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Pharaonenkönigtum und seine Biblische Dekonstruktion

In der antiken Welt neigt die politische Macht dazu, den Bereich ihrer Kontrolle mit ikonischen und symbolischen Darstellungen zu besetzen. Dies mag auch für die Zeit der Monarchie im alten Israel gegolten haben, von der Zeit Sauls, Davids und Salomos bis zum Fall Jerusalems, was sich aus den zahlreichen prophetischen Invektiven gegen den Götzendienst ablesen lässt. Wir dürfen das mosaische Gesetz, wie es im zweiten bis fünften Buch Mose kodifiziert ist und das für uns zum Kern des biblischen Monotheismus geworden ist, nicht mit dem verwechseln, was in Israel während des Königreichs als Mainstream-Religion herrschte. Die ikonoklastische und monolatrische Bewegung der Thora war eine Sache der Opposition, die von der prophetischen Tradition von Amos und Hosea bis hin zu Jeremia und Hesekiel und von einer gebildeten Elite ausging, die sich schließlich unter König Josia durchsetzte und zur ersten ikonoklastischen Säuberung der offiziellen Religion und zur Neufassung der kanonischen Schrift führte, in deren Mittelpunkt das Deuteronomium stand, das eine ziemlich revolutionäre Konzeption von Staat und Religion enthielt. Diese Neuerung auf der politisch-theologischen Ebene führte nicht zu einer ikonischen Wende, sondern im Gegenteil zu einem Bilderverbot.
Das Bilderverbot steht an der prominentesten Stelle der Bibel: als erstes oder zweites Gebot des Dekalogs, zusammen mit einem Kommentar, der sich eindeutig auf den politischen Bereich bezieht:

Du sollst dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde. Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Denn ich bin der HERR, dein Gott, ein eifersüchtiger Gott: Ich suche die Schuld der Väter an den Kindern heim, an der dritten und vierten Generation, bei denen, die mich hassen; doch ich erweise Tausenden meine Huld bei denen, die mich lieben und meine Gebote bewahren.

2 Moses

Gott missbilligt die Anfertigung von Bildern als einen Akt der Abtrünnigkeit und des Glaubensabfalls. Die Unterscheidung zwischen Freund und Feind, zwischen denen, die Gott und sein Gesetz lieben, und denen, die es hassen, hat vor allem eine politische Bedeutung. Carl Schmitt sah in dieser Unterscheidung sogar das Kennzeichen des Politischen im Allgemeinen. Das mag zu weit gehen, aber niemand wird bestreiten, dass das Prinzip der Zuordnung und Abgrenzung eine grundsätzlich politische Bedeutung hat. Wenn Gott die Frage nach dem Bild zum Kriterium für Freund oder Feind, Zugehörigkeit oder Ausschluss macht, gibt er ihr eine politische Bedeutung. Wer zur Gemeinschaft der Freunde Gottes gehören will, muss sich jeder Bilderzeugung und Bilderverehrung enthalten. In dieser Geschichte geht es nicht nur um die Gründung einer neuen Form der Religion, sondern auch um eine neue Form des Gemeinwesens, die auf einem Vertrag oder Bund zwischen Gott und den Kindern Israels beruht. Dies wird durch die gesamte Gesetzgebung deutlich, die auf den Dekalog folgt, sowie durch die Geschichte des Exodus, die dessen Rahmen bildet. Es ist von großer Bedeutung, dass dieses Konzept der göttlichen Führung die Herstellung von Bildern ausschließt. Die Idee des Bundes impliziert eine Vorstellung von direkter Theokratie. Ebenso wie die Idee der direkten Demokratie schließt die Idee der direkten Theokratie alle vermittelnden Institutionen der Repräsentation aus. Der Wille Gottes wählt Mose als Ausleger, und auf Mose folgt in dieser Funktion eine Reihe von Propheten bis in die Zeit des Artaxerxes, aber er verbietet aus seinem Bund alle Repräsentationen, weil er direkt und nicht durch Repräsentation regieren will.
Die politische Bedeutung des Bilderverbots wird gleich zu Beginn, beim Empfang des Bundes am Berg Sinai, durch die Szene des goldenen Kalbes deutlich, die als eine Art Urszene des Götzendienstes fungiert. Mose stieg auf den Berg Sinai und blieb dort 40 Tage lang.

Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat - wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.
Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her!
Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron.
Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.

2 Moses

Das Volk wollte nicht zu anderen Göttern überlaufen, sondern den verschwundenen Mose, den sie für tot hielten, durch eine Repräsentation, ein Bild ersetzen. Sie wollten das Kalb als einen Führer, der das übernimmt, was Mose für sie getan hatte, der vorangeht, Gott vertritt und mögliche Feinde einschüchtert. Mose hatte für sie als Vertreter Gottes gehandelt; nun brauchten sie eine andere Form der Vermittlung und griffen auf den ägyptischen Götzendienst zurück.
Repräsentation und Vermittlung waren die Hauptfunktionen des Königs in der antiken Welt. Das Bundesgesetz zielte darauf ab, alle Formen der Vermittlung zu zerstören, die Figur des heiligen Königtums radikal in den Hintergrund zu drängen und eine unmittelbare Verbindung zwischen Gott und dem Volk herzustellen.
Anstelle von Bildern wird der König angewiesen, den Text der Tora abzuschreiben und auswendig zu lernen, damit sein königliches Handeln nichts anderes als eine Erfüllung der Schrift ist. Dies ist das genaue Gegenbild zur üblichen Dynamik politischer und ikonischer Machtentfaltung. Wo die Macht an einen unsichtbaren Gott übergeben wird, müssen die Bilder verschwinden und der Schrift Platz machen. Wir können dies eine skripturale und anikonische Wende nennen und darin die gleiche Verflechtung von Politik und Bilderzeugung wie in Ägypten erkennen, nur in umgekehrter Tonart. Das Bilderverbot kommt einer Verdunkelung des Königs als Repräsentant Gottes und als Vermittler zwischen Gott und den Menschen gleich.
Das deuteronomistische Konzept des Bundes oder Vertrages - berît auf Hebräisch -, den JHWH zwischen sich und den Kindern Israels geschlossen hat, hat eine primär politische Bedeutung. Der Begriff berît taucht jedoch schon ein Jahrhundert früher beim Propheten Hosea auf, allerdings in einer bräutlichen und kindlichen Metaphorik und ohne politische Konnotationen. Hosea ist der erste, der den Monotheismus als eine Sache der Treue, Wahrhaftigkeit oder Loyalität begreift. Wie Amos wirft Hosea Israel seine Sünden vor, aber in seinen Augen bestehen diese Sünden nicht in erster Linie in Ungerechtigkeit und Unterdrückung, sondern in der "Hurerei" mit fremden Göttern. Ich fasse hier einige der markantesten Schimpfworte Hoseas gegen Israels Untreue zusammen:

Sie feiern Schlachtopfer auf den Höhen der Berge, / auf den Hügeln bringen sie Rauchopfer dar, unter Eichen, Storaxbäumen und Terebinthen, / deren Schatten so angenehm ist. So werden eure Töchter zu Dirnen / und eure Schwiegertöchter brechen die Ehe. Aber ich strafe nicht eure Töchter dafür, / dass sie zu Dirnen werden, und nicht eure Schwiegertöchter dafür, / dass sie die Ehe brechen; denn sie (die Priester) selbst / gehen mit den Dirnen beiseite, mit den Weihedirnen feiern sie Schlachtopfer. / So kommt das unwissende Volk zu Fall. Wie man Trauben findet in der Wüste, / so fand ich Israel; wie die erste Frucht am jungen Feigenbaum, / so sah ich eure Väter. Sie aber kamen nach Baal-Pegor / und weihten sich dem schändlichen Gott; / sie wurden so abscheulich wie der, den sie liebten.

Hoseas

Ein anderes Bild, das Hosea für die besondere Verbindung zwischen JHWH und seinem Volk verwendet, ist das einer Vater-Sohn-Beziehung: "Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb, / ich rief meinen Sohn aus Ägypten. Je mehr ich sie rief, / desto mehr liefen sie von mir weg. Sie opferten den Baalen / und brachten den Götterbildern Rauchopfer dar." Etwa ein Jahrhundert nach Hosea wurde die ursprüngliche Fassung des Deuteronomiums in Jerusalem als Zufallsfund bei Restaurierungsarbeiten im Tempel präsentiert und als ein Buch aus der Zeit Moses' identifiziert. Diese Legende hat einen wahren Kern, denn sie verweist auf den wahrhaft "mosaischen" Geist, in dem das Buch geschrieben ist. Das Deuteronomium kodifiziert den Bund in Form eines formellen Bündnisvertrags und verleiht ihm damit den Status einer völkerrechtlich anerkannten Institution. Der Bund ist nun nicht mehr nur eine Metapher, sondern eine reale Sache.
Die Autoren des Deuteronomiums haben das Modell eines politischen Vertrags von Assyrien übernommen. Der Treueeid, den König Essarhaddon im Jahr 672 v. Chr. seine Untertanen und Vasallen seinem designierten Nachfolger Aschurbanipal schwören ließ, macht sich bis in den Wortlaut des biblischen Textes hinein bemerkbar. Einer dieser Vasallen muss König Manasse von Juda gewesen sein, so dass man davon ausgehen kann, dass eine Abschrift des Nachfolgevertrags und des Eids im königlichen Archiv in Jerusalem aufbewahrt wurde. Bei der Anwendung dieser assyrischen Vorlage auf den Bund zwischen JHWH und dem Volk haben die biblischen Autoren sie in zweierlei Hinsicht übernommen und angepasst. Erstens schließt Gott diesen Vertrag nicht mit dem König in seiner Eigenschaft als Vertreter des Volkes vor den Göttern, sondern direkt mit dem Volk selbst; zweitens gelten die Treueklauseln nicht zwischen dem Volk und dem König in seiner Eigenschaft als Vertreter der Götter vor dem Volk, sondern zwischen dem Volk und Gott. In einer verblüffenden Neuerung wird damit die Stellung des Königs als Vertreter und Vermittler umgangen. Durch die "Übertragung" der König-Gott-Beziehung und der König-Volk-Beziehung auf die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wird die assyrische Staatsideologie in die israelitische Bundestheologie überführt. Die Tatsache, dass Gott seinen Bund mit dem Volk als Ganzem schließt und nicht durch die Fürsprache des Königtums, der Priesterschaft oder einer anderen repräsentativen Autorität, wird zur Grundlage für eine neue, spezifische, emphatische und in gewissem Maße "demokratische" Auffassung des Volkes. Das Volk - nicht Mose, nicht die siebzig Ältesten, nicht Aaron, nicht die Leviten - nimmt die Rolle eines souveränen Partners im Bund ein. Dieser direkte Zugang zu Gott ist es, der dem biblischen Konzept seine demokratische Kraft verleiht.
In Ägypten wurde der Pharao als Sohn der obersten Gottheit angesehen und erhielt den Titel Sohn des Ra. Auch die Jerusalemer Monarchie übernahm das Modell der göttlichen Sohnschaft des Königs aus Ägypten. "Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt", sagt Gott zum König in Psalm 2,7. Gott erwählt den König zu seinem Sohn, eine Verwandlung, die in dem Moment stattfindet, in dem er gekrönt wird. In Psalm 89,27 verspricht Gott: "Ich mache ihn zum erstgeborenen Sohn, / zum Höchsten unter den Herrschern der Erde."
Das Bild der Gottessohnschaft Israels ist fest im Exodus-Mythos verankert.
Im Gegensatz zur Brautmetapher, die bei den Propheten Hosea, Jeremia und Hesekiel stets tragisch konnotiert ist und auf den ehebrecherischen Bruch des Bundes zurückblickt, ist das Bild der Sohnschaft im Exodus positiv konnotiert und blickt auf Israels Erwählung und die Erfüllung der Verheißungen Gottes voraus:
"So spricht JHWH: Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener. Und ich sage zu dir: Lass meinen Sohn gehen, damit er mir dient. Und wenn du dich weigerst, ihn gehen zu lassen, siehe, so will ich deinen Sohn, deinen Erstgeborenen, töten." Anstatt im Zorn auf den gebrochenen Bund zurückzublicken, blickt das Bild der Sohnschaft hier hoffnungsvoll auf die Befreiung Israels, die bald durch den Tod des ägyptischen Erstgeborenen herbeigeführt wird, und auf den Bund, der die Kinder Israels zu Gottes auserwähltem Volk und damit zu seinem Adoptivsohn machen wird. Während die Sohnschaft vom König auf das Volk übertragen wird, wird die Funktion des Gesetzgebers vom König auf Gott übertragen. Auf der berühmten Louvre-Stele des Hammurabi sehen wir, wie der König sein Gesetzbuch in einer Rezitationsgeste Schamasch, dem Sonnengott und Gott der Gerechtigkeit, vorlegt. Nach dem biblischen Konzept erhält Mose das Gesetz von Gott. Da er seiner Vorrechte als Sohn und Gesetzgeber beraubt ist, bleibt am König nichts Außergewöhnliches mehr. Das ist es, was das Deuteronomium über die Rolle des Königs zu sagen hat:

Wenn du in das Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt, hineingezogen bist, es in Besitz genommen hast, in ihm wohnst und dann sagst: Ich will einen König über mich einsetzen wie alle Völker in meiner Nachbarschaft!, dann darfst du einen König über dich einsetzen, doch nur einen, den der Herr, dein Gott, auswählt. Nur aus der Mitte deiner Brüder darfst du einen König über dich einsetzen. Einen Ausländer darfst du nicht über dich einsetzen, weil er nicht dein Bruder ist.
Der König soll sich aber nicht zu viele Pferde halten. Er soll das Volk nicht nach Ägypten zurückbringen, um mehr Pferde zu bekommen; denn der Herr hat zu euch gesagt: Ihr sollt auf diesem Weg nie wieder zurückkehren. Er soll sich auch keine große Zahl von Frauen nehmen, damit sein Sinn nicht vom rechten Weg abweicht. Er soll nicht zu viel Silber und Gold anhäufen.
Und wenn er seinen Königsthron bestiegen hat, soll er sich von dieser Weisung, die die levitischen Priester aufbewahren, auf einer Schriftrolle eine Zweitschrift anfertigen lassen. Sein Leben lang soll er die Weisung mit sich führen und in der Rolle lesen, damit er lernt, den Herrn, seinen Gott, zu fürchten, auf alle Worte dieser Weisung und dieser Gesetze zu achten, sie zu halten, sein Herz nicht über seine Brüder zu erheben und von dem Gebot weder rechts noch links abzuweichen, damit er lange als König in Israels Mitte lebt, er und seine Nachkommen.

Dtn 17

Dies ist nicht mehr die Idee des Königtums, wie sie von König David paradigmatisch dargestellt wurde. Der König wird nicht mehr von Gott auserwählt, der zu ihm sagt: "Du bist mein Sohn; heute habe ich dich gezeugt", oder in Bezug auf ihn: "Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein" und "Ich will ihn auch zu meinem Erstgeborenen machen, höher als die Könige auf Erden". Stattdessen wird der König nach Belieben vom Volk eingesetzt und eher als Gefahr denn als Segen gesehen, der in seiner Machtentfaltung so weit wie möglich eingeschränkt werden muss. Die ursprüngliche Idee des Königtums wird in die Zukunft verschoben und zu einer Figur der messianischen Erwartung gemacht. Die neue Religion, wie sie von den exilischen Propheten und der deportierten literarischen Elite ausgearbeitet wurde, entstand in einer Situation des totalen Verlustes: von Königtum, Staat, Tempel und Territorium und ermöglichte es Judäa, ohne externe Stabilisatoren auszukommen. Gesetz, Staat, Tempel und Priestertum wurden am Berg Sinai, in der Wüste und in einer radikal extraterritorialen Situation geschaffen.
Dieses neue Konzept der Religion hängt nicht mehr von Staat, Königtum und Territorium ab; es kann überall dort verwirklicht werden, wo Juden leben und das Gesetz des Bundes befolgen.
In dieser Differenzierung und Emanzipation der Religion von Staat und Territorium liegt das Geheimnis des Überlebens des Judentums und des Judentums als einzige Nation der Antike über zwei Jahrtausende der Diaspora und Verfolgung, während das alte Ägypten und alle anderen Staaten und Kulturen der Antike dem Ansturm von Christentum und Islam erlagen.

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Die preußische Kriegstheorie um 1800 und ihre Suche nach dynamischen Gleichgewichten

Intellectual historians never respect disciplinary boundaries, except when they are the boundaries imposed by the people whose ideas they study.

Richard Whatmore

Für [Azar Gat] gehören besonders die Schriften [...] Carl von Clausewitz', der großräumigen Bewegung des „Counter-Enlightenment“ an, die sich in Reaktion auf das dominierende Paradigma der Newton’schen Physik vom Aufklä-rungsdenken des 18. Jahrhunderts absetzte und von Gat unter Verweis auf die regionalen Schwerpunkte ihrer Entstehungsphase mit dem Sammelbegriff des „German Movement“ bezeichnet wird.

[…]

Nach wie vor wird jedoch insbesondere das Clausewitz’sche Œuvre als Kristallisationspunkt einer Wende verstanden, die das Denken über den Krieg grundlegend verändert hat. Seine Texte nehmen noch immer eine zentrale Funktion ein für das ideengeschichtliche Verständnis dieser Epoche und für neue Standortbestimmungen der politischen Theorie.

Warum Clausewitz und sein Umfeld bis heute für wichtig gehalten werden, lässt sich vor allem auf zwei Punkte zurückführen:

  1. Clausewitz steht für die moderne Einsicht, dass der Krieg als soziales Phänomen zu betrachten ist, d. h. sich von zivilen Prozessen nicht trennen lässt, und als eine „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ verstanden werden muss.
  2. Ferner bezeichnet er einen Paradigmenwechsel, nach dem soziale Prozesse und vornehmlich Konflikte nicht mehr statisch, sondern dynamisch und als historisch wandelbar begriffen werden müssen. Hierfür steht vor allem seine immer noch berühmte und viel zitierte Metapher vom Krieg als „wahres Chamäleon“, das „in jedem konkreten Falle seine Natur etwas ändert“.

Für die kontroverse Auslegung seines Werkes stehen bis heute zwei Namen. Während sich 1935 Erich Ludendorff mit seinem berüchtigten Konzept vom ‚totalen Krieg‘ auf Clausewitz’ „Vernichtungsgedanken“ berief, konnte sich Ludwig Beck zur Zeit seines Widerstandes gegen Hitler seinerseits auf Clausewitz’ „ermäßigendes Prinzip“ berufen, mit dem er sich moralisch gegen eine Politik der totalen Eskalation wandte.

[…]

In Clausewitz’ Rekurs auf ein „dynamische[s] Gesetz des Krieges“ bewegt er sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einer Tradition der zeitgenössischen Naturwissenschaften, genauer gesagt der dynamistischen Wende, die ungefähr hundert Jahre zuvor durch die Newton’sche Physik begründet worden war – „Isaac Newton was the giant of science in the seventeenth and eighteenth centuries“. Newton hatte mit seinen neuen Konzepten von „Masse“ und „Kraft“ Paradigmen einer neuen Zeit geschaffen:

Conceptions such as ‚mass‘ and ‚force‘ were quickly recognized by Newton’s contemporaries as powerful concepts for representing aspects of bodies that allowed them to be measured and their dynamical interactions calculated.

Iliffe / Smith, Introduction (2016), S. 1.

Es herrschte, so auch Reinhard Brandt, „eine überwältigende Newton-Mode unter den Denkern des 18. Jahrhunderts“. Dieser mathematisch-naturwissenschaftliche Hintergrund kann kaum überschätzt werden, auch dann nicht, wenn in den Werken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts der Name Sir Isaac Newtons nicht immer erwähnt wird. Es sei hier nur daran erinnert, dass in Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (1781), ein Werk, das nur vor dem „Faktum der Newtonischen Wissenschaft“ zu begreifen ist, der Name Newtons nur drei Mal (davon 2 Mal nur adjektivisch) erwähnt wird.

[…]

Den Dreh- und Angelpunkt für die vorliegende Untersuchung bildet der Begriff einer „Inertie der Kräfte“, der sich bei Carl von Clausewitz in einem Vorentwurf zu seinem Hauptwerk „Vom Kriege“ findet. Er dient dazu, sein „ermäßigendes Prinzip“ näher zu charakterisieren. [...] Der Begriff der ‚vis inertiae‘ ist ein Kernbegriff der Newton’schen Dynamik.

Ursprünglich als Kraft bezeichnet, wurde er bei Newton als ‚Massenträgheit‘ zu einem passiven und inhärenten Prinzip aller physikalischen Körper. Das Trägheitsmoment von Massekörpern ist selbst keine Kraft, sondern leistet vielmehr Widerstand gegen Beschleunigung und kann damit zum Nachweis und zur Messung von auftretenden Kraftwirkungen genutzt werden. Ein weiterer Kernbegriff bei Clausewitz ist der der „Wechselwirkung“, der ebenfalls ein zentrales Konzept der Newton’schen Dynamik bildet.

Schon im kritischen Werk von Kant hatten dieselben Newtonischen Begriffe in verwandelter Form zentrale Funktionen übernommen. Bei Kant werden sie zu allgemeinen Bedingungen objektiver Erkenntnis transzendiert, die jeder Wissenschaft zugrunde liegen müssen.

[…]

Es war Georg Heinrich von Berenhorst (1733–1814), der in den 1790er Jahren mit seinen „Betrachtungen über die Kriegskunst“ versuchte, die Kantische Kritische Methode auf den Krieg anzuwenden und die Frage nach der Möglichkeit einer wissenschaftlichen Theorie des Krieges aufzuwerfen. Die Besonderheit der preußischen Kriegstheorie um 1800 beginnt mit diesem Rekurs auf den erkenntnistheoretischen Zugang Kants. Während Berenhorsts Bemühungen noch in Paradoxien endeten, gelang es dann Adam Heinrich Dietrich von Bülow (1763–1807) in Anknüpfung an Berenhorst, diese Forderungen an eine neue Wissenschaft der Kriegstheorie in einem in sich kohärenten Modell umzusetzen. Bülow postulierte ein „allleitende[s]“ oder „bindendes Princip“, das nicht nur dazu angetan sein sollte, dem Krieg „Fesseln anzulegen“, sondern das als „Fundamental-Principium der ganzen Kriegswissenschaft“ eine dynamische Theorie sozialer Konflikte ermöglichen und erstmals zur Prognose und Herstellung dynamischer Gleichgewichtssysteme befähigen sollte. Er schuf damit in den Jahren um 1800 auch bewusst einen neuen Zugang zu der damals aktuellen Frage nach einer Theorie des ewigen Friedens.
Aus dieser Bülow’schen Theorie, die nach 1800 im preußischen Offizierskorps und schon bald europaweit diskutiert wurde, stammen die zentralen Postulate der Clausewitz’schen Theorie, dass sich der Krieg 1. auf ein „dynamische[s] Gesetzes des Krieges“ bringen lassen muss, 2. dass seine Fundamente ein passives und den Ereignissen selbst „innewohnende[s]“, sie „ermäßigendes Prinzip“ beinhalten müssten, und 3. der zentrale Gedanke, dass der Krieg nichts Statisches und „nie ein isolierter Akt“, „kein selbstständiges Ding“, sondern immer nur „ein politisches Instrument“ und nur die „bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ sei.
Alle diese Gedanken finden sich bereits eine Generation früher bei Dietrich von Bülow, dessen Werke der junge preußische Offizier Clausewitz während seiner Studienzeit an der „Akademie für junge Offiziere“ (1801– 1804) – d. h. während der Hauptschaffensperiode Bülows – aufmerksam rezipiert hatte.

Clausewitz’ berühmte Definition vom Krieg, die Herfried Münkler als „Zentralformel“ moderner Konfliktforschung charakterisiert, und die die Konflikte als „fortgesetzte Staatspolitik mit anderen Mitteln“ interpretiert, stammt aus dem Jahr 1806 und aus der Feder Dietrich von Bülows. Dieser war der Überzeugung, dass Krieg immer „nur ein Mittel zur Erreichung diplomatischer Zwecke“ sein konnte. Sein Modell beschrieb soziale Konflikte als dynamischen Prozess, in dem „sich Diplomatie in Krieg“ verwandeln und „aus dem Streit mit Gründen“ schließlich „ein Streit mit körperlichen Kräften“ werden kann. Diese Dynamik hatte Bülow zufolge nie eigentlich militärische Wurzeln. Vor allem war für ihn „Krieg keinesweges ein etwas in sich selbst Vollendetes, sondern nur ein Mittel zur Erreichung diplomatischer Zwecke“, das sich in seinem dynamischen Übergang fortwährend „verwandelt“. Entscheidend für diese Sicht der Dinge ist Bülows analytische Methode. Seine Theorie sollte wie die der Newton’schen Dynamik auf nur einem „Haupt-Grundsatz“ aufbauen. Analog zu dem Axiom der Massenträgheit (vis inertiae), postulierte Bülow die Existenz „eines allleitenden Principiums“, das die Bedingungen einer dynamischen Wissenschaft und einer Theorie dynamischer Gleichgewichte für den Krieg erstmals substantiieren sollte. Dieses Prinzip der „Subsistenz“ hatte Bülow erstmals 1799 in seiner Einleitung zum „Geist des neuern Kriegssystems“ für die Theorie eines zukünftigen „immerwährenden Friedens“ angekündigt. Mit dem Konzept einer Subsistenz-Masse schuf Bülow für die Unterscheidung von Politik, Strategie und Taktik einen Referenzrahmen, um „das politische System Europas“ erstmals wie das Sonnensystem auf der Grundlage eines objektiven Inertialprinzips als ein dynamisches und interdependentes Gleichgewichtsmodell zu betrachten, in dem „eine große Macht jetzt eben so wenig zerstört werden kann, ohne alle übrigen zu erschüttern“, wie „ein Planet aus seinem Orte gerissen“ werden könne, „ohne das System zu zerrütten“. Mit Reinhard Brandt könnte man sagen, dass der Newton’sche Hintergrund zu jener Zeit allgegenwärtig war und er damit in Bülows Fall beinahe als trivial erscheinen könnte. Die Art jedoch, wie Bülow an die Newton’sche Methode anschloss, war hochgradig subtil, ja einzigartig und bedarf daher der detaillierten Rekonstruktion. Das Inertialprinzip der Subsistenz sollte als epistemologische Bedingung a priori – wie das Masseprinzip in Newtons „Principia“ – einen neuen Messraum aufspannen, in dem sich die dynamischen Prozesse sozialer Konflikte künftig abbilden und prognostizieren lassen sollten. Es ist dieser Gedanke an ein soziales Trägheitsprinzip, den sich Carl von Clausewitz Jahrzehnte später als „Inertie der Kräfte“ und als „ermäßigendes Prinzip“ zu eigen machte, um auch in seinem Modell „Gegengewichte“ zu erhalten, „die das rasche Prinzip“ des Krieges wie im Bülow’schen Modell dynamisch „ermäßigen“ sollten. Nicht erst Clausewitz vollzog also eine dynamische Wende im Denken über den Krieg. Ihre ideengeschichtlichen Ursprünge sind früher – bei Berenhorst und Bülow – zu finden. Mit seinem dynamischen Gleichgewichtsmodell sozialer Körper steht Bülow in seiner Zeit allein.

[…]

Dietrich von Bülow versuchte lange vor Clausewitz, den Krieg erstmals auf die Fundamente einer dynamischen Wissenschaft zu stellen, die auf ein einziges „allleitende[s] Principium[]“ aufbauen sollte, womit er den methodischen Anschluss an die Newton’sche Physik anstrebte, deren Theorie dynamischer Gleichgewichte ebenfalls auf einem „Fundamental-Principium“, dem Axiom der Massenträgheit ruht. Es wird sich zeigen lassen, dass diese analoge Rolle in der Bülow’schen Dynamik von dem Prinzip der Subsistenz ausgefüllt werden sollte.
Berenhorst und Bülow waren die vielleicht extravagantesten Repräsentanten einer pazifistisch-intellektuellen Strömung im Preußen der Französischen Revolutionsära, deren Anhänger nicht auf dem Schlachtfeld die Lösung für soziale Konflikte erwarteten, sondern in der Entdeckung einer neuen Wissenschaft vom Krieg, die seine Vermeidung lehren sollte. Mit der Freilegung dieses vergessenen Kontextes muss die Bedeutung von Clausewitz neu verortet werden. Er war nicht der Schöpfer einer für die Friedensforschung anwendbaren Grundlage. Wie sich zeigen wird, war er vielmehr derjenige, der sie zerstörte, indem er Bülows Theorie furios ablehnte und ihre Spuren verwischte. Nur noch Bruchstücke dieser Theorie wurden – bis zur Unkenntlichkeit verändert – in seinem Werk überliefert.

[…]

Im Folgenden soll versucht werden, die Ursprünge einer eigenständigen preußischen Kriegstheorie anhand ihrer wesentlichsten Protagonisten, Georg Heinrich von Berenhorst und Adam Heinrich Dietrich von Bülow, sowie ihrem Umfeld und ihren Nachfolgern im Kreis um Gerhard von Scharnhorst und Carl von Clausewitz zu rekonstruieren. Damit sind vier Thesen verbunden, die in dieser Arbeit vertreten werden sollen:

  1. Eine eigenständige preußische Kriegstheorie beginnt in den 1790er Jahren mit Berenhorsts Frage nach einem „festen Standpunkt“ für eine exakte Wissenschaft vom Krieg, mit der sich das pazifistische Anliegen verknüpfte, zwischenstaatliche Konflikte von einem solchen noch zu entdeckenden Standpunkt objektiv voraussagen und begrenzen zu können.
  2. Die Lösung wurde von Berenhorst und Bülow in Anknüpfung an die von Kant – vor dem Hintergrund des Newton’schen Paradigmas – entwickelte Erkenntnistheorie gesucht. Den Ausgangspunkt bildete für sie die Idee von einem sozialen Trägheitsprinzip a priori, über das sich – in Analogie zum physikalischen Prinzip der vis inertiae – soziale Kräfte messen und zum dynamischen Ausgleich bringen lassen. Die Funktion eines solchen Trägheitsprinzips sollte im Bülow’schen Modell die von ihm als „Fundamental-Principium“ postulierte „Theorie der Subsistenz“ liefern.
  3. Das gesamte Werk von Clausewitz kann nur vor dem Hintergrund dieser Theorie und als ihr radikaler Gegenentwurf verstanden werden. Demnach übernahm Clausewitz zwar wesentliche Begriffselemente von Bülows Dynamik des Krieges, ohne aber ihre strukturelle Kohärenz durchdrungen zu haben. Unter anderem entging ihm die zentrale Funktion eines ‚ermäßigenden Prinzips‘ im Sinne eines ‚sozialen Trägheitsprinzips a priori‘.
    In der Konsequenz führte der unvollständige Begriffstransfer in seinem Werk zu einem inkohärenten Torso. Durch seine stark romantisch begründete Orientierung gelangte Clausewitz stattdessen zu einem Modell der totalen Dynamik, in das sich die von Bülow übernommene Forderung nach einem ‚ermäßigenden Prinzip‘ später nicht mehr integrieren ließ.
    Ohne dieses Prinzip führte das Clausewitz’sche Modell zwangsläufig auf den Gedanken einer totalen Dynamik, die seinen „Total-Begriff des Krieges“ konstituierte, und die in der Rezeptionsgeschichte seines Werkes in der wiederholt gewonnenen Einsicht fortlebt, dass bei ihm „alles […] dynamisch“ und „alles ein Spiel von Kräften“ sei, weshalb seiner Theorie zuweilen der Vorwurf gemacht wurde, die kriegstheoretische Diskussion erstmals in das Dogma des ungebremsten Vernichtungsgedankens geführt zu haben.
  4. Schließlich wird sich wahrscheinlich machen lassen, dass es insbesondere Clausewitz war, der die Erinnerung an Dietrich von Bülow beinahe systematisch zu verwischen versuchte.

[…]

Es handelt sich dabei um eines der Denkschemata, welche die Werke des Scharnhorst-Kreises – aus Foucault’scher Perspektive – „völlig bestimmen und sie beherrschen“ und sich gegen die Bülow’sche Theorie nach 1800 allgemein durchsetzen sollten. Als ein Ideengeber des Scharnhorst-Kreises tritt in diesem Zusammenhang ein bisher völlig vernachlässigter Autor in den Vordergrund, der entscheidend am kriegstheoretischen Diskurs in Berlin teilnahm, Friedrich von Gaugreben (1774–1822), über den nur wenig bekannt ist. Von ihm und seiner umfangreichen Kritik an Bülow stammt nicht nur die berühmte, heute fälschlicherweise mit Clausewitz assoziierte Metapher vom Krieg als „wahre[m] Chamäleon“. Mit seiner Kritik stattete er vor allem Clausewitz mit den wesentlichen Gegenargumenten aus, die zur Grundlage des Clausewitz’schen Denkens und seiner Widersprüche werden sollten. Schließlich geht es darum, zu zeigen, dass sich Clausewitz’ berühmtes Werk „Vom Kriege“ als eine Fortsetzung der Gaugreben’schen Kritik an Bülow entschlüsseln lässt, die ihn in das Paradox einer totalen Dynamik führte, um damit eine Grundlage für den modernen Vernichtungsgedanken zu schaffen.

Bülow lieferte einen Neuansatz für die Betrachtung sozialer Phänomene, indem er sie auf der Basis eines sozialen Prinzips der Trägheit als dynamische Gleichgewichte verstand.

Die preußische Kriegstheorie um 1800 und ihre Suche nach dynamischen Gleichgewichten ~ Arthur Kuhle, Duncker & Humblot 2018

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Die Assassinen

Einen besonderen Faktor für die Außenbeziehungen des Königreiches Jerusalem in Nordsyrien stellten die Assassinen dar. Sie waren Angehörige einer heute als Nizārīya bezeichneten, ismāʿīlītisch-schiitischen Sekte, die unter ihrem persischen Gründer und Führer Ḥasan-i Ṣabbāḥ in den Jahren 1078–1094 im Namen des fāṭimidischen Kalifen al-Mustanṣir eine religiöse Revolution im sunnitischen ʿAbbāsiden-Kalifat von Bagdad entfachen wollte. Nachdem al-Mustanṣir, der als einzig legitimer Imam mit Anspruch auf die geistliche und weltliche Oberherrschaft über die gesamte muslimische Welt verehrt worden war, 1094 gestorben und sein rechtmäßiger Nachfolger Nizār entmachtet worden war, sagte sie sich von der neuen Führung in Kairo los. In den folgenden Jahrzehnten konstruierten die Sektenführer die Legende, dass sich ein Enkel des verstorbenen Imams, von ihnen vertreten, in ihrem Hauptquartier, der Festung Alamūt im Nordosten Persiens, versteckt halten und auf den geeigneten Zeitpunkt für seine Wiederkehr warten würde.
Schon früh legte die Sekte, um die eigene Autorität durchsetzen zu können, ihr Augenmerk auf Missionierung (daʿwa), was ihr eine wachsende Anhängerschaft vor allem unter der ländlichen Bevölkerung, die verstreut in zahlreichen Siedlungsgebieten zwischen Persien und Nordsyrien lebte, verschafft hatte. Seitens der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung schlug diesen als Häretikern angesehenen Konvertiten jedoch zumeist Ablehnung entgegen, die sich in unregelmäßigen Abständen in Form von spontanen, bisweilen aber auch durch die jeweilige Führungselite gezielt organisierten Pogromen niederschlug. Da die Sekte nur über wenige regulär bewaffnete Kräfte verfügte, die vor allem als Garnison der Festungen eingesetzt wurden, konnte sie sich nicht mit herkömmlichen militärischen Mitteln gegen die Verfolgungen wehren, weshalb ihre Führer zumeist die Verständigung mit den politischen und religiösen Autoritäten der sunnitisch dominierten Herrschaftskomplexe suchten. Wenn dies misslang, nutzten sie jedoch gezielte Mordanschläge als Druckmittel, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Für diese Aufgabe bildeten sie, unter Versprechung von ewiger Belohnung im Paradies, Elite-Kämpfer (fidāʾiyyūn) aus und schleusten sie als Vertraute in das Umfeld der Zielpersonen. Handelte es sich bei diesen um hohe Würdenträger wie die Kalifen und Wesire von Kairo oder Bagdad, so mussten die Attentäter mitunter mehrere Jahre damit verbringen, deren Vertrauen zu gewinnen, bis sie vom Imam schließlich den Befehl zum Angriff erhielten. Die Möglichkeit des Überraschungsangriffs in Kombination mit ihrer religiösen Entschlossenheit und der intensiven Ausbildung im Umgang mit Waffen verschaffte ihnen dabei eine hohe Erfolgsquote. Diese und die Breitenwirkung, die die urplötzliche Ermordung einer öffentlich bekannten Führungsfigur zumeist entfachte, ließen die Furcht vor der Sekte wachsen, was wesentlich dazu beitrug, ihr Fortbestehen zu sichern. Um die Attentäter bildete sich bald ein Nimbus von unbesiegbaren und tödlichen Gegnern, der mit der Zeit immer legendenhaftere Züge annahm. So sagte man ihnen, vor allem in der späteren, stark von dem Reisebericht Marco Polos (etwa 1254–1324) beeinflussten, lateineuropäischen Rezeption nach, ihre Anschläge unter dem Einfluss von Haschisch (arabisch ḥašīš) zu verüben und führte ihre arabische Bezeichnung in verschiedenen Varianten des Wortes ḥašīšīya (Singular ḥašīšī) darauf zurück. Diese Annahme setzte sich im Verlauf der folgenden Jahrhunderte in der westlichen Welt durch und findet sich bisweilen noch heute in der Populärkultur wieder, doch ist sie nach dem heutigen Forschungsstand wohl unbegründet. Tatsächlich wäre die Wirkung von Haschisch für die Ausführung der Anschläge äußerst kontraproduktiv gewesen, da diese allerhöchste Konzentration, Reaktionsbereitschaft und Fähigkeiten zur realistischen Einschätzung der Lage erforderten. Auch die arabischen Termini müssen nicht zwangsläufig auf die Bezeichnung des Rauschgiftes zurückgeführt werden, sondern können sich auch auf eine im herabwürdigenden Sinn gebrauchte, metaphorische Bezeichnung als „Gesindel der Unterschicht“ oder „ungläubige Außenseiter der Gesellschaft“ beziehen.

Die von Persien aus in Auftrag gegebene Missionierung Nordsyriens hatte bereits um die Wende zum 12. Jahrhundert begonnen und war aufgrund der sozialen und politischen Umwälzungen durch die ersten Kreuzzüge, der territorialen Zersplitterung der muslimischen Welt in einzelne Herrschaftsgebilde und den daraus resultierenden, ständigen militärischen Konflikten auf fruchtbaren Boden gefallen. Dennoch war es der Sekte trotz intensiver Versuche erst in den Jahren nach 1132 gelungen, die dauerhafte Kontrolle über einige Festungen und das dazwischen liegende Gebiet auf dem westsyrischen Bergmassiv des Ǧabal Bahrāʾ (heute auch Ǧibāl al-Anṣārīya) nördlich des Libanongebirges zu erlangen, dessen Hauptsitz die 1141 eroberte Burg Maṣyāf am Südostrand wurde. Darauf Bezug nehmend bezeichneten vor allem die späteren lateinischen Chronisten den Führer der Sekte oft als „Alten vom Berge“ (Vetus de Montanis), während die frühen Quellen nur von senex oder vetulus schrieben und damit den bis heute gebräuchlichen arabischen Ehrentitel šaiḫ wörtlich übersetzten. Die genaue Ausdehnung ihres Herrschafts- und Einflussgebietes sowie die Größenordnung ihrer Anhängerschaft sind kaum festzustellen, doch schrieb ihnen Wilhelm von Tyrus in den 1180er Jahren in durchaus realistischer Schätzung zehn Festungen und mehr als 60.000 Gläubige zu. Das Wachstum ihres Siedlungsgebietes fand in unmittelbarer Nachbarschaft zu den nördlichen Kreuzfahrerstaaten Antiochia und Tripolis statt und griff teilweise auf diese aus, doch blieben die Beziehungen zu den Franken zunächst freundlich. Zuletzt hatten im Jahr 1148 Fürst Raimund von Antiochia (1136–1149) und der Assassinenführer ʿAlī b. Wafāʾ eine Allianz gegen Nūr ad-Dīn geschlossen und waren im Juni des folgenden Jahres gemeinsam in der Schlacht von Ināb umgekommen. Erst als im Jahr 1152 Graf Raimund II. von Tripolis das Grenzgebiet um Tortosa dem Templerorden übertrug, kam es offenbar zu gewaltsamen Grenzstreitigkeiten, in deren Folge die Sekte ihn und zwei seiner Begleiter noch im selben Jahr als erste bekannte Nichtmuslime ermorden ließ. In der Folge kam es, ähnlich wie in den sunnitisch dominierten Gesellschaften der islamischen Herrschaftskomplexe, zu gewaltsamen Pogromen gegen die Sekte, doch nach einiger Zeit normalisierten sich die Beziehungen wieder und die Assassinen zahlten dem Orden als Ausgleich für die Kontrolle eines vom ihm beanspruchten Territoriums jährlich 2.000 Byzantiner. Auch aus den folgenden Jahren gibt es nur wenige Informationen über die Beziehungen der Kreuzfahrerstaaten zu ihren nizārītischen Nachbarn, die nach der Eroberung von Damaskus 1154 zu den letzten von den Zengīden unabhängigen muslimischen Akteuren in der unmittelbaren Umgebung gehörten. Zwar belagerten Ende 1157 bekanntlich Truppen aus allen drei Kreuzfahrerstaaten die von der Sekte besetzten Ruinen von Šaizar, doch blieb das Unternehmen ebenso erfolg- wie konsequenzenlos.

[…]

Nach der natürlich mit Vorsicht zu betrachtenden Darstellung des Chronisten hatte der Meister der Assassinen die bereits erwähnte Abkehr von der „Irrlehre“ des Islams aus eigener Initiative vollzogen, nachdem er durch die Lektüre des Evangeliums das Christentum als einzig wahre Religion anerkannt und entschieden hatte, die Konversion seiner Anhänger zum Christentum vorzubereiten. In einem nächsten Schritt schickte er einen vertrauten Anhänger namens Abū ʿAbd Allāh (Boaldelle) als Gesandten mit einer geheimen Botschaft an König Amalrich, deren Hauptanliegen in der Bitte bestand, den von den Tempelrittern auferlegten „Tribut“ von 2.000 Goldstücken für die Siedlungsgebiete der Assassinen aufzuheben. Im Gegenzug, so berichtet Wilhelm weiter, habe er angeboten, sich und seine Anhänger taufen und endgültig zum Christentum konvertieren zu lassen. Der König war von der Aussicht auf neue christliche Verbündete natürlich hoch erfreut und erklärte sich umgehend bereit, die jährlichen Zahlungen an den Ritterorden aus seinen eigenen Einkünften zu bezahlen. Nach ausführlichen Gesprächen schickte er den Boten mit einem eigenen Gesandten als persönlichen Begleitschutz zurück nach Norden, um dort mit Sinān die Verhandlungen zum Abschluss zu bringen. Als das Duo bereits über Tripolis hinausgekommen war und kurz vor dem Übertritt in das Gebiet der Assassinen stand, geriet es unvermittelt in einen Hinterhalt von Templern, die aus dem nahe gelegenen Tortosa stammten. Diese griffen umgehend an und töteten den Boten der Assassinen ungeachtet seines königlichen Auftrages und Begleitschutzes. Als der König davon Kenntnis erhielt, rief er, außer sich vor Empörung über die Tat, die er auch als persönliche Beleidigung auffasste, die Haute Cour zusammen, um über die notwendigen Sanktionen zu beraten. Man kam darin überein, dass diese offene Sabotage einer Reichsangelegenheit nicht ungesühnt bleiben konnte, da durch sie die königliche auctoritas verletzt, fides und constantia des Christentums in Verruf geraten und der schon sicher erschienene Zuwachs der Kirche verloren gegangen seien. Zwei Gesandte, Soherius von Memedeo und Gottschalk von Torhout, wurden nun zum Ordensmeister Odo von St. Amand nach Sidon geschickt, um die Auslieferung des Haupttäters, angeblich ein einäugiger Ritter namens Walter von Maisnil (Mesnil), zu verlangen. Dies verweigerte der Meister mit Verweis auf die Unterstellung des Ordens allein unter päpstliche Jurisdiktion und ließ dem König ausrichten, dass er den Schuldigen bereits mit einer Buße belegt habe und für weiteres Urteil an die päpstliche Kurie schicken werde. König Amalrich reiste daraufhin persönlich in die Stadt, ließ den Gesuchten gewaltsam aus dem Templerquartier holen und in Tyrus inhaftieren. An den Meister der Assassinen richtete er eine neue Gesandtschaft, die sein Bedauern und seine Unschuld beteuern sollte und damit angeblich auch Glauben fand. Zu weiteren Forschritten sowohl in den Verhandlungen mit der Sekte als auch im Verfahren gegen die Templer, gegen die er nach der Darstellung des Chronisten umfangreiche Schritte plante, kam es jedoch nicht, denn der König erkrankte wenig später schwer und starb im Juli 1174.

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Die Wilde Jagd

Die Wilde Jagd ist ein mythologisches Motiv, das in verschiedenen nordeuropäischen Kulturen vorkommt. Sie beinhaltet typischerweise eine Verfolgungsjagd, die von einer mythologischen Figur angeführt wird begleitet von einer geisterhaften oder übernatürlichen Gruppe von Jägern, die verfolgt werden. Der Anführer der Jagd ist oft eine bekannte Figur, die in den germanischen Legenden mit Odin in Verbindung gebracht wird, kann aber auch eine historische oder legendäre Figur wie Theoderich der Große, der dänische König Valdemar Atterdag, der Drachentöter Sigurd, der walisische Psychopomp Gwyn ap Nudd, biblische Figuren wie Herodes, Kain, Gabriel oder der Teufel oder eine nicht identifizierte verlorene Seele sein.

wikipedia

Gedicht von Johannes Carsten Hauch

Original dänisch Den vilden Jagt aus seiner Publikation Lyriske Digte og Romancer ("Lyrische Gedichte und Romanzen"), die zweite Hälfte handelt von Valdemar Atterdag

When they thought that Denmark’s king
Soundly in the graveyard slumbered,
Words incredible, unnumbered,
Through the land crept whispering.

Rumor said: “The king hunts nightly
Stag and doe on Sjaelland’s isle
With a company unsightly
Through the country mile on mile.”

They saw the Childe at the head of his hosts;
In the moonlight they heard the racket
Of his train of terrible shadows and ghosts
With the hawk and the sable brachet.

Fables deep in Time’s abyss
From oblivion resurrected,
Champions in their rest ejected
From the dim necropolis,

Women from their hidden prison,
Heathen kings from the sepulchre,
All (the peasants said) had risen
Forth to ride with Valdemar.

Like wings the sound over woods was borne,
In terror the dwarf dug deeper,
While overhead a mad hunting-horn
Aroused the horrified sleeper.

Volmer’s eyes with anguish blazed,
Never found he rest and quiet;
Ever in this awful riot
Must he hurry on half-crazed.

Nearest him, of all the shadows
Coursing over lake and glade
Through the night-mist of the meadows,
Was a pale and slender maid.

Her long hair flickered in the midnight blast,
She sighed with sighs inhuman;
On snow-white horse she galloped fast,
The fairest of all women.

Over castle and lofty house,
Falcon, raven, birds of evil,
Unknown fowl from Night primeval,
Fat, enormous flittermouse,

Over forests, fields, and ditches,
Clustering pallid flare on flare,
Wolves with hundred feet, and witches
Sailed the river of the air.

The hunters’ shouts, the thunders’ crash,
Roared high in the lust of slaughter,
Through horses’ whinnies, the snap of the lash,
Above the livid water.

Just before them, roe and hart
Flew as if on hidden pinions
From the ghost-king and his minions,
Cleaving the slow mists apart.

At their head there flitted, leading,
Tall and white, a wounded hind
Stuck with many arrows, bleeding,
Shaking, in the midnight wind.

The peasants who saw the chase sweep by
Swore, to all who would hear it,
That out of the hunted hind’s wild eye
There peered Queen Helvig’s spirit.

As in an enchanted space,
Trees stood in the vapor rootless,
While the stag flew onward, footless
Yet unwearied by the chase.

Then the black snake coursed the meadow,
The red dragon rose unwombed,
While the storm wailed like a shadow
To eternal anguish doomed.

The full moon, like a bleeding troll,
Unheeding the earth’s ire,
Cruelly charmed each tortured soul
From out the Abyss’s fire.

Often when the autumn brought
Wheeling gusts of phosphorescence
In this dismal chase, the peasants
Whispered, pallid and distraught:

“Save us, Christ and Maid of Heaven,
From this evil by thy grace !
Save us from the infernal levin;
Save us: ’tis King Volmer’s chase!”

They thought that his doom was sealed for aye,
By no prayers to be diminished:
To hunt until the last Judgment Day,
Till World and Time were finished.

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Römische Kaiser

Aus Niccolò Macciavelli Der Prinz, Kapitel 19

Zuerst ist zu bemerken, daß, wenn in andern Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und die Zügellosigkeit des Volks zu bekämpfen ist, die römischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, daß sie Ursache des Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wünscht Ruhe und liebt deswegen die Fürsten von gemäßigter Denkungsart: die Soldaten aber lieben kriegerische, übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie verlangten Personen von solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen. Daher mußten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen, insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese Schwierigkeiten fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und achteten wenig auf die Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig.

Denn wenn Fürsten es nicht vermeiden können, den Haß des einen oder andern Theils auf sich zu laden, so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von einer Partei gehaßt zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der mächtigsten.

Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und desfalls außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur in so fern etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten vermochten.

Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder Gemüthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt, menschenfreundlich und leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war er durch so viele Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt oder verächtlich.

Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten gewählt, welche unter dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das ordentliche Leben, welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden. Dies erzeugte Haß. Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist bemerkenswerth daß Haß durch gute Handlungen sowol als durch schlechte erregt werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft schädlich sind.

Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt, daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das Leben kam.

Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen, enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks. Dennoch kamen sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben. Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die Herrschaft dadurch glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten zu Freunden behielt, obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen Eigenschaften machten ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß dieses erstaunt und demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Löwen zu spielen verstand, was ich vom Fürsten verlangt habe.

Da Severus die Feigheit des Kaisers Julianus erkannte, überredete er das Heer, welchem er in Slavonien vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den die Leibwache getödtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte in Italien an, ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in Rom erwählte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde des Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen Beide zu erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle die Würde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den Senat zu seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er nach Rom zurück und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus, der ihn verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er wegen seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in Frankreich auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte aufmerksam erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine Neuerungen beim Volke hätten erzeugen können.

Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste verachtete, welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen Gelegenheiten einen großen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tödtete. Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt, und flößte auch denen, die um ihn waren, Furcht ein, so daß ein Centurio ihn mitten in seiner Armee umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten solchen gewaltsamen Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden können. Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht achtet. Doch hat der Fürst sie eben nicht zu fürchten, weil solche Handlungen äußerst selten sind. Er muß sich nur hüten, diejenigen, die um ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschäften bedient, nicht gröblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio hatte tödten lassen, und ihm selbst täglich drohte, trotzdem aber die Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte ein schlechtes Ende nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist.

Wir kommen zum Commodus, der die Herrschaft gar leicht hätte behalten können, die er als Sohn des Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Fußtapfen seines Vaters treten, so hätte er Volk und Soldaten Genüge gethan. Da er aber ein grausames und thierisches Gemüth hatte, veranlaßte er selbst in der Armee allerlei Complotte, und ließ sie zügellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen und das Volk auszuplündern. Auf der andern Seite behauptete er seine Würde schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu kämpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Würde schlecht anstanden; er ward also bei den Soldaten verächtlich. Auf einer Seite gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwörung.

Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst kriegerisch, und da die Armee einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von dem ich oben geredet habe, tödteten sie diesen und wählten jenen zum Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn verhaßt und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thra[pg 102]cien das Vieh gehütet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen Augen herabsetzte); das andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Würde zu nehmen; daneben in üblen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die ganze Welt voll Unwillen über seine niedrige Herkunft, und andrerseits voll Haß und Furcht wegen seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung fand, seiner Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die ganze Welt haßte, ihn umbrachte.

Niccolò Macciavelli – The Prince (PDF) 🇬🇧 :

Niccolò Macciavelli – Das Buch vom Fürsten (PDF) 🇩🇪 :