Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Wilhelms Auftrag

Die Vorstellung, der Adel könne sich in selbstbewußtem Rückgriff auf seine tausendjährige Herrschaftserfahrung erfolgreich in die allgemeine Führersehnsucht einspeisen, trifft man überall dort, wo Adlige über die von der NS-Bewegung eröffneten Chancen debattierten. In Mein Kampf hatte Hitler über die Schwierigkeiten der Rekrutierung geeigneter Führer gesprochen, die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeit und das „aristokratische Prinzip“ betont, nach dem die Führung seiner Bewegung aufgebaut sei. Im Adel lege es die habituell verankerte Überzeugung von der eigenen Höherwertigkeit nahe, die NS-Bewegung als eine kleinbürgerlich-proletarisch geprägte Kraft zu sehen, die den „Massen“ beigebracht hatte, in Führer-Gefolgschafts-Kategorien zu denken, selbst jedoch unter chronischem Führermangel litt. Der ersten Phase des selbstsicheren Spotts über diesen Mangel folgte seit etwa 1930 eine zweite Phase der skeptischen Erwägung, wie der Adel diese Lücke selbst füllen könnte. Eine groteske Variante adliger Versuche, die überall greifbare Führersehnsucht auf sich selbst zu lenken, liefert eine Rede von 1930, in der Wilhelm II. in Doorn die Inflation des Führerbegriffes beklagte:

Führer sein! Das will heutzutage jeder. Führer bieten sich allerorten an. Als Führer spielen sich viele auf [...]. Und dennoch, überall der Schrei nach Führern!

In einer sonderbaren Mischung aus christlichen und neu-rechten Motiven erneuerte Wilhelm II. seinen Führungsanspruch. Der Führergedanke sei von Gott zuerst den Sumerern „geoffenbart‘ worden. König Hammurabi habe den „Führerberuf“‘ vor 5000, seine eigenen Vorfahren vor 500 Jahren von Gott übertragen bekommen. „Allein, diesen Führern ist wiederum der Führer Jesus Christus!“ Räumlich und gedanklich fern von allen politischen Realitäten ernannte der Exilkaiser Jesus zum jenseitigen, sich selbst zum irdischen „Führer“. Die vorangestelite Passage aus dem Johannes-Evangelium, die der Ansprache den Titel gegeben hatte, bezog der Kaiser-Führer auf sich selbst: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

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Vom König zum Führer

Es [...] begab sich ein Größteil des preußischen Adels geistig und politisch auf den Weg vom König zum Führer. In einer Mischung aus Zorn, Enttäuschung und ermattender Hoffnung sprach ein Graf v. Schulenburg im April 1928 von der Pflicht des Hohenzollernhauses, „uns den Prätendenten zu stellen und dann beschere uns der Himmel den Mann, der in gegebenen Augenblick den Machtfaktor in unserem Sinn einsetzt". Nüchtern registrierte der Graf, daß weder der eine noch der andere in Sicht waren. Die sukzessive Verwandlung der monarchistischen Träume in Führerhoffnungen wird in der Korrespondenz des Grafen sehr deutlich: „Nur ein Titane‘, beißt es einige Monate später, „kann die Dinge noch meistern, ein Titane, den wir weder Rechts noch Links besitzen. “ Der Kronprinz selbst war 1924 zu der Überzeugung gelangt, „dass letzten Endes nur ein Diktator den Karren aus dem Dreck ziehen“ könne. Eben diese Rolle traute dem Kaisersohn auch innerhalb des preußischen Adels kaum jemand zu. Graf Schulenburg hatte sich einige Zeit lang voll Hoffnung über die Perspektiven seines „Herrn’ geäußert, der durch die Härten der Zeit zu „einem ernsten Manne gereift‘ sei.

Mit dieser Auffassung stand der General jedoch bereits gegen die Einschätzung seines engen Freundes Arnim und „der konservativen Fraktion des Herrenhauses“. In Übereinstimmung mit dem letzten Präsidenten des Preußischen Herrenhauses hatte Fürst Salm intern Wilhelm II. und den Kronprinzen als „unmöglich“ bezeichnet, letzteren wegen seines Lebenswandels u. besonders deshalb, „weil er nach Holland ging u. die Armee quasi als Fahnenflüchtiger verlassen hat.“ Intern bezeichnete Schulenburg den Kronprinzen bereits 1920 als „Waschlappen“ und „Schwächling‘“, auf den man in Zukunft nicht mehr zählen könne.

Selbst für jene Teile des preußischen Adels, die als Träger der monarchistischen Idee prädestiniert gewesen wären, gab es durch die Kaiserflucht sehr früh die gedankliche Flucht in einen zunächst diffusen Führermythos. Bedingt durch die ungelöste Prätendentenfrage blieben alle monarchistischen Bekenntnisse im Ungefähren. „Ich bin Monarchist und werde es auch bleiben“, formulierte Graf Arnim 1926. Als konkretes Nahziel sah Arnim die Überwindung des „Systems“ durch einen „Diktator“, der nicht parlamentarisch, sondern durch die „bewaffnete Macht“ abzustützen war und mit „einzelnen hervorragenden Köpfen“ zusammenarbeiten sollte.

Zwar blieb der diffuse „monarchische Gedanke“ in Arnims Rhetorik zentral; faktisch jedoch näherte sich Arnim in den 1920er Jahren immer stärker dem intransigenten Anti-Republikanismus an, der die Begriffe „konservativ“ und „system-feindlich‘“ synonym gebrauchte. Sein Wirken im „Hauptverein“ der Konservativen, seine Annäherung an den völkischen Flügel der DNVP und seine Unterstützung für Hugenberg als Ausdruck einer konsequent „konservativen“ Opposition zu deuten, würde den tiefen Wandel in Arnims Denken übersehen. Hinter der rhetorisch-symbolischen Fassade, der das Boitzenburger Schloß der Arnims einen eindrucksvollen Rahmen verlieh, vollzog der Graf eine innere Abwendung vom Monarchen, die für diesen Wandel konstitutiv und für einen Großteil des preußischen Adels charakteristisch war. Hellsichtig hatten konservative Denker, auf die diese Bezeichnung noch zutraf, festgestellt, daß im Hauptverein der Konservativen mehr über die Juden als vom König gesprochen wurde. Während Name und Profil eines potentiellen Thronprätendenten vorsichtig oder gar nicht mehr debattiert wurden, erhielt die Vorstellung vom kommenden „Führer“, „Diktator“ oder „Titanen‘, wie im folgenden Tagebucheintrag eines Grafen v. Bernstorff, zunehmend deutliche Umrisse:

Uns kann nur ein Diktator noch helfen, der mit eisernem Besen zwischen dieses ganze internationale Schmarotzer-Gesindel fährt. Hätten wir doch, wie die Italiener, einen Mussolini!

Innerhalb der weit verbreiteten Vorstellung, zunächst das parlamentarische System auszuschalten, bevor in einem „zweiten Kampfabschnitt“ eine Restauration möglich würde, gewann lediglich der erste Teil der Aufgabe klare Konturen. Eine sofortige Einführung der Monarchie ernshaft zu erwägen, galt aufgrund der strukturellen Schwächen der monarchistischen Bewegung selbst im politischen Stab Wilhelms II. als „ein Ding so vollkommener Hirnverbranntheit und ein Verbrechen gegen die Krone, wie es schlimmer nicht gedacht werden kann.“ Dieser im Jahre 1927 formulierte Satz zeigt eine allgemeine Tendenz an: Während die konservativen Hoffnungen auf neue Königsherrlichkeiten in immer diffuseren Formeln gefaßt wurden, hatten die neurechten Führervorstellungen auch im Adel immer stärker Konjunktur. Der Adel hat dem König und dem Kronprinzen die „Abreise niemals verziehen und der politische Monarchismus das durch diese entstandene Debakel niemals überwunden. Der Ablösung des preußischen Adels vom König als Person entsprach die Auflösung des Monarchismus als politischer Bewegung. Als Ideal wurde der König durch den „Führer“, die Monarchie durch diffuse Ideen vom „Dritten Reich“ ersetzt.