Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Adliges Blut und Boden

Wie sich adlige und nationalsozialistische Ideale bei einiger Anstrengung als wesensgleich darstellen ließen, demonstrierte Friedrich v. Bülow in seiner Tischrede auf dem Bülowschen Familientag im Sommer 1935. Bülow, Oberpräsident in Posen a. D., stand einem der größten deutschen Familienverbände vor, auf dessen Familientagen eine wachsende Gruppe junger NS-Anhänger bereits vor 1933 auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die metaphorisch aufgeladene Präsentation angeblicher Gemeinsamkeiten, die der 66-jährige Redner seinem Familienkreis hier bot, liefert einen der eindringlichsten Belege für die These, daß die Annäherung des Adels an den Nationalsozialismus nicht zuletzt als Geschichte eines Mißverständnisses zu schreiben ist:

Auf Blut und Boden baut der Führer sein Drittes Reich. Wir haben seit 7 Jahrhunderten um die Blutauslese gewußt und haben auf altbewährter Rasse und Kultur mit weiser Wahl unseren Blutsstrom aufgebaut und fortgeführt. [...] Alle die großen Ideale, die der Führer dem deutschen Volke gesetzt hat, sie stammen aus alt-germanischem Erbgut und nicht zuletzt aus den tiefsten Schatzkammern des deutschen Adels. So ist der deutsche Adel dem Nationalsozialismus von Grund auf wesens- und stammverwandt. Zur Zeit der roten Regierungen hieß es: herunter mit der Aristokratie, wir wollen alle Proletarier sein. Jetzt heißt es umgekehrt: Der einfache Mann aus dem Volke soll emporsteigen, und auf der Ebene einer wahren Aristokratie wollen wir alle uns wieder treffen. [...] Was die Zukunft uns bringen wird, überlassen wir Gottes Hand und der Erleuchtung des Führers. Eines aber wissen wir. Unser altes Geschlecht ist kein Fremdkörper im Dritten Reich, der morscht und zerfällt, es ist ein tragender Quader im Bau, gehärtet in Jahrhunderten. [...] Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!

[…]


Als wichtigster Erbe der völkischen Traditionen und als politische Kraft, die dem neo-aristokratischen Denken in manchen Zügen nahestand, hatte auch der Nationalsozialismus den Adel weder als Idee noch als Begriff aufgegeben. Was blieb, waren der Begriff und einzelne Elemente adliger Tradition, die sich verbiegen und mißbrauchen ließen. „Adel“ blieb eine vom Nationalsozialismus geschätzte und benötigte Institution — allerdings nur in Gestalt der Mutationen, die Hitler, Günther, Darre, die SA und schließlich v. a. die SS-Führung als „Adel“ wünschten und hervorbrachten. Umgekehrt glaubte ein Großteil des Adels, in den Leitbegriffen und Zielen der NS-Bewegung eine moderne Fassung seiner eigenen Traditionen wiederzuerkennen. Wie gezeigt, erwies sich etwa die vermeintliche Nähe über die gemeinsame Rede von „Blut“ und „Rasse“ als fatale Fehlinterpretation. 1921 sah ein alldeutscher Baron das EDDA-Projekt als

die bewußte Fortsetzung der von jeher schon vom Adel durch Pflege der Stamm und Ahnenkunde geübten [...] Auswahlzüchtung [...]. Die Einstellung des Adels auf den Auslesegedanken und die Rassezüchtung ist daher für den Adel gar kein neues, sondem eigentlich ein selbstverständliches Ziel

Die absurde Wahrnehmung der NS-Bewegung als zeitgemäßer Fortführung der „besten“ adligen Traditionen fand sich im Adel überall, Ihre Basis war die gemeinsame Benutzung von Leitbegriffen, die phonetisch, nicht aber semantisch identisch waren. „Adolf Hitler allein danken wir es“, hieß es 1932 in einem Aufruf, „wenn heute in breitesten Volkskreisen die unseren besten Ueberlieferungen entsprechenden Anschauungen wiedererweckt sind: Persönlichkeit und Rasse, Raum und Bodenständigkeit, Kriegertum und Wehrwille, Kampfbereitschaft für die Ehre und Freiheit der Nation.“

[…]


Als wichtigstes Ziel definierte der würzburger Hochschullehrer Ernst Mayee die ,,bewusste und verbandsmäßige Zusammenfassung des Adels und der Gebildeten“; eine Verbindung, welche die Tagungen der Gesellschaft explizit zu befördern suchten. Aus den „politischen Stürmen“ werde ein „umfassender neuer deutscher Adel entstehen, nach ältestem deutschen Sinn nichts anderes als der liebevoll führende Älteste all der jüngeren Brüder im ganzen deutschen Volk, bewußt und doch geschmeidig, tapfer und feinst gebildet, wirtschaftlich nicht gedrückt aber auch nicht üppig.“ Unabhängig von allen Bildungspatenten würde allerdings das deutsche Judentum in der künftigen „deutschen Oberschicht nichts zu suchen“ haben. Mit einem Verweis auf die zur Dekadenz führenden Inzucht des französischen Adels und unter Verwendung der zeitüblichen Vampirsmetaphorik des völkischen Jargons empfahl der Jurist dem alten Adel, „frisches Blut aus anderen Schichten“ zuzuführen, um die „Abgänge“ zu ergänzen. Auch hier fand sich der positive Bezug auf die „Elastizität“ der englischen gentry. In selbstbewußter Betonung der eigenen Fähigkeiten forderte der Bildungsbürger Mayer die „unerbittliche Schulung“ der künftigen Oberschicht, aus der alle Mitglieder, die der „scharfen“ Bildungsselektion nicht standhalten würden, „erbarmungslos“ auszustoßen seien.

Der DAB-Schriftleiter Walter v. Bogen war es auch, der wenige Monate nach dieser Debatte in naiver Offenheit jenes Neuadelskonzept präsentierte, das sich für den gesamten alten Adel als unverdaulich und als die wohl wichtigste konzeptionelle Herausforderung adliger Führungsansprüche erweisen sollte: Richard Walther Darres 1930 erschienenes Werk „Neuadel aus Blut und Boden“. In seiner erstaunlich positiven Besprechung des Buches pries v. Bogen Darres Zuchtphantasien eines neuzuschaffenden, rassereinen und bodenverbundenen Adels als Unternehmen, das den Bestrebungen der Adelsgenossenschaft sehr nahe kam. Darres äußerst scharfe Kritik am alten Adel hatte v. Bogen bei seiner Lektüre des Buches ebenso übergangen wie den Clou, auf den Darres Konzept hinauslief; denn Darres behauptete nicht weniger als die Notwendigkeit, den alten Adel durch einen neuen abzulösen. Zwar lobte auch Darre den alten Adel als Lieferanten bestimmter Ideale und einzelner Führergestalten; was die notwendige Schaffung eines Führerstandes der Zukunft betraf, stufte Darres den alten Adel in seiner Gesamtheit jedoch als unbrauchbar, überflüssig und ersetzungsbedürftig ein. Die wenig später anlaufende Auseinandersetzung des Adels mit Darres Konzept ist im Zusammenhang mit den Differenzen zwischen Adel und NS-Bewegung noch genauer zu besprechen. Hier soll zunächst die Feststellung genügen, daß mit Darres Buch seit 1930 ein politisch relevantes Neuadelskonzept vorlag, das die völkisch-rassistische Adelskritik, wie sie sich u. a. im Semi-Gotha niedergeschlagen hatte, erneut zugespitzt und in einen detailliert ausgearbeiteten Bauplan für einen Alternativ-Adel überführt hatte. Im Januar 1933 nahm das Adelsblatt die Neuadelsdebatte mit einem völkischen Beitrag des alldeutschen Barons Leopold v. Vietinghoff-Scheel erneut auf. In den nachfolgenden Diskussionsbeiträgen wurden jedoch lediglich die bekannten Argumente wiederholt. Das Schlußwort der Schriftleitung schrieb die Linie der DAG erneut fest — mit Ausnahme der nicht „rassereinen“ Mitglieder war an der Gesamtheit des alten Adels als Kristallisationspunkt der künftigen Führerschicht festzuhalten Bildung, Fachkompetenzen und materielle Unabhängigkeit wurden damit als unabdingbare Kriterien für eine Zugehörigkeit zur „Führerschicht“ erneut zurückgewiesen. Zehn Tage vor der Machtübergabe hatte die DAB-Schriftleitung eine Formel gefunden, die an Darres und andere nationalsozialistische Elitenkonzepte zumindest anschlußfähig war: „Ein völkischer Staat braucht eine Führerschicht, die rassisch rein, bodenverbunden, im eigenes Volkstum wurzelt [... und] das Wohl ihres Volkes sucht.“

Der inhaltliche Kern der in diesem Kapitel beschriebenen Neuadelsdebatten enthielt drei verschiedene, vielfach variierte und unterschiedlich gewichtete Forderungen an den alten Adel: Bildung, Besitz und („reines“) Blut. Die beiden ersten Begriffe verwiesen auf die tatsächlichen und entscheidenden Schwachstellen des Kleinadels, wurden jedoch (oder deshalb) aus der inneradligen Debatte sukzessive verdrängt. Immer stärker in den Vordergrund rückte hingegen die aus den Phantasiereichen völkischen Denkens übernommene Forderung nach rassischer Reinheit, die eine realistische Einschätzung adliger Machtchancen in der Moderne zusätzlich blockierte und sich schon bald als argumentativer Bumerang erweisen sollte. Ohne die Folgen dieser Entwicklung bereits an dieser Stelle vorzuführen, soll hier anhand eines Beispiels aus dem Jahre 1924 gezeigt werden, daß die Vorstellung einer „rassischen“ Verbesserung des Adels als Ersatz für eine tatsächliche Adelsreform bereits vor dem politischen Durchbruch der NS-Bewegung offen debattiert wurde.

Sechs Jahre bevor der Pferdezuchtspezialist Walther Darre seine Adelszuchtphantasien veröffentlichte, schrumpfte der im Adel überaus prominente und mit zwei Doktortiteln geschmückte Schriftsteller und Schloßbesitze Börries Frhr. v. Münchhausen die raison d’être des Adels auf eine schlichte Formel zusammen: „Wenn Adel einen Sinn und Wert haben soll, der über die äußerliche Namenverzierung hinausgeht, so kann es nur dies sein: Menschenzüchtung.“ Ohne Umschweife verglich der Literat die züchterische Arbeit an der „glücklich gebauten Naturrasse“ englischer Vollblutpferde mit der „züchterisch“ motivierten Wahl adliger Ehefrauen. Mit der affirmativen Übernahme der „goldenen Worte“ aus dem „köstlichen“ Buch Hans F. K. Günthers und der Leitideen der nordizistischen Rassenlehre verabschiedete sich der Baron in munter formulierten Sätzen von den jahrhundertealten Kriterien adliger Ebenbürtigkeitsprinzipien: „Es gibt überhaupt nur eine Ebenbürtigkeit, das ist die des reingebliebenen nordischen Blutes. Der mischrassige Adlige z.B. ist rassisch einer reinrassischen nordischen Bauerntochter nicht ebenbürtig. Wenn Adel wieder einen rassischen Sinn erhalten soll, so ist ihm die Erziehung nordischer Rassenreinheit als erste Aufgabe zugewiesen.“ Die Jugend müsse künftig „ohne weiteres erkennen: Dies ist eine mongolische Nase, jenes eine nordische Gestalt, das ein ostisch weichlicher Mund. Nur so können wir Nietzsches Befehl verstehen und ausführen: Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!“ Nicht „reinrassige“ Adlige, so die Forderung, sollten ihre Adelstitel ablegen, da aus Ehen zwischen Juden und „Ariern“ stets „Bastarde‘ hervorgingen. Im sprachlichen Höhepunkt des Beitrages, der zugleich einen intellektuellen Tiefpunkt der Adelsdebatten markierte, hieß es dazu:

Ich kann Möpse züchten, und ich kann Dackel züchten, aber wenn mir das Malör (sic) passiert, und ich den Korb voll junge Dackelmöpse kriege, so werden sie mit Fug und Recht ersäuft. Das ist weder antimopsisch noch antidackelig, sondern ein Ausfluß der jahrhundertealten Erfahrung, daß alle Bastarde minderwertig sind.

Bezüglich der Kriterien, nach der eine Führerschicht aufzubauen war, traf der Baron eine klare Aussage: Die „Reinrassigkeit des Adels [ist] als die allerwichtigste Frage jedes einzelnen und des ganzen Standes, darüber hinaus aber: unseres ganzen Volkes anzusehen.“

Autor:

He fell from the sky and played the blues.