromm im Dezember 1932 zu Protokoll: „Es war entmutigend zu sehen, wie viele neue Freunde dem Nationalsozialismus aus den Reihen des alten Adels erwachsen sind“ Fromms Schilderungen erinnern an die Darstellung Hannah Arendts über die Empfänge in den Pariser Salons zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Für die französische Hauptstadt des fin-de-siecle beschreibt Arendt ein Muster, das „nach dem Weltkrieg zur Regel wurde: Die Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite, die Bewunderung jeglicher Grausamkeit, das Bündnis schließlich aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung“ Zu den äußeren Merkmalen dieses Bündnisses zählte der Kotau, der noch 1933 in allen Adelsverbänden vollzogen wurde.



Parallel zur Eintrittswelle in die NSDAP, die noch näher zu betrachten it, schwappte 1933 eine Flut adliger Ergebenheitsadressen an die neuen Machthaber über das Land. Den symbolischen Gipfel adliger Anbiederungen lieferte auch hier die DAG. Der Kotau, den Fürst Bentheim im Namen der DAG-Führung inszenierte, erfolgte frühzeitig und bedingungslos. Die Hoffnung der DAG-Führung, die DAG als staatlich anerkannte ‚Elite‘-Formation in die Führungsgremien des neuen Staates integrieren zu können, wurde durch Fürst Bentheim im Juni 1933 Hitler persönlich vorgetragen. Bentheim wünschte sich für die DAG den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Staatliche Organe sollten Druck auf adlige Nichtmitglieder ausüben und die DAG-Mitgliedschaft als unabdingbare Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Adel rechtlich fixiert werden. Hitler hatte Bentheim durch äußerst vage Zusagen, die Bentheim wenig später in geschönter Form den „Landesführern“ und Fürst Löwenstein referierte, Hoffnungen gemacht, die später durch seine Staatssekretäre wiederholt wurden.

Bentheim glaubte sich „[dem großen] Ziel, das uns seit hundert Jahren verloren ist‘, zum Greifen nahe: „daß der Adel wieder politischer Stand wird.“ Bentheim versprach Hitler feierlich, nach einer großen „Säuberungsaktion‘“ werde er den „gereinigten deutschen Adel“ dem NS-Staat uneingeschränkt „zur Verfügung zu stellen“

Die bereits beschriebene Verschärfung des Arierparagraphen trat mit einer Satzungsänderung am 12.9.1933 in Kraft und führte nun zur „Ausscheidung“ von weit über 100 Mitgliedern aus den Reihen der DAG. Gleichzeitig wurde der DAG-Hauptvorstand um fünf prominente Nationalsozialisten ergänzt, die hohe und höchste SA-Ränge bekleideten. Die DAG bildete damit die symbolische Spitze einer breiten Bewegung im Adel, die sich wiederum eingliederte in den nunmehr überall in Fahrt kommenden Versuch, „dem Führer entgegenzuarbeiten“. Für die DAG-Führung können Geschwindigkeit und Radikalität dieser Selbstgleichschaltung ebensowenig erstaunen wie die kriecherischen Noten, die Bentheim u. a. nach den Röhm-Morden und dem Attentat des 20. Juli 1944 an Hitler sandte. Die Naivität, mit der die Männer der DAG-Führung „Hitlers Stiefel leckten“, wie Erwein Frhr. v. Aretin formulierte war die konsequente Fortführung des seit Jahren gesteuerten Kurses - erstaunen kann hier allenfalls, daß diese Haltung bis 1945 keine erkennbare Korrektur erfahren hat.