Bemerkenswert ist weiterhin das Verhalten des süditalienischen und des römischen Adels. So folgte im Süden der Halbinsel, laut Benedetto Croce, »eine große Zahl adliger Familien« den Bourbonen für einige Jahre ins römische Exil. Croce teilte uns zudem mit, dass diese nach 1870 denselben Weg »in Gruppen oder einzeln« zurückgingen! Gegen Ende des Jahrhunderts milderte der Aufenthalt des mondänen, jungen Fürsten Vittorio Emanuele in Neapel ihre Ablehnung. Dennoch macht dieses Verhalten deutlich, wie fremd einem Großteil des Adels - insbesondere denjenigen, die eng mit dem bourbonischen Hof verbunden waren und die über den größten Reichtum und Einfluss verfügten! - die Erschaffung des neuen Staates in der entscheidenden Phase war. Aufsehenerregender war der Fall Rom, wo nach 1870 viele Familien des »schwarzen« papsttreuen Adels dem vereinten Italien und den Savoyer »Besatzern« lange Zeit feindlich gesonnen blieben. Auch in der Hauptstadt heilte die Zeit Wunden, aber viele hielten ihre ablehnende Haltung sogar bis zum Abschluss der Lateranverträge bei. Die Kluft zwischen »schwarzen« papsttreuen und »weißen« liberalen Adligen war von besonderer Bedeutung, da sie die reichen und prestigträchtigen Familien der römischen Fürsten betraf, aus denen seit Jahrhunderten Päpste und Kardinäle hervorgegangen waren. Sie verfügten über einen fast königgleichen Status und waren mit großen Reichtümern sowie starkem sozialen Einfluss ausgestattet. Diese Adligen Neapels und Roms machten zusammen 15 bis 20 Prozent des gesamten italienischen Adels aus, auf die Piemontesen entfiel ein Anteil von 10 Prozent. Auch andernorts, wo die Dynastien und Höfe weniger stark verankert waren als das Papsttum in Rom, existierten regelrecht Sektoren von Aristokraten, die sich — wenn auch weniger auffällig — kaum mit der nationalen Sache identifizierten.
Aus Hochkultur als Herrschaftselement – Italienischer und deutscher Adel im langen 19. Jahrhundert
Herausgegeben von: Gabriele B. Clemens , Malte König und Marco Meriggi