Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Adel in den NS-Salons

Die Verzahnung von Adel und NS-Bewegung auf dem Land hatte in den Großstädten ein wichtiges Pendant in Form von einigen Salons. Die „bunte Mischung aus Cuts und SS-Uniformen“ und die aus spöttischen Beschreibungen bekannten Szenen, in denen sich Hitler ungelenk händeküssend und aufgeregt hackenschlagend NS-nahen Mitgliedern des deutschen Hochadels empfiehlt, waren lange vor 1933 an diesen Schaltstellen einstudiert worden.

Hitlers eigene Kontakte zu adligen und bürgerlichen Mitgliedern der Oberschicht wurden bereits zu Beginn seiner politischen Laufbahn in den Häusern einzelner Gönner hergestellt. Neben der Familie des Pianofabrikanten Bechstein wurden Hitler solche Verbindungen, darunter etwa das folgenreiche Treffen mit Emil Kirdorf, im Salon Elsa Bruckmanns vermittelt. Die Frau des Münchener Verlegers Hugo Bruckmann war eine geborene Prinzessin Cantacuzène und stammte aus einer Familie des rumänischen Hochadels. Als man im Salon der Bruckmanns in „Sorge über die psychologische Auswirkung des Erfolges bei Hitler“ geriet, hatte sich dieser der erträumten Steuerung längst entzogen. Als Mittelsmann für den Kontakt zwischen Hitler und Kirdorf hatte Karl Prinz zu Löwenstein, der Vorsitzende des rechtsradikalen Nationalklubs, eine Rolle gespielt. Das Berliner Haus der Bechsteins blieb bis zur Machtübertragung von Bedeutung — Helene Bechstein, die Hitler in seinen Jahren als „Trommler“ auch finanziell unterstützt hatte, war im Januar 1931 Gastgeberin des erwähnten Treffens, bei dem Hitler in einem Kreis von fünfzehn Personen mit Großgrundbesitzern aus renommierten preußischen Familien zusammentraf.

Prominente Nationalsozialisten, darunter Hermann Göring, der als ehemaliger Kommandeur des berühmten Jagdgeschwaders Richthofen über Adelskontakte bis zum preußischen Kronprinzen verfügte, die durch seine erste Ehefrau erheblich vermehrt wurden, schufen weitere Verbindungen zum Adel. Im August 1931 faszinierte ein zweistündiger Vortrag Hitlers im Hause Göring die Zuhörer Rüdiger Graf v. d. Goltz, Leopold v. Kleist, Hjalmar Schacht und Magnus v. Levetzow derartig, daß „der Kreis ergriffen und beeindruckt noch eine Weile im Schweigen verharrte. Göring und die Strasser-Brüder verkehrten wiederum im Salon, den Oskar v. Amim-Burow mit seiner bürgerlichen Frau aus einer reichen Frankfurter Familie in der Berliner Dahlmannstraße unterhielt.

Spätestens 1930 wurde der Salon einer Neuadligen die wohl wichtigste „gesellschaftliche“ Schaltstelle zwischen altem Adel und Nationalsozialismus: das Haus v. Dirksen in Berlin-Tiergarten. Viktoria Auguste v. Dirksen, Tochter aus einer nobilitierten Danziger Familie, war die zweite Frau des 1928 gestorbenen Gesandten Willibald v. Dirksen und Schwiegermutter des antisemitischen Diplomaten Herbert v. Dirksen, der zwischen 1928 und 1939 die Botschafterposten in Moskau, Tokio und London bekleidete. Der Salon im pompösen Palais, den die Familie in der Berliner Margaretenstrasse besaß, war bereits vor 1918 ein Schnittpunkt der Potsdamer und Berliner Hofgesellschaft. Nach dem Krieg versammelte sich in diesem Salon, der stets eine politische, scharf antirepublikanische Ausrichtung behielt, ein erheblicher Teil der „alten Gesellschaft“. In den späten 1920er Jahren öffnete die Witwe, die Hitler bereits 1923 unterstützt hatte, ihr Haus den Spitzen der NSDAP, die hier erfolgreich um prominente Vertreter aus dem niederen und hohen Adel warben. „Die alte Dame hat einen Narren an mir gefressen und will gleich durch mich alle Welt bekehren lassen“, notierte Joseph Goebbels im Februar 1930. Der Erfolg dieser Bemühungen blieb nicht aus. Einen Eindruck von der hier geleisteten Zusammenführung vermittelt das Protokoll über ein Treffen im November 1931.

Anwesend waren u. a. Hermann Göring, Joseph Goebbels, Marie Adelheid Prinzessin zur Lippe (NSDAP-Mitglied seit dem 1.5.1930), Viktor Prinz zu Wied mit Ehefrau (Parteimitglieder seit dem 1.1.1932), der DAB-Leitartikler Walther Eberhard Frhr. v. Medem, die Parteigenossen August Wilhelm Prinz v. Preußen, der Bankier August Frhr. v. d. Heydt und Oberst a. D. Leopold v. Kleist als Vertreter Wilhelms II. Mitglieder des alten Adels trafen in diesem Salon, den Insider der Berliner Gesellschaft als „gesellschaftlichen Mittelpunkt der nationalsozialistischen Bewegung“ einschätzten, mit den prominentesten NS-Führern zusammen. Hitler, Göring und Goebbels sprachen hier mit dem Berliner SA-Chef Wolf Heinrich Graf v. Helldorf und Angehörigen des Hohenzollernhauses. Prinz „Auwi” präsentierte sich im Hause Dirksen in brauner Uniform, er und sein Sohn Alexander — Parteigenosse auch er — wurden hier „in Hitlers Lehre eingeführt“.

Jahrelang vermittelte die Witwe, deren Bruder Karl August v. Laffert der SS angehörte, „zwischen den Nationalsozialisten und der alten Hofpartei“. Bereits Ende 1933 hatte der Salon der „alten Hexe“, wie sie nun genannt wurde, offenbar seine einstige Bedeutung verloren, die in den entscheidenden Monaten der Machtübertragung zwischen August 1932 und Januar 1933 erneut gewachsen war. Salons dieser Art boten den Schachzügen einzelner Personen der sprichwörtlichen „Kamarilla“ um Hindenburg das geeignete Forum. Das Haus der Dirksens spielte für die Verknüpfung von Einzelpersonen, so etwa beim Arrangement der folgenreichen Begegnung zwischen Hitler und dem „in der Verfassung nicht vorgesehenen Sohn des Reichspräsidenten“ am 22. Januar 1933 noch immer eine Rolle.

Neben ihrer Leistung, zwei sozial weitgehend voneinander getrennte Welten zu verbinden, erfüllten die NS-Salons eine weitere Funktion. Als „Salonspionage“ bezeichnet Bella Fromm den Versuch, über meist weibliche NS-Anhänger in den Salongesprächen Stimmungslagen und Herrschaftswissen der Funktionseliten auszuloten und weiterzugeben. Daß für diese Aufgabe vielfach adlige Vertrauensleute ausersehen wurden, ist überaus einleuchtend.

Eine „mobile“ Schnittstelle entstand durch die Aktivitäten der zweiten Ehefrau Wilhelms II., Hermine Prinzessin v. Reuß, die bei ihren Deutschlandaufenthalten in den wichtigsten Zirkeln der politischen Rechten verkehrte. Offenbar nahm sie 1929, am Rande des Nürnberger Parteitages, Kontakt mit der NSDAP-Führung auf. Der Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit Hitler ist unklar, gut dokumentiert ist hingegen ein Treffen mit Hitler im Salon der Baronin Tiele-Winckler im November 1931. In Anwesenheit der „Kaiserin“, Görings und der adligen Chefberater Wilhelms II. hielt Hitler einen mehrstündigen Monolog, in dem er seine Absicht darlegte, „alle Novemberverbrecher [...] öffentlich strangulieren“ zu lassen. Der Vortrag begeisterte Gastgeberin und Gäste gleichermaßen, die Ehefrau des Kaisers äußerte sich positiv über den „sympathisch[en]“ Hitler, „auch über seinen guten und geraden Gesichtsausdruck und seine guten Augen und ihren Ausdruck ohne Falsch“, Erfreut über das Ergebnis des Treffens faßte Magnus v. Levetzow seine Eindrücke von Hitler in einem Brief an Fürst v. Donnersmarck zusammen: „Er war gut im Tellerchen, Donnerwetter nochmal.“

Die Stellen, an denen sich das entre-nous Milieu der Gesellschaft politisch und stilistisch nach rechts außen öffnete, wurden zahlreicher und größer. Im Dezember 1932 beschrieb Bella Fromm eine eher „bunte als vornehme Gesellschaft“, die auf dem Wohltätigkeitsball des „Cecilenwerks“ zusammenkam und den Hochadel mit Magdalena Goebbels zusammenführte. Fromm, die sich als Gesellschafts-Kolumnistin mit großbürgerlichem Hintergrund in der Berliner Gesellschaft vorzüglich auskannte, nach rechts über persönliche Kontakte bis zu Schleicher und Papen verfügte und als Jüdin die Veränderungen im gesellschaftlichen Fluidum mit besonderer Schärfe beobachtete, hat in ihrem Tagebuch die großen Umwälzungen in Form von anschaulichen Miniaturen und Momentaufnahmen gebannt. Durch die Gesprächsgruppen ausländischer Diplomaten und der alten Potsdamer Gesellschaft schritten neben Graf Helldorf und Prinz „Auwi" in SA-Uniform immer häufiger Mitglieder des alten Adels in immer offensiverer Zurschaustellung ihrer nationalsozialistischen Sympathien. In ihrer Skizze über eine Ansammlung „kleiner Widerwärtigkeiten“ gab Fromm im Dezember 1932 zu Protokoll: „Es war entmutigend zu sehen, wie viele neue Freunde dem Nationalsozialismus aus den Reihen des alten Adels erwachsen sind“ Fromms Schilderungen erinnern an die Darstellung Hannah Arendts über die Empfänge in den Pariser Salons zur Zeit der Dreyfus-Affäre. Für die französische Hauptstadt des fin-de-siecle beschreibt Arendt ein Muster, das „nach dem Weltkrieg zur Regel wurde: Die Heldenverehrung der Gangster von Seiten der Elite, die Bewunderung jeglicher Grausamkeit, das Bündnis schließlich aller Deklassierten auf der Grundlage des Ressentiments oder der Verzweiflung“ Zu den äußeren Merkmalen dieses Bündnisses zählte der Kotau, der noch 1933 in allen Adelsverbänden vollzogen wurde.



Parallel zur Eintrittswelle in die NSDAP, die noch näher zu betrachten it, schwappte 1933 eine Flut adliger Ergebenheitsadressen an die neuen Machthaber über das Land. Den symbolischen Gipfel adliger Anbiederungen lieferte auch hier die DAG. Der Kotau, den Fürst Bentheim im Namen der DAG-Führung inszenierte, erfolgte frühzeitig und bedingungslos. Die Hoffnung der DAG-Führung, die DAG als staatlich anerkannte ‚Elite‘-Formation in die Führungsgremien des neuen Staates integrieren zu können, wurde durch Fürst Bentheim im Juni 1933 Hitler persönlich vorgetragen. Bentheim wünschte sich für die DAG den Status einer Körperschaft öffentlichen Rechts. Staatliche Organe sollten Druck auf adlige Nichtmitglieder ausüben und die DAG-Mitgliedschaft als unabdingbare Voraussetzung der Zugehörigkeit zum Adel rechtlich fixiert werden. Hitler hatte Bentheim durch äußerst vage Zusagen, die Bentheim wenig später in geschönter Form den „Landesführern“ und Fürst Löwenstein referierte, Hoffnungen gemacht, die später durch seine Staatssekretäre wiederholt wurden.

Bentheim glaubte sich „[dem großen] Ziel, das uns seit hundert Jahren verloren ist‘, zum Greifen nahe: „daß der Adel wieder politischer Stand wird.“ Bentheim versprach Hitler feierlich, nach einer großen „Säuberungsaktion‘“ werde er den „gereinigten deutschen Adel“ dem NS-Staat uneingeschränkt „zur Verfügung zu stellen“

Die bereits beschriebene Verschärfung des Arierparagraphen trat mit einer Satzungsänderung am 12.9.1933 in Kraft und führte nun zur „Ausscheidung“ von weit über 100 Mitgliedern aus den Reihen der DAG. Gleichzeitig wurde der DAG-Hauptvorstand um fünf prominente Nationalsozialisten ergänzt, die hohe und höchste SA-Ränge bekleideten. Die DAG bildete damit die symbolische Spitze einer breiten Bewegung im Adel, die sich wiederum eingliederte in den nunmehr überall in Fahrt kommenden Versuch, „dem Führer entgegenzuarbeiten“. Für die DAG-Führung können Geschwindigkeit und Radikalität dieser Selbstgleichschaltung ebensowenig erstaunen wie die kriecherischen Noten, die Bentheim u. a. nach den Röhm-Morden und dem Attentat des 20. Juli 1944 an Hitler sandte. Die Naivität, mit der die Männer der DAG-Führung „Hitlers Stiefel leckten“, wie Erwein Frhr. v. Aretin formulierte war die konsequente Fortführung des seit Jahren gesteuerten Kurses - erstaunen kann hier allenfalls, daß diese Haltung bis 1945 keine erkennbare Korrektur erfahren hat.

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Seine Höchstfürstliche Durchlaucht

Die im Vergleich zu den Budgets der DAG-Landesabteilungen schwindelerregenden Summen, die Christian Ernst Fürst zu Stolberg-Wernigerode im Jahre 1921 für karitative Zwecke verteilte, lassen die immense soziale Distanz erahnen, die zwischen den reichsten und ärmsten Gruppen des Adels bestand. Die Breite des Grabens zwischen ruinierten Kleinadligen, welche die Adelsverbände mit Wäschespenden unterstützten, und den Gipfelregionen adligen Reichtums verdeutlicht ein Blick in die innere Rechnungsführung der Fürsten von Thurn und Taxis.

Der Erbprinz des Fürstenhauses erhielt vor dem Ersten Weltkrieg eine jährliche Apanage von ca. 42.000 Mark, die 1916 auf 60.000 Mark erhöht wurde. Zusammen mit weiteren Zulagen, u. a. für Automobile, Reitpferde, Kammerdiener und Leibjäger stand dem Erbprinzen für das Jahr 1930 eine Summe von ca. 136.000 Mark „zur freien Verfügung. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges konnte Fürst Albert die Apanage seines ältesten Sohnes erneut erhöhen. 1939 hatte „Seine Höchstfürstliche Durchlaucht anlässlich Höchstseines Geburtstages zu bestimmen geruht“, die jährliche Zahlung auf 84.000 Mark pro Jahr zu erhöhen.

In den meisten Familien der Grandseigneurs konnten weiterhin Apanagen gezahlt werden, welche auch die nachgeborenen Söhne und Töchter zu wohlhabenden, im Vergleich zu den oben beschriebenen DAG-Standards unvorstellbar reichen Adligen machten. Nach bürgerlichem Verständnis profitierten vom Fortbestand der erheblichen, oftmals gewaltigen Vermögen innerhalb des hohen Adels v. a. die jeweiligen Chefs hochadliger/standesherrlicher Häuser. Repräsentation, Glanz und Erhalt des wirtschaftlichen und symbolischen Kapitals eines hochadligen Hauses wurden in erster Linie vom jeweiligen Chef gewährleistet. Die Vorstellung luxuriöser Lebensweisen in geräumigen Schlössern bei freier Verfügung über gewaltige Guthaben ist somit zunächst für die Familienvorstände — trotz erheblicher Einbußen - auch für die Zeit nach 1918 angemessen.

Sie muß jedoch bereits für die nachgeborenen Söhne und v. a. für die Witwen und Töchter selbst der wohlhabenden Familien erheblich relativiert werden. Auch im oben genannten Beispiel der Familie Stolberg-Wernigerode, scheint der fürstliche Reichtum nur bedingt geeignet, um die soziale Lage der Agnaten, insbesondere der Töchter einzuschätzen. Um 1930, als das Haus große finanzielle Schwierigkeiten geriet, hatten diese, trotz einer gut dotierten Familienstiftung keine finanziellen Ressourcen zur Verfügung, die eine standesgemäße Existenz ermöglicht hätten. In Bayern konnte Karl Friedrich Fürst zu Öttingen-Wallerstein 1928 zwar seiner Frau noch die erhebliche Summe von 30.000 Mark jährlich zusichern, sah sich darüber hinaus jedoch nicht in der Lage, weitere „Gaben“ zu verteilen. Der Besitz ging geschlossen in die Hand seines jüngeren Bruders über.

[…]

Daß ein Fürst im Jahre 1921 fast 1 Million Mark für wohltätige Zwecke aufwenden konnte, verweist auf den immensen Reichtum, der einzelnen Familien(chefs) des Hochadels erhalten blieb und belegt den Fortbestand fürstlicher Sozialleistungen im Aktions- und Einflußradius der alten Herrschaften. Vom faktischen und erträumten Fortbestand solcher Sozialunterstützungen zeugen die prall gefüllten Mappen, in denen fürstliche Archive die Bittgesuche sozial Gestrauchelter aufbewahren, die sich auch nach 1918 vertrauensvoll an ihre Fürsten wandten. Reiche Familien aus dem Hochadel und andere Grandseigneurs blieben auch nach 1918 wichtige lokale Wohltätigkeitsorganisationen, die in ihrem Umkreis sowohl bedürftige Einzelpersonen als auch Organisationen unterschiedlichster Art protegieren.

Die Unterstützungsakten des Fürstenhauses Thurn und Taxis verzeichnen mehr als 600 einzelne Vereine, Verbände und Bünde, die sich — meist erfolgreich - um Zuwendungen aus dem fürstlichen Portefeuille bemüht hatten: Von karitativen Organisationen der katholischen Kirche über Gesangs-, Karnevals-, Turn-, Jäger-, Blinden-, Literatur-, Kegel-, Motorsport-, Offiziers-, Kunst-, Studenten-, Reiter- und Kaninchenzüchter bis zum Kolonial und Flottenverein. Hinzu kamen mindestens 300 Einzelpersonen, die mit regelmäßigen oder temporären Zalhungen unterstützt wurden.

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Adliges Blut und Boden

Wie sich adlige und nationalsozialistische Ideale bei einiger Anstrengung als wesensgleich darstellen ließen, demonstrierte Friedrich v. Bülow in seiner Tischrede auf dem Bülowschen Familientag im Sommer 1935. Bülow, Oberpräsident in Posen a. D., stand einem der größten deutschen Familienverbände vor, auf dessen Familientagen eine wachsende Gruppe junger NS-Anhänger bereits vor 1933 auf sich aufmerksam gemacht hatte. Die metaphorisch aufgeladene Präsentation angeblicher Gemeinsamkeiten, die der 66-jährige Redner seinem Familienkreis hier bot, liefert einen der eindringlichsten Belege für die These, daß die Annäherung des Adels an den Nationalsozialismus nicht zuletzt als Geschichte eines Mißverständnisses zu schreiben ist:

Auf Blut und Boden baut der Führer sein Drittes Reich. Wir haben seit 7 Jahrhunderten um die Blutauslese gewußt und haben auf altbewährter Rasse und Kultur mit weiser Wahl unseren Blutsstrom aufgebaut und fortgeführt. [...] Alle die großen Ideale, die der Führer dem deutschen Volke gesetzt hat, sie stammen aus alt-germanischem Erbgut und nicht zuletzt aus den tiefsten Schatzkammern des deutschen Adels. So ist der deutsche Adel dem Nationalsozialismus von Grund auf wesens- und stammverwandt. Zur Zeit der roten Regierungen hieß es: herunter mit der Aristokratie, wir wollen alle Proletarier sein. Jetzt heißt es umgekehrt: Der einfache Mann aus dem Volke soll emporsteigen, und auf der Ebene einer wahren Aristokratie wollen wir alle uns wieder treffen. [...] Was die Zukunft uns bringen wird, überlassen wir Gottes Hand und der Erleuchtung des Führers. Eines aber wissen wir. Unser altes Geschlecht ist kein Fremdkörper im Dritten Reich, der morscht und zerfällt, es ist ein tragender Quader im Bau, gehärtet in Jahrhunderten. [...] Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil!

[…]


Als wichtigster Erbe der völkischen Traditionen und als politische Kraft, die dem neo-aristokratischen Denken in manchen Zügen nahestand, hatte auch der Nationalsozialismus den Adel weder als Idee noch als Begriff aufgegeben. Was blieb, waren der Begriff und einzelne Elemente adliger Tradition, die sich verbiegen und mißbrauchen ließen. „Adel“ blieb eine vom Nationalsozialismus geschätzte und benötigte Institution — allerdings nur in Gestalt der Mutationen, die Hitler, Günther, Darre, die SA und schließlich v. a. die SS-Führung als „Adel“ wünschten und hervorbrachten. Umgekehrt glaubte ein Großteil des Adels, in den Leitbegriffen und Zielen der NS-Bewegung eine moderne Fassung seiner eigenen Traditionen wiederzuerkennen. Wie gezeigt, erwies sich etwa die vermeintliche Nähe über die gemeinsame Rede von „Blut“ und „Rasse“ als fatale Fehlinterpretation. 1921 sah ein alldeutscher Baron das EDDA-Projekt als

die bewußte Fortsetzung der von jeher schon vom Adel durch Pflege der Stamm und Ahnenkunde geübten [...] Auswahlzüchtung [...]. Die Einstellung des Adels auf den Auslesegedanken und die Rassezüchtung ist daher für den Adel gar kein neues, sondem eigentlich ein selbstverständliches Ziel

Die absurde Wahrnehmung der NS-Bewegung als zeitgemäßer Fortführung der „besten“ adligen Traditionen fand sich im Adel überall, Ihre Basis war die gemeinsame Benutzung von Leitbegriffen, die phonetisch, nicht aber semantisch identisch waren. „Adolf Hitler allein danken wir es“, hieß es 1932 in einem Aufruf, „wenn heute in breitesten Volkskreisen die unseren besten Ueberlieferungen entsprechenden Anschauungen wiedererweckt sind: Persönlichkeit und Rasse, Raum und Bodenständigkeit, Kriegertum und Wehrwille, Kampfbereitschaft für die Ehre und Freiheit der Nation.“

[…]


Als wichtigstes Ziel definierte der würzburger Hochschullehrer Ernst Mayee die ,,bewusste und verbandsmäßige Zusammenfassung des Adels und der Gebildeten“; eine Verbindung, welche die Tagungen der Gesellschaft explizit zu befördern suchten. Aus den „politischen Stürmen“ werde ein „umfassender neuer deutscher Adel entstehen, nach ältestem deutschen Sinn nichts anderes als der liebevoll führende Älteste all der jüngeren Brüder im ganzen deutschen Volk, bewußt und doch geschmeidig, tapfer und feinst gebildet, wirtschaftlich nicht gedrückt aber auch nicht üppig.“ Unabhängig von allen Bildungspatenten würde allerdings das deutsche Judentum in der künftigen „deutschen Oberschicht nichts zu suchen“ haben. Mit einem Verweis auf die zur Dekadenz führenden Inzucht des französischen Adels und unter Verwendung der zeitüblichen Vampirsmetaphorik des völkischen Jargons empfahl der Jurist dem alten Adel, „frisches Blut aus anderen Schichten“ zuzuführen, um die „Abgänge“ zu ergänzen. Auch hier fand sich der positive Bezug auf die „Elastizität“ der englischen gentry. In selbstbewußter Betonung der eigenen Fähigkeiten forderte der Bildungsbürger Mayer die „unerbittliche Schulung“ der künftigen Oberschicht, aus der alle Mitglieder, die der „scharfen“ Bildungsselektion nicht standhalten würden, „erbarmungslos“ auszustoßen seien.

Der DAB-Schriftleiter Walter v. Bogen war es auch, der wenige Monate nach dieser Debatte in naiver Offenheit jenes Neuadelskonzept präsentierte, das sich für den gesamten alten Adel als unverdaulich und als die wohl wichtigste konzeptionelle Herausforderung adliger Führungsansprüche erweisen sollte: Richard Walther Darres 1930 erschienenes Werk „Neuadel aus Blut und Boden“. In seiner erstaunlich positiven Besprechung des Buches pries v. Bogen Darres Zuchtphantasien eines neuzuschaffenden, rassereinen und bodenverbundenen Adels als Unternehmen, das den Bestrebungen der Adelsgenossenschaft sehr nahe kam. Darres äußerst scharfe Kritik am alten Adel hatte v. Bogen bei seiner Lektüre des Buches ebenso übergangen wie den Clou, auf den Darres Konzept hinauslief; denn Darres behauptete nicht weniger als die Notwendigkeit, den alten Adel durch einen neuen abzulösen. Zwar lobte auch Darre den alten Adel als Lieferanten bestimmter Ideale und einzelner Führergestalten; was die notwendige Schaffung eines Führerstandes der Zukunft betraf, stufte Darres den alten Adel in seiner Gesamtheit jedoch als unbrauchbar, überflüssig und ersetzungsbedürftig ein. Die wenig später anlaufende Auseinandersetzung des Adels mit Darres Konzept ist im Zusammenhang mit den Differenzen zwischen Adel und NS-Bewegung noch genauer zu besprechen. Hier soll zunächst die Feststellung genügen, daß mit Darres Buch seit 1930 ein politisch relevantes Neuadelskonzept vorlag, das die völkisch-rassistische Adelskritik, wie sie sich u. a. im Semi-Gotha niedergeschlagen hatte, erneut zugespitzt und in einen detailliert ausgearbeiteten Bauplan für einen Alternativ-Adel überführt hatte. Im Januar 1933 nahm das Adelsblatt die Neuadelsdebatte mit einem völkischen Beitrag des alldeutschen Barons Leopold v. Vietinghoff-Scheel erneut auf. In den nachfolgenden Diskussionsbeiträgen wurden jedoch lediglich die bekannten Argumente wiederholt. Das Schlußwort der Schriftleitung schrieb die Linie der DAG erneut fest — mit Ausnahme der nicht „rassereinen“ Mitglieder war an der Gesamtheit des alten Adels als Kristallisationspunkt der künftigen Führerschicht festzuhalten Bildung, Fachkompetenzen und materielle Unabhängigkeit wurden damit als unabdingbare Kriterien für eine Zugehörigkeit zur „Führerschicht“ erneut zurückgewiesen. Zehn Tage vor der Machtübergabe hatte die DAB-Schriftleitung eine Formel gefunden, die an Darres und andere nationalsozialistische Elitenkonzepte zumindest anschlußfähig war: „Ein völkischer Staat braucht eine Führerschicht, die rassisch rein, bodenverbunden, im eigenes Volkstum wurzelt [... und] das Wohl ihres Volkes sucht.“

Der inhaltliche Kern der in diesem Kapitel beschriebenen Neuadelsdebatten enthielt drei verschiedene, vielfach variierte und unterschiedlich gewichtete Forderungen an den alten Adel: Bildung, Besitz und („reines“) Blut. Die beiden ersten Begriffe verwiesen auf die tatsächlichen und entscheidenden Schwachstellen des Kleinadels, wurden jedoch (oder deshalb) aus der inneradligen Debatte sukzessive verdrängt. Immer stärker in den Vordergrund rückte hingegen die aus den Phantasiereichen völkischen Denkens übernommene Forderung nach rassischer Reinheit, die eine realistische Einschätzung adliger Machtchancen in der Moderne zusätzlich blockierte und sich schon bald als argumentativer Bumerang erweisen sollte. Ohne die Folgen dieser Entwicklung bereits an dieser Stelle vorzuführen, soll hier anhand eines Beispiels aus dem Jahre 1924 gezeigt werden, daß die Vorstellung einer „rassischen“ Verbesserung des Adels als Ersatz für eine tatsächliche Adelsreform bereits vor dem politischen Durchbruch der NS-Bewegung offen debattiert wurde.

Sechs Jahre bevor der Pferdezuchtspezialist Walther Darre seine Adelszuchtphantasien veröffentlichte, schrumpfte der im Adel überaus prominente und mit zwei Doktortiteln geschmückte Schriftsteller und Schloßbesitze Börries Frhr. v. Münchhausen die raison d’être des Adels auf eine schlichte Formel zusammen: „Wenn Adel einen Sinn und Wert haben soll, der über die äußerliche Namenverzierung hinausgeht, so kann es nur dies sein: Menschenzüchtung.“ Ohne Umschweife verglich der Literat die züchterische Arbeit an der „glücklich gebauten Naturrasse“ englischer Vollblutpferde mit der „züchterisch“ motivierten Wahl adliger Ehefrauen. Mit der affirmativen Übernahme der „goldenen Worte“ aus dem „köstlichen“ Buch Hans F. K. Günthers und der Leitideen der nordizistischen Rassenlehre verabschiedete sich der Baron in munter formulierten Sätzen von den jahrhundertealten Kriterien adliger Ebenbürtigkeitsprinzipien: „Es gibt überhaupt nur eine Ebenbürtigkeit, das ist die des reingebliebenen nordischen Blutes. Der mischrassige Adlige z.B. ist rassisch einer reinrassischen nordischen Bauerntochter nicht ebenbürtig. Wenn Adel wieder einen rassischen Sinn erhalten soll, so ist ihm die Erziehung nordischer Rassenreinheit als erste Aufgabe zugewiesen.“ Die Jugend müsse künftig „ohne weiteres erkennen: Dies ist eine mongolische Nase, jenes eine nordische Gestalt, das ein ostisch weichlicher Mund. Nur so können wir Nietzsches Befehl verstehen und ausführen: Nicht fort sollt ihr euch pflanzen, sondern hinauf!“ Nicht „reinrassige“ Adlige, so die Forderung, sollten ihre Adelstitel ablegen, da aus Ehen zwischen Juden und „Ariern“ stets „Bastarde‘ hervorgingen. Im sprachlichen Höhepunkt des Beitrages, der zugleich einen intellektuellen Tiefpunkt der Adelsdebatten markierte, hieß es dazu:

Ich kann Möpse züchten, und ich kann Dackel züchten, aber wenn mir das Malör (sic) passiert, und ich den Korb voll junge Dackelmöpse kriege, so werden sie mit Fug und Recht ersäuft. Das ist weder antimopsisch noch antidackelig, sondern ein Ausfluß der jahrhundertealten Erfahrung, daß alle Bastarde minderwertig sind.

Bezüglich der Kriterien, nach der eine Führerschicht aufzubauen war, traf der Baron eine klare Aussage: Die „Reinrassigkeit des Adels [ist] als die allerwichtigste Frage jedes einzelnen und des ganzen Standes, darüber hinaus aber: unseres ganzen Volkes anzusehen.“

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Gen Osten wollen wir reiten

Die ordensritterliche Formel „Gen Ostland wollen wir reiten“ ließ sich in die propagandistische Darstellung der nationalsozialistischen Eroberungs- und Siedlungspläne einpassen und konnte im Adel auf breite Zustimmung rechnen. Ewald v. Kleist-Schmenzin hatte den möglichen Gewinn für den ostelbischen Landadel 1926 an prominenter Stelle hervorgehoben:

Welch ein Jungbrunnen östlich unserer Grenze erworbenes Kolonialland bei unbeschränkten Siedlungsmöglichkeiten wäre, bedarf keiner Ausführung

Was Kleist als vage Hoffnung formulierte, wurde spätestens seit Kriegsbeginn in sehr pragmatischen Versuchen einer Gewinnbeteiligung umgesetzt. Die im Osten entstehenden Karriereoptionen gingen über Kuriosa wie das Amt des ,,Geschäftsführers des Schafzuchtverbandes Ukraine“ bekanntlich weit hinaus.

Mitglieder des hohen und niederen, des reichen und des armen Adels bemühten sich nach 1939 in Anfragen an die SS-Führung um die Option auf Landgüter in den Beutegebieten. Adlige erkannten hier die einzigartige Chance, die Bodenversorgung der Familie auf Generationen hinaus abzusichern. Entsprechende Schreiben an Heinrich Himmler bzw. hohe SS-Stellen dokumentieren überaus handfeste Interessen, die in den verschiedenen Adelsgruppen am Erwerb von Großgrundbesitz im „Ostland‘‘ bestanden. Auch in Anträgen aus hochadliger Feder wurden sehr konkrete Beutewünsche formuliert: „Sehr geehrter Herr Himmler! Ich habe für meinen ererbten holsteinischen Familienbesitz drei Erhofzulassungsanträge gestellt; zwei Anträge sind bereits genehmigt worden, während die Entscheidung über den dritten Antrag noch aussteht. Da ich insgesamt 6 Söhne habe, würde ich gern noch weiteren Grundbesitz für die jüngeren Söhne erwerben. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mich kurz wissen lassen würden, ob grundsätzlich die Möglichkeit des Ankaufs grösserer Güter im Osten nach Kriegsende für mich gegeben sein wird. [...] Mit herzlichem Gruß und Heil Hitler [...]“.

Mit der viel besungenen Schollenverbundenheit hatte diese Form modernen Raubrittertums wenig zu tun, viel hingegen mit den um die Ostkolonisation rankenden Mythen. Ein baltischer Autor lobte 1940 das Projekt des „Führers“, den baltischen Adel von seiner „siebenhundertfünfzigjährigen, bis zum äußersten treuen Wacht auf vorgeschobenem Posten“ abzuberufen, um diesem im „wiedergewonnenen deutschen Ostraum an der Weichsel zu verpflanzen und [ihm] damit eine neue, gewaltige und herrliche Aufgabe zu weisen.“ Der Schriftsteller Ottfried Graf v. Finckenstein wurde nach dem Angriff auf die Sowjetunion Vorsitzender eines Künstlerverbandes mit dem Namen Kulturwerk Deutsches Ordensland, der in Marienburg tagen und daran erinnern sollte, daß

vor rund 700 Jahren das Licht deutschen Geistes und deutscher Gesittung in den slawischen Raum getragen [wurde], um nie wieder zu verlöschen

Ordensburg Marienburg Castle of the Teutonic Order Malbork

Nunmehr sei der Deutsche wiederum „wichtigster Kulturträger in der vordersten Front des Deutschtums“. Etwa zeitgleich sprach Fritz-Dietlof Graf v. d. Schulenburg von der bevorstehenden Entscheidung, „ob das Volk endgültig der städtischen Zivilisation verfällt oder hier im Osten noch einmal Wurzel schlägt und sich von seiner Kraft her erneuert“. Mit anderen Motiven als der persönlich unbestechliche und energisch gegen die grassierend« Korruption auftretende Schulenburg wurde der Raubkrieg im Osten v. a. von Adligen, die ihre Güter nach 1918 im Rahmen der deutschen Gebietsabtretun. gen verloren hatten, mit besonderer Verve begrüßt. Unter Hinweis auf die verlorenen Güter ihrer baltendeutschen Mutter wandte sich die Ehefrau Heinrich v. Bismarcks schon wenige Wochen nach dem Überfall auf Polen an die Volksdeutsche Mittelstelle mit der Anfrage, „ob es für uns auch eine Möglichkeit gäbe, in den eroberten [...] Gebieten, am liebsten zwischen unseren Landleuten, einen Erbhof oder dergleichen zu erwerben.“ Schon lange habe man vom Siedeln - „am liebsten im Osten“ — geträumt, bislang sei das Land innerhalb des Reiches jedoch zu teuer gewesen. Ein ähnlicher Versuch des SS-Führers Ludolf v. Alvensleben, der im September 1940 seine Hände nach der Beutemasse ausstreckte und sıch dafür direkt an Himmler wandte,  wurde von letzterem schroff zurückgewiesen. Er könne nicht „für alle geschäftlichen Mißerfolge von Nationalsozialisten mit Grund und Boden der Siedlung“ einspringen, hieß es in Himmlers Antwort an den enteigneten und ruinierten Gutsbesitzer. „Insgesamt hat mir Ihre Absicht, ohne einen Pfennig Geld sich wieder in den Besitz dieses Gutes zu versetzen, nicht gefallen. [...] Um eine Siedlung können Sie sich, wie alle übrigen Reichsdeutschen, nach dem Kriege bewerben.“

Bei unzähligen Kleinadligen, die nach 1918 steil verlaufende Negativkarrieren gemacht hatten, keimte 1933 die berechtigte Hoffnung auf, das frühe Engagement in der Bewegung könne sich nunmehr bezahlt machen. In einem typischen Bittschreiben für ein 1920 als Oberleutnant entlassenes Mitglied der Familie v. Bülow hieß es im März 1933: „Der arme Mensch sitzt in ganz trostlosen Verhältnissen, trotz seiner früher so reichen [...] Verwandten. Er ist Parteigenosse und stark für die Bewegung eingetreten. Vielleicht, Herr Präsident, ist es Ihnen möglich, einem armen Pg. Arbeit und Verdienst zu verschaffen.“ Im Kleinadel wie in anderen Bevölkerungsschichten konnte der Status des alten Kämpfers nach 1933 Gold wert sein, genauer gesagt, den sozialen (Wieder-)Aufstieg massiv befördern.

Doch Karrierechancen in den traditionellen Adelsberufen eröffnete das Dritte Reich auch unabhängig vom nachweisbaren Engagement für die „Bewegung“. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht im März 1935 wurden die Karrierechancen im Militär, die der Versailler Vertrag extrem reduziert hatte, schlagartig gesteigert. In Aufrufen mahnten adlige Offiziere die Adelsjugend, es gebe nunmehr keinen Grund, einen ‚bürgerlichen‘ Beruf auszuüben, „statt - zum Teufel noch mal! — der inneren Stimme zu folgen, [...] die nun aber bei jedem, der einen alten Namen trägt, wie eine Fanfare schmetternd zu den Waffen rufen muß.“ Wenn das Vaterland rufe, gehöre der junge Adel wie immer „in die erste Angriffswelle.“ Aufrufe dieser Art verhallten nicht ungehört. Innerhalb von zwei Jahren hatte sich die Anzahl aktiver adliger Offiziere mehr als verdoppelt, was die Absicherung von ca. 1.300 zusätzlichen Militärkarrieren für adlige Männer bedeutete. Hinzu kamen die bereits vor 1933 vom Adel massiv genutzten Karrieremöglichkeiten, die zunächst die SA, dann die SS boten. Früh und konsequent wurde die „Expansion als Zukunftschance“ im Adel erkannt, was sich nicht zuletzt im starken Engagement in der SS widerspiegelte.

In der SS gehörten im Jahre 1938 8,4% der Standartenführer, 14,3% der Brigadeführer, 9,8% der Gruppenführer und 18,7% der Obergruppenführer zum Adel.

Prozentual nahmen diese Anteile in den unteren Dienstgraden und nach der Expansion des SS-Apparates stark ab; in absoluten Zahlen ausgedrückt entstand in der SS jedoch ein erhebliches Potential an Karrierechancen, das Adlige parallel zu den verbesserten Möglichkeiten in der Wehrmacht nutzten.

Veröffentlicht in Marx Zur Judenfrage

Der Christliche Staat

Der sogenannte christliche Staat ist die christliche Verneinung des Staats, aber keineswegs die staatliche Verwirklichung des Christentums. Der Staat, der das Christentum noch in der Form der Religion bekennt, bekennt es noch nicht in der Form des Staats, denn er verhält sich noch religiös zu der Religion, d.h., er ist nicht die wirkliche Ausführung des menschlichen Grundes der Religion, weil er noch auf die Unwirklichkeit, auf die imaginäre Gestalt dieses menschlichen Kernes provoziert. Der sogenannte christliche Staat ist der unvollkommene Staat, und die christliche Religion gilt ihm als Ergänzung und als Heiligung seiner Unvollkommenheit. Die Religion wird ihm daher notwendig zum Mittel, und er ist der Staat der Heuchelei. Es ist ein großer Unterschied, ob der vollendete Staat wegen des Mangels, der im allgemeinen Wesen des Staats liegt, die Religion unter seine Voraussetzungen zählt, oder ob der unvollendete Staat wegen des Mangels, der in seiner besondern Existenz liegt, als mangelhafter Staat, die Religion für seine Grundlage erklärt. Im letztem Fall wird die Religion zur unvollkommenen Politik. Im ersten Fall zeigt sich die Unvollkommenheit selbst der vollendeten Politik in der Religion. Der sogenannte christliche Staat bedarf der christlichen Religion, um sich als Staat zu vervollständigen. Der demokratische Staat, der wirkliche Staat, bedarf nicht der Religion zu seiner politischen Vervollständigung. Er kann vielmehr von der Religion abstrahieren, weil in ihm die menschliche Grundlage der Religion auf weltliche Weise ausgeführt ist. Der sogenannte christliche Staat verhält sich dagegen politisch zur Religion und religiös zur Politik. Wenn er die Staatsformen zum Schein herabsetzt, so setzt er ebensosehr die Religion zum Schein herab.

Um diesen Gegensatz zu verdeutlichen, betrachten wir Bauers Konstruktion des christlichen Staats, eine Konstruktion, welche aus der Anschauung des christlich-germanischen Staats hervorgegangen ist.

"Man hat neuerlich", sagt Bauer, "um die Unmöglichkeit oder Nichtexistenz eines christlichen Staates zu beweisen, öfter auf diejenigen Aussprüche in dem Evangelium »Bei Bauer: den Evangelien«hingewiesen, die der [jetzige] Staat nicht nur nicht befolgt, sondern auch nicht einmal befolgen kann, wenn er sich nicht [als Staat] vollständig auflösen will." "So leicht aber ist die Sache nicht abgemacht. Was verlangen denn jene evangelischen Sprüche? Die übernatürliche Selbstverleugnung, die Unterwerfung unter die Autorität der Offenbarung, die Abwendung vom Staat, die Aufhebung der weltlichen Verhältnisse. Nun, alles das verlangt und leistet der christliche Staat. Er hat den Geist des Evangeliums sich angeeignet, und wenn er ihn nicht mit denselben Buchstaben wiedergibt. mit denen ihn das Evangelium ausdrückt, so kommt das nur daher, weil er diesen Geist in Staatsformen, d.h. in Formen ausdrückt, die zwar dem Staatswesen in dieser Welt entlehnt sind, aber in der religiösen Wiedergeburt, die sie erfahren müssen, zum Schein herabgesetzt werden. Es ist die Abwendung vom Staat, die sich zu ihrer Ausführung der Staatsformen bedient." (p. 55.)

Bauer entwickelt nun weiter,

das Volk des christlichen Staats nur ein Nichtvolk ist, keinen eignen Willen mehr hat, sein wahres Dasein aber in dem Haupte besitzt, dem es untertan, welches ihm jedoch ursprünglich und seiner Natur nach fremd, d.h. von Gott gegeben und ohne sein eignes Zutun zu ihm gekommen ist.

From Karl Marx – On the Jewish Question

Veröffentlicht in Marx Zur Judenfrage

Politische Emanzipation

Die politische Emanzipation des Juden, des Christen, überhaupt des religiösen Menschen, ist die Emanzipation des Staats vom Judentum, vom Christentum, überhaupt von der Religion. In seiner Form, in der seinem Wesen eigentümlichen Weise, als Staat emanzipiert sich der Staat von der Religion, indem er sich von der Staatsreligion emanzipiert, d.h., indem der Staat als Staat keine Religion bekennt, indem der Staat sich vielmehr als Staat bekennt. Die politische Emanzipation von der Religion ist nicht die durchgeführte, die widerspruchslose Emanzipation von der Religion, weil die politische Emanzipation nicht die durchgeführte, die widerspruchslose Weise der menschlichen Emanzipation ist,

Die Grenze der politischen Emanzipation erscheint sogleich darin, daß der Staat sich von einer Schranke befreien kann, ohne daß der Mensch wirklich von ihr frei wäre, daß der Staat ein Freistaat sein kann, ohne daß der Mensch ein freier Mensch wäre.

Bauer selbst gibt dies stillschweigend zu, wenn er folgende Bedingung der politischen Emanzipation setzt:

"Jedes religiöse Privilegium überhaupt, also auch das Monopol einer bevorrechteten Kirche, müßte aufgehoben, und wenn einige oder mehrere oder auch die überwiegende Mehrzahl noch religiöse Pflichten glaubten erfüllen zu müssen, so müßte diese Erfüllung als eine reine Privatsache ihnen selbst überlassen sein".

Der Staat kann sich also von der Religion emanzipiert haben, sogar wenn die überwiegende Mehrzahl noch religiös ist. Und die überwiegende Mehrzahl hört dadurch nicht auf, religiös zu sein, daß sie privatim religiös ist.

Aber das Verhalten des Staats zur Religion, namentlich des Freistaats, ist doch nur das Verhalten der Menschen, die den Staat bilden, zur Religion.

Es folgt hieraus, daß der Mensch durch das Medium des Staats, daß er politisch von einer Schranke sich befreit, indem er sich im Widerspruch mit sich selbst, indem er sich auf eine abstrakte und beschränkte, auf partielle Weise über diese Schranke erhebt. Es folgt ferner, daß der Mensch auf einem Umweg, durch ein Medium, wenn auch durch ein notwendiges Medium sich befreit, indem er sich politisch befreit. Es folgt endlich, daß der Mensch, selbst wenn er durch die Vermittlung des Staats sich als Atheisten proklamiert, d.h., wenn er den Staat zum Atheisten proklamiert, immer noch religiös befangen bleibt, eben weil er sich nur auf einem Umweg, weil er nur durch ein Medium sich selbst anerkennt. Die Religion ist eben die Anerkennung des Menschen auf einem Umweg. Durch einen Mittler. Der Staat ist der Mittler zwischen dem Menschen und der Freiheit des Menschen. Wie Christus der Mittler ist, dem der Mensch seine ganze Göttlichkeit, seine ganze religiöse Befangenheit aufbürdet, so ist der Staat der Mittler, in den er seine ganze Ungöttlichkeit, seine ganze menschliche Unbefangenheit verlegt.

[…]

Der Mensch emanzipiert sich politisch von der Religion, indem er sie aus dem öffentlichen Recht in das Privatrecht verbannt. Sie ist nicht mehr der Geist des Staats, wo der Mensch - wenn auch in beschränkter Weise, unter besonderer Form und in einer besondern Sphäre - sich als Gattungswesen verhält, in Gemeinschaft mit andern Menschen, sie ist zum Geist der bürgerlichen Gesellschaft geworden, der Sphäre des Egoismus, des bellum omnium contra omnes »Krieges aller gegen alle«. Sie ist nicht mehr das Wesen der Gemeinschaft, sondern das Wesen des Unterschieds. Sie ist zum Ausdruck der Trennung des Menschen von seinem Gemeinwesen, von sich und den andern Menschen geworden - was sie ursprünglich war. Sie ist nur noch das abstrakte Bekenntnis der besondern Verkehrtheit, der Privatschrulle, der Willkür. Die unendliche Zersplitterung der Religion in Nordamerika z.B. gibt ihr schon äußerlich die Form einer rein individuellen Angelegenheit. Sie ist unter die Zahl der Privatinteressen hinabgestoßen und aus dem Gemeinwesen als Gemeinwesen exiliert. Aber man täusche sich nicht über die Grenze der politischen Emanzipation. Die Spaltung des Menschen in den öffentlichen und in den Privatmenschen, die Dislokation der Religion aus dem Staate in die bürgerliche Gesellschaft, sie ist nicht eine Stufe, sie ist die Vollendung der politischen Emanzipation, die also die wirkliche Religiosität des Menschen ebensowenig aufhebt, als aufzuheben strebt.


From Karl Marx – On the Jewish Question

Veröffentlicht in Marx Zur Judenfrage

Christlicher Staat und Juden

Der christliche Staat kann seinem Wesen nach den Juden nicht emanzipieren; aber, setzt Bauer hinzu, der Jude kann seinem Wesen nach nicht emanzipiert werden. Solange der Staat christlich und der Jude jüdisch ist, sind beide ebensowenig fähig, die Emanzipation zu verleihen als zu empfangen.

Der christliche Staat kann sich nur in der Weise des christlichen Staats zu dem Juden verhalten, das heißt auf privilegierende Weise, indem er die Absonderung des Juden von den übrigen Untertanen gestattet, ihn aber den Druck der andern abgesonderten Sphären empfinden und um so nachdrücklicher empfinden läßt, als der Jude im religiösen Gegensatz zu der herrschenden Religion steht. Aber auch der Jude kann sich nur jüdisch zum Staat verhalten, das heißt zu dem Staat als einem Fremdling, indem er der wirklichen Nationalität seine chimärische Nationalität, indem er dem wirklichen Gesetz sein illusorisches Gesetz gegenüberstellt, indem er zur Absonderung von der Menschheit sich berechtigt wähnt, indem er prinzipiell keinen Anteil an der geschichtlichen Bewegung nimmt, indem er einer Zukunft harrt, welche mit der allgemeinen Zukunft des Menschen nichts gemein hat, indem er sich für ein Glied des jüdischen Volkes und das jüdische Volk für das auserwählte Volk hält.

[…]

Die starrste Form des Gegensatzes zwischen dem Juden und dem Christen ist der religiöse Gegensatz. Wie löst man einen Gegensatz? Dadurch, daß man ihn unmöglich macht. Wie macht man einen religiösen Gegensatz unmöglich? Dadurch, daß man die Religion aufhebt. Sobald Jude und Christ ihre gegenseitigen Religionen nur mehr als verschiedene Entwicklungsstufen des menschlichen Geistes, als verschiedene von der Geschichte abgelegte Schlangenhäute und den Menschen als die Schlange erkennen, die sich in ihnen gehäutet, stehn sie nicht mehr in einem religiösen, sondern nur noch in einem kritischen, wissenschaftlichen, in einem menschlichen Verhältnisse. Die Wissenschaft ist dann ihre Einheit. Gegensätze in der Wissenschaft lösen sich aber durch die Wissenschaft selbst.


From Karl Marx – On the Jewish Question

Veröffentlicht in Marx Zur Judenfrage

Charta des Christlichen Staates

Die Trennung des "Geistes des Evangeliums" von den "Buchstaben des Evangeliums" ist ein irreligiöser Akt. Der Staat, der das Evangelium in den Buchstaben der Politik sprechen läßt, in andern Buchstaben als den Buchstaben des heiligen Geistes, begeht ein Sakrilegium, wenn nicht vor menschlichen Augen, so doch vor seinen eigenen religiösen Augen. Dem Staat, der das Christentum als seine höchste Norm, der die Bibel als seine Charte bekennt, muß man die Worte der heiligen Schrift entgegenstellen, denn die Schrift ist heilig bis auf das Wort. Dieser Staat sowohl als das Menschenkehricht, worauf er basiert, gerät in einen schmerzlichen, vom Standpunkte des religiösen Bewußtseins aus unüberwindlichen Widerspruch, wenn man ihn auf diejenigen Aussprüche des Evangeliums verweist, die er "nicht nur nicht befolgt, sondern auch nicht einmal befolgen kann, wenn er sich nicht als Staat vollständig auflösen will". Und warum will er sich nicht vollständig auflösen? Er selbst kann darauf weder sich noch andern antworten. Vor seinem eignen Bewußtsein ist der offizielle christliche Staat ein Sollen, dessen Verwirklichung unerreichbar ist, der die Wirklichkeit seiner Existenz nur durch Lügen vor sich selbst zu konstatieren weiß und sich selbst daher stets ein Gegenstand des Zweifels, ein unzuverlässiger, problematischer Gegenstand bleibt. Die Kritik befindet sich also in vollem Rechte, wenn sie den Staat, der auf die Bibel provoziert, zur Verrücktheit des Bewußtseins zwingt, wo er selbst nicht mehr weiß, ob er eine Einbildung oder eine Realität ist, wo die Infamie seiner weltlichen Zwecke, denen die Religion zum Deckmantel dient, mit der Ehrlichkeit seines religiösen Bewußtseins, dem die Religion als Zweck der Welt erscheint, in unauflöslichen Konflikt gerät. Dieser Staat kann sich nur aus seiner innern Qual erlösen, wenn er zum Schergen der katholischen Kirche wird. Ihr gegenüber, welche die weltliche Macht für ihren dienenden Körper erklärt, ist der Staat ohnmächtig, ohnmächtig die weltliche Macht, welche die Herrschaft des religiösen Geistes zu sein behauptet.

It is, indeed, estrangement which matters in the so-called Christian state, but not man.

Der einzige Mensch, der gilt, der König, ist ein von den andern Menschen spezifisch unterschiedenes, dabei selbst noch religiöses, mit dem Himmel, mit Gott direkt zusammenhängendes Wesen.

Die Beziehungen, die hier herrschen, sind noch gläubige Beziehungen. Der religiöse Geist ist also noch nicht wirklich verweltlicht.


From Karl Marx – On the Jewish Question

Veröffentlicht in Historisch, Sonstige

Römische Kaiser

Aus Niccolò Macciavelli Der Prinz, Kapitel 19

Zuerst ist zu bemerken, daß, wenn in andern Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und die Zügellosigkeit des Volks zu bekämpfen ist, die römischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, daß sie Ursache des Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wünscht Ruhe und liebt deswegen die Fürsten von gemäßigter Denkungsart: die Soldaten aber lieben kriegerische, übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie verlangten Personen von solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen. Daher mußten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen, insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese Schwierigkeiten fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und achteten wenig auf die Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig.

Denn wenn Fürsten es nicht vermeiden können, den Haß des einen oder andern Theils auf sich zu laden, so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von einer Partei gehaßt zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der mächtigsten.

Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und desfalls außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur in so fern etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten vermochten.

Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder Gemüthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt, menschenfreundlich und leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war er durch so viele Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt oder verächtlich.

Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten gewählt, welche unter dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das ordentliche Leben, welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden. Dies erzeugte Haß. Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist bemerkenswerth daß Haß durch gute Handlungen sowol als durch schlechte erregt werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft schädlich sind.

Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt, daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das Leben kam.

Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen, enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks. Dennoch kamen sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben. Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die Herrschaft dadurch glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten zu Freunden behielt, obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen Eigenschaften machten ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß dieses erstaunt und demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Löwen zu spielen verstand, was ich vom Fürsten verlangt habe.

Da Severus die Feigheit des Kaisers Julianus erkannte, überredete er das Heer, welchem er in Slavonien vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den die Leibwache getödtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte in Italien an, ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in Rom erwählte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde des Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen Beide zu erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle die Würde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den Senat zu seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er nach Rom zurück und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus, der ihn verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er wegen seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in Frankreich auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte aufmerksam erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine Neuerungen beim Volke hätten erzeugen können.

Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste verachtete, welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen Gelegenheiten einen großen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tödtete. Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt, und flößte auch denen, die um ihn waren, Furcht ein, so daß ein Centurio ihn mitten in seiner Armee umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten solchen gewaltsamen Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden können. Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht achtet. Doch hat der Fürst sie eben nicht zu fürchten, weil solche Handlungen äußerst selten sind. Er muß sich nur hüten, diejenigen, die um ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschäften bedient, nicht gröblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio hatte tödten lassen, und ihm selbst täglich drohte, trotzdem aber die Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte ein schlechtes Ende nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist.

Wir kommen zum Commodus, der die Herrschaft gar leicht hätte behalten können, die er als Sohn des Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Fußtapfen seines Vaters treten, so hätte er Volk und Soldaten Genüge gethan. Da er aber ein grausames und thierisches Gemüth hatte, veranlaßte er selbst in der Armee allerlei Complotte, und ließ sie zügellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen und das Volk auszuplündern. Auf der andern Seite behauptete er seine Würde schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu kämpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Würde schlecht anstanden; er ward also bei den Soldaten verächtlich. Auf einer Seite gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwörung.

Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst kriegerisch, und da die Armee einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von dem ich oben geredet habe, tödteten sie diesen und wählten jenen zum Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn verhaßt und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thra[pg 102]cien das Vieh gehütet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen Augen herabsetzte); das andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Würde zu nehmen; daneben in üblen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die ganze Welt voll Unwillen über seine niedrige Herkunft, und andrerseits voll Haß und Furcht wegen seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung fand, seiner Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die ganze Welt haßte, ihn umbrachte.

Niccolò Macciavelli – The Prince (PDF) 🇬🇧 :

Niccolò Macciavelli – Das Buch vom Fürsten (PDF) 🇩🇪 :

Veröffentlicht in Vom König zum Führer

Wilhelms Auftrag

Die Vorstellung, der Adel könne sich in selbstbewußtem Rückgriff auf seine tausendjährige Herrschaftserfahrung erfolgreich in die allgemeine Führersehnsucht einspeisen, trifft man überall dort, wo Adlige über die von der NS-Bewegung eröffneten Chancen debattierten. In Mein Kampf hatte Hitler über die Schwierigkeiten der Rekrutierung geeigneter Führer gesprochen, die Bedeutung der einzelnen Persönlichkeit und das „aristokratische Prinzip“ betont, nach dem die Führung seiner Bewegung aufgebaut sei. Im Adel lege es die habituell verankerte Überzeugung von der eigenen Höherwertigkeit nahe, die NS-Bewegung als eine kleinbürgerlich-proletarisch geprägte Kraft zu sehen, die den „Massen“ beigebracht hatte, in Führer-Gefolgschafts-Kategorien zu denken, selbst jedoch unter chronischem Führermangel litt. Der ersten Phase des selbstsicheren Spotts über diesen Mangel folgte seit etwa 1930 eine zweite Phase der skeptischen Erwägung, wie der Adel diese Lücke selbst füllen könnte. Eine groteske Variante adliger Versuche, die überall greifbare Führersehnsucht auf sich selbst zu lenken, liefert eine Rede von 1930, in der Wilhelm II. in Doorn die Inflation des Führerbegriffes beklagte:

Führer sein! Das will heutzutage jeder. Führer bieten sich allerorten an. Als Führer spielen sich viele auf [...]. Und dennoch, überall der Schrei nach Führern!

In einer sonderbaren Mischung aus christlichen und neu-rechten Motiven erneuerte Wilhelm II. seinen Führungsanspruch. Der Führergedanke sei von Gott zuerst den Sumerern „geoffenbart‘ worden. König Hammurabi habe den „Führerberuf“‘ vor 5000, seine eigenen Vorfahren vor 500 Jahren von Gott übertragen bekommen. „Allein, diesen Führern ist wiederum der Führer Jesus Christus!“ Räumlich und gedanklich fern von allen politischen Realitäten ernannte der Exilkaiser Jesus zum jenseitigen, sich selbst zum irdischen „Führer“. Die vorangestelite Passage aus dem Johannes-Evangelium, die der Ansprache den Titel gegeben hatte, bezog der Kaiser-Führer auf sich selbst: „Ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viele Frucht, denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“