Die ordensritterliche Formel „Gen Ostland wollen wir reiten“ ließ sich in die propagandistische Darstellung der nationalsozialistischen Eroberungs- und Siedlungspläne einpassen und konnte im Adel auf breite Zustimmung rechnen. Ewald v. Kleist-Schmenzin hatte den möglichen Gewinn für den ostelbischen Landadel 1926 an prominenter Stelle hervorgehoben:
Welch ein Jungbrunnen östlich unserer Grenze erworbenes Kolonialland bei unbeschränkten Siedlungsmöglichkeiten wäre, bedarf keiner Ausführung
Was Kleist als vage Hoffnung formulierte, wurde spätestens seit Kriegsbeginn in sehr pragmatischen Versuchen einer Gewinnbeteiligung umgesetzt. Die im Osten entstehenden Karriereoptionen gingen über Kuriosa wie das Amt des ,,Geschäftsführers des Schafzuchtverbandes Ukraine“ bekanntlich weit hinaus.
Mitglieder des hohen und niederen, des reichen und des armen Adels bemühten sich nach 1939 in Anfragen an die SS-Führung um die Option auf Landgüter in den Beutegebieten. Adlige erkannten hier die einzigartige Chance, die Bodenversorgung der Familie auf Generationen hinaus abzusichern. Entsprechende Schreiben an Heinrich Himmler bzw. hohe SS-Stellen dokumentieren überaus handfeste Interessen, die in den verschiedenen Adelsgruppen am Erwerb von Großgrundbesitz im „Ostland‘‘ bestanden. Auch in Anträgen aus hochadliger Feder wurden sehr konkrete Beutewünsche formuliert: „Sehr geehrter Herr Himmler! Ich habe für meinen ererbten holsteinischen Familienbesitz drei Erhofzulassungsanträge gestellt; zwei Anträge sind bereits genehmigt worden, während die Entscheidung über den dritten Antrag noch aussteht. Da ich insgesamt 6 Söhne habe, würde ich gern noch weiteren Grundbesitz für die jüngeren Söhne erwerben. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mich kurz wissen lassen würden, ob grundsätzlich die Möglichkeit des Ankaufs grösserer Güter im Osten nach Kriegsende für mich gegeben sein wird. [...] Mit herzlichem Gruß und Heil Hitler [...]“.
Mit der viel besungenen Schollenverbundenheit hatte diese Form modernen Raubrittertums wenig zu tun, viel hingegen mit den um die Ostkolonisation rankenden Mythen. Ein baltischer Autor lobte 1940 das Projekt des „Führers“, den baltischen Adel von seiner „siebenhundertfünfzigjährigen, bis zum äußersten treuen Wacht auf vorgeschobenem Posten“ abzuberufen, um diesem im „wiedergewonnenen deutschen Ostraum an der Weichsel zu verpflanzen und [ihm] damit eine neue, gewaltige und herrliche Aufgabe zu weisen.“ Der Schriftsteller Ottfried Graf v. Finckenstein wurde nach dem Angriff auf die Sowjetunion Vorsitzender eines Künstlerverbandes mit dem Namen Kulturwerk Deutsches Ordensland, der in Marienburg tagen und daran erinnern sollte, daß
vor rund 700 Jahren das Licht deutschen Geistes und deutscher Gesittung in den slawischen Raum getragen [wurde], um nie wieder zu verlöschen

Nunmehr sei der Deutsche wiederum „wichtigster Kulturträger in der vordersten Front des Deutschtums“. Etwa zeitgleich sprach Fritz-Dietlof Graf v. d. Schulenburg von der bevorstehenden Entscheidung, „ob das Volk endgültig der städtischen Zivilisation verfällt oder hier im Osten noch einmal Wurzel schlägt und sich von seiner Kraft her erneuert“. Mit anderen Motiven als der persönlich unbestechliche und energisch gegen die grassierend« Korruption auftretende Schulenburg wurde der Raubkrieg im Osten v. a. von Adligen, die ihre Güter nach 1918 im Rahmen der deutschen Gebietsabtretun. gen verloren hatten, mit besonderer Verve begrüßt. Unter Hinweis auf die verlorenen Güter ihrer baltendeutschen Mutter wandte sich die Ehefrau Heinrich v. Bismarcks schon wenige Wochen nach dem Überfall auf Polen an die Volksdeutsche Mittelstelle mit der Anfrage, „ob es für uns auch eine Möglichkeit gäbe, in den eroberten [...] Gebieten, am liebsten zwischen unseren Landleuten, einen Erbhof oder dergleichen zu erwerben.“ Schon lange habe man vom Siedeln - „am liebsten im Osten“ — geträumt, bislang sei das Land innerhalb des Reiches jedoch zu teuer gewesen. Ein ähnlicher Versuch des SS-Führers Ludolf v. Alvensleben, der im September 1940 seine Hände nach der Beutemasse ausstreckte und sıch dafür direkt an Himmler wandte, wurde von letzterem schroff zurückgewiesen. Er könne nicht „für alle geschäftlichen Mißerfolge von Nationalsozialisten mit Grund und Boden der Siedlung“ einspringen, hieß es in Himmlers Antwort an den enteigneten und ruinierten Gutsbesitzer. „Insgesamt hat mir Ihre Absicht, ohne einen Pfennig Geld sich wieder in den Besitz dieses Gutes zu versetzen, nicht gefallen. [...] Um eine Siedlung können Sie sich, wie alle übrigen Reichsdeutschen, nach dem Kriege bewerben.“
Bei unzähligen Kleinadligen, die nach 1918 steil verlaufende Negativkarrieren gemacht hatten, keimte 1933 die berechtigte Hoffnung auf, das frühe Engagement in der Bewegung könne sich nunmehr bezahlt machen. In einem typischen Bittschreiben für ein 1920 als Oberleutnant entlassenes Mitglied der Familie v. Bülow hieß es im März 1933: „Der arme Mensch sitzt in ganz trostlosen Verhältnissen, trotz seiner früher so reichen [...] Verwandten. Er ist Parteigenosse und stark für die Bewegung eingetreten. Vielleicht, Herr Präsident, ist es Ihnen möglich, einem armen Pg. Arbeit und Verdienst zu verschaffen.“ Im Kleinadel wie in anderen Bevölkerungsschichten konnte der Status des alten Kämpfers nach 1933 Gold wert sein, genauer gesagt, den sozialen (Wieder-)Aufstieg massiv befördern.
Doch Karrierechancen in den traditionellen Adelsberufen eröffnete das Dritte Reich auch unabhängig vom nachweisbaren Engagement für die „Bewegung“. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 wurden die Karrierechancen im Militär, die der Versailler Vertrag extrem reduziert hatte, schlagartig gesteigert. In Aufrufen mahnten adlige Offiziere die Adelsjugend, es gebe nunmehr keinen Grund, einen ‚bürgerlichen‘ Beruf auszuüben, „statt - zum Teufel noch mal! — der inneren Stimme zu folgen, [...] die nun aber bei jedem, der einen alten Namen trägt, wie eine Fanfare schmetternd zu den Waffen rufen muß.“ Wenn das Vaterland rufe, gehöre der junge Adel wie immer „in die erste Angriffswelle.“ Aufrufe dieser Art verhallten nicht ungehört. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich die Anzahl aktiver adliger Offiziere mehr als verdoppelt, was die Absicherung von ca. 1.300 zusätzlichen Militärkarrieren für adlige Männer bedeutete. Hinzu kamen die bereits vor 1933 vom Adel massiv genutzten Karrieremöglichkeiten, die zunächst die SA, dann die SS boten. Früh und konsequent wurde die „Expansion als Zukunftschance“ im Adel erkannt, was sich nicht zuletzt im starken Engagement in der SS widerspiegelte.
In der SS gehörten im Jahre 1938 8,4% der Standartenführer, 14,3% der Brigadeführer, 9,8% der Gruppenführer und 18,7% der Obergruppenführer zum Adel.
Prozentual nahmen diese Anteile in den unteren Dienstgraden und nach der Expansion des SS-Apparates stark ab; in absoluten Zahlen ausgedrückt entstand in der SS jedoch ein erhebliches Potential an Karrierechancen, das Adlige parallel zu den verbesserten Möglichkeiten in der Wehrmacht nutzten.