Veröffentlicht in Judäer im Achämenidenreich

Judäische Identität und Ökumene

Die politische Theologie der Priesterschrift (P)

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Von Rad schlug eine dreiteilige Struktur für P vor. Er unterschied zwischen "drei mächtigen konzentrischen Kreisen . . die von außen nach innen fortschreitend in das Heilsgeheimnis Gottes einführen: der Weltkreis, der Noahkreis und der abrahamitische Kreis".

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Der Kreis Abrahams umfasst "das abrahamitische Haus", bestehend aus den Arabern ("Ismael"), Israel (d. h. "Samaria") und Juda ("Jakob") sowie Edom ("Esau"). Mischehen innerhalb dieses Kreises sind erlaubt: Nach P. heiratet Esau - illegitim - (Gen 26,34, 27,46), zwei "hethitische Frauen" (Gen 26,34). Daraufhin erhält Jakob von seinen Eltern den Rat, eine Frau aus seiner Verwandtschaft in Paddan Aram zu heiraten (Gen 27,46; 28,1-5). Esau heiratet daraufhin eine andere Frau, eine der Töchter seines Onkels Ismael (Gen 28,6-9). Daher kann nach de Pury gefolgert werden, dass "nach P die Juden mit ismaelitischen und edomitischen Frauen heiraten dürfen, nicht aber mit 'hethitischen' oder 'kanaanitischen' Frauen". P verzeichnet darüber hinaus die Genealogie der Nachkommen Ismaels (Gen 25,12-18) sowie Esaus (Gen 36,4-14), die durch diese ethnische Nähe eine qualifizierte theologische Nähe zu Israel besitzen. Dieser abrahamitische Kreis wird durch den abrahamitischen Bund in Genesis 17 definiert, der den teilnehmenden Bundespartnern Fruchtbarkeit, Landbesitz (was eher ein Recht auf Nutzung als auf Besitz zu implizieren scheint) und Nähe zu Gott verspricht.
Der Kreis Israels verengt den Fokus auf das Volk Gottes allein. Er befasst sich im Allgemeinen mit der Errichtung des Heiligtums, das den Opferkult Israels ermöglicht. Nur dieser Opferkult ermöglicht es Israel, Sühne zu erlangen. Das Heiligtum und die Durchführung des Kultes scheinen wie eine teilweise Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung zu wirken, im Sinne einer zweiten "Schöpfung in der Schöpfung". Der Kreis Israels wird nicht durch einen eigenen Bund errichtet, da die grundlegende Verheißung der Gegenwart Gottes ("Ich werde dein Gott sein") bereits in Gen 17,7 gegeben wurde (vgl. Exod 6,7; 29,45-46). Dennoch konkretisiert die Errichtung des Heiligtums die Gegenwart Gottes speziell für Israel, indem Gottes שכינה inmitten seines Volkes verortet wird (vgl. Exod 29,45-46).

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Ob der Abraham des priesterlichen Schreibers sich dessen bewusst ist oder nicht, er bittet darum, dass Ismael Jhwh's Priester wird; und es ist diese Bitte, die Ismael verweigert und stattdessen dem noch nicht geborenen Isaak angeboten wird. In diesem ganzen Austausch (V. 18-21) geht es also nicht um die Frage, ob Ismael im Land Kanaan leben darf - das Recht Ismaels, in Kanaan zu leben, ist in V. 8 ein für allemal geklärt -, sondern nur darum, ob es einen weiteren Sohn braucht, d. h. eine weitere Kategorie unter Abrahams multinationalen Nachkommen. Und die Antwort auf diese Frage lautet ja. Sarahs Sohn Isaak wird jene Nachkommen Abrahams zeugen, die dazu bestimmt sind, Jhwhs priesterliches Volk zu werden.

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Die Fruchtbarkeitsverheißungen, die Abraham als "Bund" und Ismael als "Segen" gegeben wurden, sind, wenn man ihre konkrete Ausgestaltung betrachtet, ganz ähnlich formuliert und erscheinen nahezu gleichwertig.
Daher ist es viel wahrscheinlicher, dass die Funktion von V. 19-21 nicht im Ausschluss Ismaels, sondern in der Einbeziehung Isaaks in den abrahamitischen Bund besteht. Die Einbeziehung Ismaels in den Bund wird in Gen 17,7-8 eindeutig festgestellt. Darüber hinaus unterstreicht dieser Abschnitt die Tatsache, dass der Bund mit Abraham und seinen Nachkommen, zu dem Ismael zweifelsohne gehört, ein "ewiger Bund" ist.
Die Notwendigkeit einer ausdrücklichen Einbeziehung Isaaks in V. 19, 21 erklärt sich aus seiner Stellung in der Erzählung, nämlich dass Isaak zur Zeit von Genesis 17 noch nicht geboren war. Dies macht das doppelte Auftauchen der "Bundes"-Terminologie in V. 19, 21 mit Bezug auf Isaak plausibel: Eine Ausdehnung des Bundes auf eine Person, die noch nicht existierte, ist ein kühnes Unterfangen und bedarf daher einer besonderen terminologischen Betonung.
Dennoch bleibt die Schlussfolgerung, dass Ismael nicht die gleiche Art von Partner im Bund Gottes ist wie Isaak. Sie sind gleichberechtigt in Bezug auf Fruchtbarkeit und Landbesitz (im Sinne von ,אחוזה Israel wird dann sein Land in Exod 6,8 als ) מור ׁ שה innerhalb der größeren Region des "ganzen Landes Kanaan" bezeichnen. Aber sie sind nicht gleich, was die Möglichkeit der kultischen Nähe angeht ("vor Gott leben", Gen 17,18b).
Diese Nähe - so zeigt die Erzählung der Priesterschrift weiter - gehört nur Israel durch die Gründung des Heiligtums und wird Ismael ausdrücklich verwehrt.

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In Genesis 17 versucht die Priesterschrift offenbar, das theologische Vorrecht Israels mit der politischen Realität des Juda der persischen Zeit in Einklang zu bringen: Juda lebt in einer bescheidenen Provinz in "ökumenischer" Nähe zu seinen Nachbarn. Vielleicht hat der spezifische Umriss von Genesis 17, die Schaffung einer "abrahamitischen Ökumene", wie Albert de Pury es formuliert hat, mit der Tatsache zu tun, dass Abrahams Grab in Hebron, das höchstwahrscheinlich von Judäern, Arabern und Edomitern verehrt wurde, wahrscheinlich nicht zum achämenidischen Juda, sondern zu Idumea gehörte, wie Ernst Axel Knauf und Detlef Jericke überzeugend dargelegt haben. Das bedeutet, dass P. die Judäer, Araber und Edomiter in eine privilegierte Stellung einbeziehen musste und daher die Vorstellung eines "abrahamitischen" Bundes der im "ganzen Land Kanaan" lebenden Völker entwickelte.

Veröffentlicht in Judäer im Achämenidenreich

Was haben Priester und Könige gemein?

Während königliche Genealogien dazu dienen konnten, eine bereits etablierte Linie zu legitimieren, wie die des Cyrus, konnten sie auch neue Ansprüche begründen. Dies zeigt sich bei Dareios, der nicht in direkter Linie auf den Thron folgte. Das Behistun-Denkmal veranschaulicht dies deutlich, indem es eine sechs Generationen umfassende Abstammungslinie formuliert, die auf den gleichnamigen Gründer, Achaemenes, zurückgeht.


Ich (bin) Darius, der große König, König der Könige, König in Persien, König der Länder, des Hystaspes Sohn, des Arsames Enkel, der Achämenide. Es spricht der König Darius: Mein Vater ist Hystaspes, des Hystaspes Vater (war) Arsames, des Arsames Vater Ariaramnes, des Ariaramnes Vater Teispes, des Teispes Vater Achämenes.
Es spricht der König Darius: Deswegen werden wir Achämeniden genannt. Von alters her sind wir adlich, von alters her war unser Geschlecht königlich. Es spricht der König Darius: 8 meines Geschlechtes waren vor dem Könige. Ich bin der neunte. 9 sind wir in zwei Reihen Könige.

Behistun-Inschrift


Diese Genealogie ist besonders bedeutsam, weil Darius wie Kyrus behauptet, sein Anspruch auf den Thron beruhe auf seiner familiären Abstammung. Außerdem behauptet er wie Cyrus, dass seine Familie über einen langen Zeitraum nacheinander Könige gewesen sei. Was soll man von diesen Aussagen halten? Es gibt auffällige Abwesenheiten in dieser Genealogie, darunter Cyrus und Cambyses. Herodot erwähnt in einer Geschichte über Kambyses in Ägypten, dass Dareios ein Mitglied der Garde von Kambyses und ein "Mann ohne große Bedeutung" war (III.139-40). Herodot zufolge hatte Darius also keinen Anspruch auf den Thron, obwohl er von adliger Geburt war. David Stronach argumentiert jedoch, dass Darius' Vorfahren möglicherweise die Kontrolle über bestimmte Gebiete in Fars hatten und er somit aus einer Familie von Monarchen stammte (2003: 256).
Daher ist seine Behauptung nicht unbedingt eine Lüge. Was versucht Darius dann mit seiner Genealogie? Es gibt eindeutige Beispiele von Usurpatoren, die nicht versucht haben, einen Stammbaum zu erstellen, um ihren Anspruch auf den Thron zu begründen. Das klassische Beispiel ist der neuassyrische Herrscher Sargon II., der nie einen Stammbaum vorlegte, um seinen Anspruch auf den Thron zu belegen. Darius behauptete jedoch nicht, dass er keinen königlichen Stammbaum hatte, sondern begründete sein Recht auf den Thron mit seiner Familie. Allerdings nennt er außer den Familiennamen keine weiteren Einzelheiten. Anders als Cyrus gibt er keinen geografischen Ort für das angebliche Königreich seiner Vorfahren an.
Dareios versuchte also, mit Hilfe seiner Genealogie neu zu definieren, was es bedeutet, der rechtmäßige Monarch zu sein. Briant stellt fest: "Dareios erlangte die Macht nicht, weil er ein Achämenide (im Sinne des Clans) war, sondern weil er das Königtum erlangte, das es ihm ermöglichte, die Realität dessen, was es bedeutete, 'Achämenide' zu sein, neu zu definieren" (2002: 111). Christopher Tuplin stellt Briants Interpretation in Frage und fügt hinzu, dass Darius möglicherweise nicht absichtlich über seine Abstammung von Achamenes gelogen hat, sondern eher in "symbolischen Begriffen" spricht (2005: 230). Ob Darius seine Abstammung getreu wiedergibt oder lügt, ist unklar. Es ist jedoch offensichtlich, dass Darius durch die Verwendung seiner Genealogie im Wesentlichen den rechtmäßigen Thronanspruch von Cyrus zunichte macht, indem er seine Genealogie auf den Gründer der Dynastie, Achaemenes, zurückführt, während Cyrus sich nur mit Teispes in Verbindung bringt. Wilson fügt hinzu, dass im Falle der achämenidischen Könige "viele ... damit beschäftigt waren, das persische Reich entweder zu vergrößern oder es vor der Gefahr eines internen politischen Chaos zu schützen" (1977: 70).
Dareios hatte das Bedürfnis, diese Genealogie - ob real oder imaginär - zu konstruieren, um die früheren Machtansprüche seiner Familie zu belegen.


Im biblischen Material können bestimmte königliche und priesterliche Genealogien auf Zeiten hinweisen, in denen die Legitimierung der eigenen Genealogie besonders wichtig war. Dafür gibt es zwei Beispiele: 1. Chr. 3,1-24, die davidische Genealogie, und 1. Chr. 8,33-40, die so genannte saulidische Genealogie. Beide Stammbäume beziehen sich auf Monarchen, die schon lange nicht mehr an der Macht waren. Im Beispiel der davidischen Genealogie in 1. Chr. 3,1-24 setzt sich diese umfangreiche Genealogie im MT über 26 Generationen fort, von David bis zu den sieben Söhnen Elioenais. Sie baut auch auf der judäischen Genealogie in 1 Chronik 2 auf, die ebenfalls David mit Juda, Jakob und darüber hinaus verbindet. In 1 Chr 3,1-24 werden sowohl lineare als auch segmentierte Formate verwendet, die sich über 600 Jahre erstrecken. Der Stammbaum Davids beginnt mit einer segmentierten Genealogie, die alle erstgeborenen Söhne hervorhebt, die ihm in Hebron von seinen sechs Frauen geboren wurden, und geht dann zu den Söhnen über, die ihm in Jerusalem von Bath-Schua geboren wurden. Es wird eine lineare Genealogie von der Zeit Salomos bis zu Josia (16 Generationen) verwendet. Von der Zeit Josias bis zu den Söhnen Elioenais kehrt die Genealogie zu einem segmentierten Format zurück. Es handelt sich jedoch nicht nur um eine Genealogie der dynastischen Linie Davids. Sie setzt sich weit über das Exil und die Rückkehr hinaus fort, über die Familienlinie von Serubbabel bis hin zu den Söhnen Elioenais. Die davidische Genealogie konzentriert sich also auf eine Linie und ihr Fortbestehen und Überleben, selbst nach der Zerstörung des Königreichs Juda. Obwohl die Macht dieser Familie schon vor langer Zeit geschwunden war, ist es klar, dass diese Genealogie versucht, einen Zweig der davidischen Familie in der Machtlinie zu positionieren. Und so zeigt, wie Gary Knoppers hervorhebt, die "sorgfältige Abgrenzung der Kontinuität unter den Nachkommen Davids in Zeiten enormer Veränderungen die Widerstandsfähigkeit und Bedeutung der Dynastie" (2004: 335-36), und das in einer Zeit, in der sie schon lange nicht mehr an der Macht waren. Die Genealogie dient dazu, eine Familienlinie innerhalb des größeren davidischen Stammbaums zu einer Machtposition zu ermächtigen, falls sich jemals die Gelegenheit ergeben sollte, dass ihr Macht verliehen werden könnte.
Ein weiteres Beispiel für eine königliche Genealogie innerhalb des Stammbaums der Benjaminiten ist die so genannte Sauliden-Genealogie (1. Chr. 8,33-40), die eigentlich die Jeieliten-Genealogie ist, weil sie mit Sauls Großvater Jeiel beginnt. Das Interesse des Chronisten an der Familie Sauls trägt sowohl seiner früheren Bedeutung als auch der anhaltenden Bedeutung seiner Nachkommen in der nachexilischen Zeit Rechnung. Die Bedeutung der Familie Sauls zieht sich durch die Chronik, wo Saul und David die beiden königlichen Linien innerhalb der Erzählung der Monarchie sind. Im Gegensatz zur davidischen Genealogie, die eine bestimmte Familienlinie hervorhebt, wird in 1 Chronik 8 die Bedeutung des Benjaminiterklans und seine Stellung in den verschiedenen Territorien, darunter Jerusalem und Gibeon, hervorgehoben. Sauls Genealogie, die in V. 29 mit seinem Großvater Jeiel beginnt und sich über 17 Generationen erstreckt, endet mit dem Satz "alle diese stammten von den Nachkommen Benjamins ab" (8,40), womit die Genealogie der Benjaminiten mit Sauls Nachkommenschaft abgeschlossen wird.
Die Familie Sauls besteht eindeutig noch lange nach dem Verlust der Monarchie fort, und die Genealogie der Benjaminiten verbirgt nicht den Charakter Sauls, sondern ehrt ihn und seine Söhne und hält sie in einer angesehenen Position, wobei die lange Genealogie der Benjaminiten mit Sauls besonderer Familienlinie der Benjaminiten endet. Als Folge der antiken Genealogie der Jeieliten und Sauliden gewann der Stamm Benjamin an Bedeutung. Außerdem waren die Benjaminiter ein wichtiger Stamm im nachexilischen Jehud und für den Chronisten ein loyaler Untertan der davidischen Monarchie. Sie waren auch während der achämenidischen Ära ein integraler Bestandteil des Jehud, und so legitimierten vergangene Ereignisse oder die Genealogie ihren Platz im zweiten Gemeinwesen durch den Rückgriff auf die antike Vergangenheit durch Jeiel und Saul, ihre berühmtesten Mitglieder.


Lange Genealogien waren in nicht königlichen Werken eher unüblich, abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen. Ein solches Beispiel findet sich in den Historien des Herodot. Im zweiten Buch berichtet Herodot von seinem Besuch in Theben (Karnak), wo er eine Geschichte über Hekataeus von Milet erzählt, den Historiker aus dem sechsten Jahrhundert (550-490 v. Chr.), der geografische Werke verfasste, in denen er die verschiedenen Regionen der bekannten Welt aufzählte, und auch Genealogien, in denen er versuchte, die Geschichten der Götter und Helden zu ordnen (von diesen Werken sind etwa 35 Fragmente erhalten). Hekataeus wird auch die Überarbeitung einer Weltkarte zugeschrieben, die zuerst von Anaximander erstellt wurde. Herodot erklärt, dass Hekataeus "seine eigene Abstammung studiert und seine Familiengeschichte bis zu einem göttlichen Vorfahren in der sechzehnten Generation zurückverfolgt hatte" (II.143). Er fährt fort, dass die Priester in Theben Hekataeus' Behauptung, man könne vom Göttlichen abstammen, nicht glaubten und ihn in den Tempel des Amun mitnahmen und ihm die Statuen der Hohepriester zeigten, die jeweils eine Generation repräsentierten. Das Amt wurde vom Vater an den Sohn weitergegeben. Schließlich zeigten die Priester Hekataeus 345 Statuen und behaupteten, "dass jede der Figuren einen Piromis darstellte, der von einem Piromis abstammte [im Griechischen wäre das ein "Mann von Rang"] . . . sie brachten keine einzige von ihnen mit einem Gott oder einem Helden in Verbindung" (II. 143). Herodot stellt diese Vorstellung in Frage, dass man eine Genealogie bis zu den Göttern zurückverfolgen könnte, und tatsächlich erklärt Herodot, dass er keine Genealogie seiner eigenen Familie hat und ihm diese Praxis daher seltsam erscheint. Diese Geschichte ist bemerkenswert, denn sie ist der einzige wirkliche Beweis für die Erstellung langer Genealogien in dieser Zeit in der ionischen Welt."

Veröffentlicht in Judäer im Achämenidenreich

The Absent Present

Kulturelle Reaktionen auf die persische Präsenz im östlichen Mittelmeerraum

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Im gesamten Buch wird das Fortbestehen der jüdischen Gemeinden in Persien nie in Frage gestellt. Auch eine Rückkehr in die Heimat wird nie in Frage gestellt, und wir begegnen in Esther einem kosmopolitischen Judentum, in dem - genau wie in Genesis 20 - die ethnische Identität nicht mehr an das Land gebunden ist. Dies schließt jedoch nicht aus, dass es eine Verbindung zu Palästina gibt. Die Verbindungen der Diasporagemeinde in Susa mit den Menschen in Palästina und insbesondere in Jerusalem werden in der Figur des Mordechai hervorgehoben, der als Benjaminiter vorgestellt wird, der mit der Gruppe, die mit dem von Nebukadnezar, dem König von Babylon, ins Exil getriebenen König Jekonja von Juda ins Exil ging, aus Jerusalem verbannt worden war (Esther 2,5-6). Wörtlich genommen wäre Mordechai dann etwa 115 Jahre alt gewesen und kaum in der Lage, eine sehr schöne Nichte zu haben. Wie im Fall von Sara in 1. Mose 20 verstellt eine zu enge Auslegung den Blick auf die literarische Absicht und den Zweck der Erzählung. In der Genealogie Mordechais wird betont, dass er sowohl ein יהודי als auch ein Angehöriger des Stammes Benjamin ist, und es ist genau diese Verbindung, auf die wir unsere Aufmerksamkeit richten müssen. Im Buch Esra (Esra 1,5; 4,1) stellen Juda und Benjamin (zusammen mit Levi) die Fortsetzung des Südreichs Juda dar und werden als die einzig wahre Gemeinschaft betrachtet. Das bedeutet, dass Mordechai nach den Vorgaben des Buches Esra ein echter Jude aus dem Exil ist. Mit seiner Genealogie entspricht er der Beschreibung anderer prominenter Mitglieder der Diaspora, denn sowohl Daniel (Dan 2,25) als auch Tobit (Tob 1,1-2) werden als Exilanten aus Juda oder Israel beschrieben. Wie im Diaspora-Diskurs üblich, werden Status und Identität mit dem Grad der Verbundenheit mit dem Heimatland sowie mit einer gewissen Ausprägung des "Kosmopolitismus" in Verbindung gebracht. Was die jüdische Identität anbelangt, so finden wir ein merkwürdiges Wechselspiel zwischen dem Verbergen und dem Offenlegen der eigenen Abstammung. Es beginnt damit, dass Mordechai Esther befiehlt, ihre ethnische Identität zu verbergen (Esth 2,10; vgl. Esth 2,20), und sie muss dies bemerkenswert gut gemacht haben, denn der persische König scheint nicht zu bemerken, dass er sich eine jüdische Frau genommen hat. Als sie schließlich ihre Identität preisgibt (Esth 7,4), ist der König darüber nicht beunruhigt. Im Gegensatz zu Genesis 20 können sich die Autoren des Buches Esther vorstellen, dass eine jüdische Frau mit jemandem außerhalb ihrer eigenen ethnischen Gruppe Geschlechtsverkehr haben würde (die Tatsache, dass Esther unverheiratet ist, könnte hier hilfreich sein). Alles in allem gewinnt der Leser den Eindruck, dass die Religion als ethnisches Merkmal keine Rolle mehr zu spielen scheint - diese Tatsache ist eindeutig eine kulturelle Reaktion auf das (vorgeschlagene) persische Umfeld, in dem die Theologie nur der Ausgangspunkt für eine ansonsten säkulare politische Wirtschaft ist.
Ein weiteres auffälliges Merkmal des Buches Esther ist die weitgehende Abwesenheit von Gott in diesem Buch. Dies hat natürlich zu zahlreichen Spekulationen über versteckte Anspielungen, Doppeldeutigkeiten usw. Anlass gegeben. Andererseits ist es falsch, den scheinbar "säkularen" Charakter des Buches als Hinweis auf eine geringere Qualität des Buches zu betrachten. Ich denke, wenn wir uns der Esther-Geschichte mit den Bemerkungen über Gott nähern, die oben bei der Behandlung von Genesis 20 gemacht wurden, wird etwas Licht in die Angelegenheit gebracht. Der persönliche Gott der Patriarchen wurde in 1. Mose 20 in ein universelles göttliches Wesen verwandelt, zu dem Israeliten und Heiden sprechen können und an dessen universelle Gesetze sich sogar scheinbar fremde Könige halten können. Dieser Wandel von einem persönlichen zu einem universellen Gott wird in Esther noch einen Schritt weitergeführt. Da keine der Handlungen, die zu einer Gefährdung der Juden in Persien führen, ausdrücklich mit dem religiösen Faktor in Verbindung gebracht wird, ist das Fehlen eines direkten göttlichen Eingriffs vielleicht verständlich. Nur am Rande sei erwähnt, dass die offensichtliche Nichteinmischung Persiens in die religiösen Angelegenheiten seiner Untertanen Persien zu einem idealen Schauplatz für die Legitimation eines neuen Festes macht, das den üblichen Vorstellungen von biblischen Festen zu widersprechen scheint. Der Konflikt zwischen Mordechai und Haman, von dem in Esth 3,1-15 berichtet wird, wird häufig unter Bezugnahme auf Exodus 20,1-5 interpretiert. Zwar wird חוה in der Bestimmung von Exod 20,5 verwendet, aber nichts im Text von Esther deutet darauf hin, dass Haman irgendeine göttliche Eigenschaft hatte, und nur der Targum fügt diesen Aspekt hinzu, indem er angibt, dass Haman das Bildnis eines Götzen auf seiner Kleidung trug. [Das Motiv der Göttlichkeit Hamans kommt nur in Judg 3,8 vor, wo Nebukadnezar göttliche Ehren beansprucht: "Und er zerstörte alle ihre Heiligtümer und schändete ihre kultischen Haine. Er erhielt den Befehl, alle Götter der Erde auszulöschen, damit alle Völker der Erde allein Nebukadnezar dienen und alle Sprachen und Stämme ihn allein als Gott anbeten sollten"]
Trotz Mordechais Aussage, dass er ein Jude ist (Esth 4:4bβ), gibt es in der hebräischen Bibel Beispiele, in denen es vollkommen akzeptabel ist, sich vor einem anderen Mann niederzuwerfen (siehe Gen 23:7, 27:29; 1 Kön 1:31). Die Kombination der hebräischen Verben חוה und כרע ist normalerweise Gott vorbehalten (Ps 22,30; 95,6; 2 Chr 7,3), "aber wenn Götzendienst die Ursache für Mordechais Nichteinhaltung ist, schweigt der Text seltsamerweise darüber. Außerdem ist es schwer zu verstehen, warum der König befiehlt, einen Untergebenen wie einen Gott zu behandeln, wenn er es selbst nicht ist." Esth 3:4bβ (כי הגיד להם אשר הוא יהודי ) scheint eher auf Esth 3:8-15 vorauszuschauen, als dass es als angemessener Grund dafür dienen würde, warum Mordechai sich weigert, sich zu beugen.

Veröffentlicht in Vatikan, Kirche und italienischer Adel

Gottesfurcht

Der erste Artikel von der Allmacht des Schöpfers erzeugt kindliche Gottesfurcht, der zweite vom eingeborenen Sohne Liebe zu Gott, das Empfangen vom heiligen Geiste wirket Scham und Grausen vor Sünde, das Geboren von der Jungfrau Keuschheit und ernstliche Tugendübung, das Gelitten ein williges Ertragen aller Widerwärtigkeit. Die Frage: Wie kommt Pontius Pilatus in das Symbol? hatte zahlreichen Erklärern Kopfschmerzen verursacht. Man hatte auf ihn als die Spitze der Regierung im heiligen Lande hingewiesen, hatte von seiner angeblichen Heimat Pontus gesprochen und anderes mehr. Der Fromme des 15. Jahrhunderts sieht von all dieser unfruchtbaren Gelehrsamkeit ab. Bei ihm heißt es einfach: Unter Pontius Pilatus wirket in uns den rechten Gehorsam gegen alle Menschen. Die historische Notiz will also nichts anderes besagen als das Wort des Paulus: Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.
Die Kreuzigung ferner wirket bei uns Abkehr von der Welt und ihrer bösen Lust, der Tod Jesu, daß wir allen Sünden, Untugenden und unserer eigenen Natur absterben. Sein Grab bringt uns Frieden des Herzens ohne allen Streit, seine Höllenfahrt die rechte Bruderliebe, vermöge deren wir allen Menschen zu Hilfe kommen und in unserm Gebete der Seelen im Fegefeuer wie der Leute auf Erden fleißig gedenken.
Christus ist von den Toten auferstanden: so stehen wir auf von allen bösen Gewohnheiten und den Einwirkungen der Gestirne und richten unsere drei Geisteskräfte auf Gott und auf nützliche Dinge. Er fuhr zum Himmel und ermöglichte uns dadurch ein wahrhaft schauendes Leben. In der detaillierten Art, wie die fünf Grade der Schauung beschrieben werden, tritt das spezielle Interesse des Mystikers klar zutage. Der Gedanke an Christi Wiederkunft zum Gericht erzieht uns zur Gerechtigkeit. Dem Artikel vom heiligen Geiste verdanken wir eine Reinheit des Herzens, kraft deren wir nicht wieder schlecht werden noch werden können.

Von einer heiligen katholischen Kirche, deren weltumspannende Macht die sonstigen Erklärer mit Vorliebe den begrenzten Konventikeln der Ketzer gegenüberstellten, weiß der Fromme nichts. Er kennt nur eine heilige Christenheit, deren Güter darin bestehen, daß wir Kinder Gottes, Brüder Jesu Christi, Jünger des heiligen Geistes und Genossen der Apostel werden. Der Artikel vom ewigen Leben erfüllt uns mit Hoffnung und Sehnsucht nach dem Jenseits, bewahrt uns vor den Sorgen dieses Lebens und läßt uns willig von ihm scheiden. Mit dem Amen aber geben wir uns gelassen in Gottes Willen, von uns aus das zu wollen, was er will.

Es wird nicht schwer sein, alle diese Sätze aus Eckart oder anderen mystischen Schriftstellern des 14. Jahrhunderts zu belegen.

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Die Assassinen

Einen besonderen Faktor für die Außenbeziehungen des Königreiches Jerusalem in Nordsyrien stellten die Assassinen dar. Sie waren Angehörige einer heute als Nizārīya bezeichneten, ismāʿīlītisch-schiitischen Sekte, die unter ihrem persischen Gründer und Führer Ḥasan-i Ṣabbāḥ in den Jahren 1078–1094 im Namen des fāṭimidischen Kalifen al-Mustanṣir eine religiöse Revolution im sunnitischen ʿAbbāsiden-Kalifat von Bagdad entfachen wollte. Nachdem al-Mustanṣir, der als einzig legitimer Imam mit Anspruch auf die geistliche und weltliche Oberherrschaft über die gesamte muslimische Welt verehrt worden war, 1094 gestorben und sein rechtmäßiger Nachfolger Nizār entmachtet worden war, sagte sie sich von der neuen Führung in Kairo los. In den folgenden Jahrzehnten konstruierten die Sektenführer die Legende, dass sich ein Enkel des verstorbenen Imams, von ihnen vertreten, in ihrem Hauptquartier, der Festung Alamūt im Nordosten Persiens, versteckt halten und auf den geeigneten Zeitpunkt für seine Wiederkehr warten würde.
Schon früh legte die Sekte, um die eigene Autorität durchsetzen zu können, ihr Augenmerk auf Missionierung (daʿwa), was ihr eine wachsende Anhängerschaft vor allem unter der ländlichen Bevölkerung, die verstreut in zahlreichen Siedlungsgebieten zwischen Persien und Nordsyrien lebte, verschafft hatte. Seitens der mehrheitlich sunnitischen Bevölkerung schlug diesen als Häretikern angesehenen Konvertiten jedoch zumeist Ablehnung entgegen, die sich in unregelmäßigen Abständen in Form von spontanen, bisweilen aber auch durch die jeweilige Führungselite gezielt organisierten Pogromen niederschlug. Da die Sekte nur über wenige regulär bewaffnete Kräfte verfügte, die vor allem als Garnison der Festungen eingesetzt wurden, konnte sie sich nicht mit herkömmlichen militärischen Mitteln gegen die Verfolgungen wehren, weshalb ihre Führer zumeist die Verständigung mit den politischen und religiösen Autoritäten der sunnitisch dominierten Herrschaftskomplexe suchten. Wenn dies misslang, nutzten sie jedoch gezielte Mordanschläge als Druckmittel, um ihre Verhandlungsposition zu stärken. Für diese Aufgabe bildeten sie, unter Versprechung von ewiger Belohnung im Paradies, Elite-Kämpfer (fidāʾiyyūn) aus und schleusten sie als Vertraute in das Umfeld der Zielpersonen. Handelte es sich bei diesen um hohe Würdenträger wie die Kalifen und Wesire von Kairo oder Bagdad, so mussten die Attentäter mitunter mehrere Jahre damit verbringen, deren Vertrauen zu gewinnen, bis sie vom Imam schließlich den Befehl zum Angriff erhielten. Die Möglichkeit des Überraschungsangriffs in Kombination mit ihrer religiösen Entschlossenheit und der intensiven Ausbildung im Umgang mit Waffen verschaffte ihnen dabei eine hohe Erfolgsquote. Diese und die Breitenwirkung, die die urplötzliche Ermordung einer öffentlich bekannten Führungsfigur zumeist entfachte, ließen die Furcht vor der Sekte wachsen, was wesentlich dazu beitrug, ihr Fortbestehen zu sichern. Um die Attentäter bildete sich bald ein Nimbus von unbesiegbaren und tödlichen Gegnern, der mit der Zeit immer legendenhaftere Züge annahm. So sagte man ihnen, vor allem in der späteren, stark von dem Reisebericht Marco Polos (etwa 1254–1324) beeinflussten, lateineuropäischen Rezeption nach, ihre Anschläge unter dem Einfluss von Haschisch (arabisch ḥašīš) zu verüben und führte ihre arabische Bezeichnung in verschiedenen Varianten des Wortes ḥašīšīya (Singular ḥašīšī) darauf zurück. Diese Annahme setzte sich im Verlauf der folgenden Jahrhunderte in der westlichen Welt durch und findet sich bisweilen noch heute in der Populärkultur wieder, doch ist sie nach dem heutigen Forschungsstand wohl unbegründet. Tatsächlich wäre die Wirkung von Haschisch für die Ausführung der Anschläge äußerst kontraproduktiv gewesen, da diese allerhöchste Konzentration, Reaktionsbereitschaft und Fähigkeiten zur realistischen Einschätzung der Lage erforderten. Auch die arabischen Termini müssen nicht zwangsläufig auf die Bezeichnung des Rauschgiftes zurückgeführt werden, sondern können sich auch auf eine im herabwürdigenden Sinn gebrauchte, metaphorische Bezeichnung als „Gesindel der Unterschicht“ oder „ungläubige Außenseiter der Gesellschaft“ beziehen.

Die von Persien aus in Auftrag gegebene Missionierung Nordsyriens hatte bereits um die Wende zum 12. Jahrhundert begonnen und war aufgrund der sozialen und politischen Umwälzungen durch die ersten Kreuzzüge, der territorialen Zersplitterung der muslimischen Welt in einzelne Herrschaftsgebilde und den daraus resultierenden, ständigen militärischen Konflikten auf fruchtbaren Boden gefallen. Dennoch war es der Sekte trotz intensiver Versuche erst in den Jahren nach 1132 gelungen, die dauerhafte Kontrolle über einige Festungen und das dazwischen liegende Gebiet auf dem westsyrischen Bergmassiv des Ǧabal Bahrāʾ (heute auch Ǧibāl al-Anṣārīya) nördlich des Libanongebirges zu erlangen, dessen Hauptsitz die 1141 eroberte Burg Maṣyāf am Südostrand wurde. Darauf Bezug nehmend bezeichneten vor allem die späteren lateinischen Chronisten den Führer der Sekte oft als „Alten vom Berge“ (Vetus de Montanis), während die frühen Quellen nur von senex oder vetulus schrieben und damit den bis heute gebräuchlichen arabischen Ehrentitel šaiḫ wörtlich übersetzten. Die genaue Ausdehnung ihres Herrschafts- und Einflussgebietes sowie die Größenordnung ihrer Anhängerschaft sind kaum festzustellen, doch schrieb ihnen Wilhelm von Tyrus in den 1180er Jahren in durchaus realistischer Schätzung zehn Festungen und mehr als 60.000 Gläubige zu. Das Wachstum ihres Siedlungsgebietes fand in unmittelbarer Nachbarschaft zu den nördlichen Kreuzfahrerstaaten Antiochia und Tripolis statt und griff teilweise auf diese aus, doch blieben die Beziehungen zu den Franken zunächst freundlich. Zuletzt hatten im Jahr 1148 Fürst Raimund von Antiochia (1136–1149) und der Assassinenführer ʿAlī b. Wafāʾ eine Allianz gegen Nūr ad-Dīn geschlossen und waren im Juni des folgenden Jahres gemeinsam in der Schlacht von Ināb umgekommen. Erst als im Jahr 1152 Graf Raimund II. von Tripolis das Grenzgebiet um Tortosa dem Templerorden übertrug, kam es offenbar zu gewaltsamen Grenzstreitigkeiten, in deren Folge die Sekte ihn und zwei seiner Begleiter noch im selben Jahr als erste bekannte Nichtmuslime ermorden ließ. In der Folge kam es, ähnlich wie in den sunnitisch dominierten Gesellschaften der islamischen Herrschaftskomplexe, zu gewaltsamen Pogromen gegen die Sekte, doch nach einiger Zeit normalisierten sich die Beziehungen wieder und die Assassinen zahlten dem Orden als Ausgleich für die Kontrolle eines vom ihm beanspruchten Territoriums jährlich 2.000 Byzantiner. Auch aus den folgenden Jahren gibt es nur wenige Informationen über die Beziehungen der Kreuzfahrerstaaten zu ihren nizārītischen Nachbarn, die nach der Eroberung von Damaskus 1154 zu den letzten von den Zengīden unabhängigen muslimischen Akteuren in der unmittelbaren Umgebung gehörten. Zwar belagerten Ende 1157 bekanntlich Truppen aus allen drei Kreuzfahrerstaaten die von der Sekte besetzten Ruinen von Šaizar, doch blieb das Unternehmen ebenso erfolg- wie konsequenzenlos.

[…]

Nach der natürlich mit Vorsicht zu betrachtenden Darstellung des Chronisten hatte der Meister der Assassinen die bereits erwähnte Abkehr von der „Irrlehre“ des Islams aus eigener Initiative vollzogen, nachdem er durch die Lektüre des Evangeliums das Christentum als einzig wahre Religion anerkannt und entschieden hatte, die Konversion seiner Anhänger zum Christentum vorzubereiten. In einem nächsten Schritt schickte er einen vertrauten Anhänger namens Abū ʿAbd Allāh (Boaldelle) als Gesandten mit einer geheimen Botschaft an König Amalrich, deren Hauptanliegen in der Bitte bestand, den von den Tempelrittern auferlegten „Tribut“ von 2.000 Goldstücken für die Siedlungsgebiete der Assassinen aufzuheben. Im Gegenzug, so berichtet Wilhelm weiter, habe er angeboten, sich und seine Anhänger taufen und endgültig zum Christentum konvertieren zu lassen. Der König war von der Aussicht auf neue christliche Verbündete natürlich hoch erfreut und erklärte sich umgehend bereit, die jährlichen Zahlungen an den Ritterorden aus seinen eigenen Einkünften zu bezahlen. Nach ausführlichen Gesprächen schickte er den Boten mit einem eigenen Gesandten als persönlichen Begleitschutz zurück nach Norden, um dort mit Sinān die Verhandlungen zum Abschluss zu bringen. Als das Duo bereits über Tripolis hinausgekommen war und kurz vor dem Übertritt in das Gebiet der Assassinen stand, geriet es unvermittelt in einen Hinterhalt von Templern, die aus dem nahe gelegenen Tortosa stammten. Diese griffen umgehend an und töteten den Boten der Assassinen ungeachtet seines königlichen Auftrages und Begleitschutzes. Als der König davon Kenntnis erhielt, rief er, außer sich vor Empörung über die Tat, die er auch als persönliche Beleidigung auffasste, die Haute Cour zusammen, um über die notwendigen Sanktionen zu beraten. Man kam darin überein, dass diese offene Sabotage einer Reichsangelegenheit nicht ungesühnt bleiben konnte, da durch sie die königliche auctoritas verletzt, fides und constantia des Christentums in Verruf geraten und der schon sicher erschienene Zuwachs der Kirche verloren gegangen seien. Zwei Gesandte, Soherius von Memedeo und Gottschalk von Torhout, wurden nun zum Ordensmeister Odo von St. Amand nach Sidon geschickt, um die Auslieferung des Haupttäters, angeblich ein einäugiger Ritter namens Walter von Maisnil (Mesnil), zu verlangen. Dies verweigerte der Meister mit Verweis auf die Unterstellung des Ordens allein unter päpstliche Jurisdiktion und ließ dem König ausrichten, dass er den Schuldigen bereits mit einer Buße belegt habe und für weiteres Urteil an die päpstliche Kurie schicken werde. König Amalrich reiste daraufhin persönlich in die Stadt, ließ den Gesuchten gewaltsam aus dem Templerquartier holen und in Tyrus inhaftieren. An den Meister der Assassinen richtete er eine neue Gesandtschaft, die sein Bedauern und seine Unschuld beteuern sollte und damit angeblich auch Glauben fand. Zu weiteren Forschritten sowohl in den Verhandlungen mit der Sekte als auch im Verfahren gegen die Templer, gegen die er nach der Darstellung des Chronisten umfangreiche Schritte plante, kam es jedoch nicht, denn der König erkrankte wenig später schwer und starb im Juli 1174.

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Die Wilde Jagd

Die Wilde Jagd ist ein mythologisches Motiv, das in verschiedenen nordeuropäischen Kulturen vorkommt. Sie beinhaltet typischerweise eine Verfolgungsjagd, die von einer mythologischen Figur angeführt wird begleitet von einer geisterhaften oder übernatürlichen Gruppe von Jägern, die verfolgt werden. Der Anführer der Jagd ist oft eine bekannte Figur, die in den germanischen Legenden mit Odin in Verbindung gebracht wird, kann aber auch eine historische oder legendäre Figur wie Theoderich der Große, der dänische König Valdemar Atterdag, der Drachentöter Sigurd, der walisische Psychopomp Gwyn ap Nudd, biblische Figuren wie Herodes, Kain, Gabriel oder der Teufel oder eine nicht identifizierte verlorene Seele sein.

wikipedia

Gedicht von Johannes Carsten Hauch

Original dänisch Den vilden Jagt aus seiner Publikation Lyriske Digte og Romancer ("Lyrische Gedichte und Romanzen"), die zweite Hälfte handelt von Valdemar Atterdag

When they thought that Denmark’s king
Soundly in the graveyard slumbered,
Words incredible, unnumbered,
Through the land crept whispering.

Rumor said: “The king hunts nightly
Stag and doe on Sjaelland’s isle
With a company unsightly
Through the country mile on mile.”

They saw the Childe at the head of his hosts;
In the moonlight they heard the racket
Of his train of terrible shadows and ghosts
With the hawk and the sable brachet.

Fables deep in Time’s abyss
From oblivion resurrected,
Champions in their rest ejected
From the dim necropolis,

Women from their hidden prison,
Heathen kings from the sepulchre,
All (the peasants said) had risen
Forth to ride with Valdemar.

Like wings the sound over woods was borne,
In terror the dwarf dug deeper,
While overhead a mad hunting-horn
Aroused the horrified sleeper.

Volmer’s eyes with anguish blazed,
Never found he rest and quiet;
Ever in this awful riot
Must he hurry on half-crazed.

Nearest him, of all the shadows
Coursing over lake and glade
Through the night-mist of the meadows,
Was a pale and slender maid.

Her long hair flickered in the midnight blast,
She sighed with sighs inhuman;
On snow-white horse she galloped fast,
The fairest of all women.

Over castle and lofty house,
Falcon, raven, birds of evil,
Unknown fowl from Night primeval,
Fat, enormous flittermouse,

Over forests, fields, and ditches,
Clustering pallid flare on flare,
Wolves with hundred feet, and witches
Sailed the river of the air.

The hunters’ shouts, the thunders’ crash,
Roared high in the lust of slaughter,
Through horses’ whinnies, the snap of the lash,
Above the livid water.

Just before them, roe and hart
Flew as if on hidden pinions
From the ghost-king and his minions,
Cleaving the slow mists apart.

At their head there flitted, leading,
Tall and white, a wounded hind
Stuck with many arrows, bleeding,
Shaking, in the midnight wind.

The peasants who saw the chase sweep by
Swore, to all who would hear it,
That out of the hunted hind’s wild eye
There peered Queen Helvig’s spirit.

As in an enchanted space,
Trees stood in the vapor rootless,
While the stag flew onward, footless
Yet unwearied by the chase.

Then the black snake coursed the meadow,
The red dragon rose unwombed,
While the storm wailed like a shadow
To eternal anguish doomed.

The full moon, like a bleeding troll,
Unheeding the earth’s ire,
Cruelly charmed each tortured soul
From out the Abyss’s fire.

Often when the autumn brought
Wheeling gusts of phosphorescence
In this dismal chase, the peasants
Whispered, pallid and distraught:

“Save us, Christ and Maid of Heaven,
From this evil by thy grace !
Save us from the infernal levin;
Save us: ’tis King Volmer’s chase!”

They thought that his doom was sealed for aye,
By no prayers to be diminished:
To hunt until the last Judgment Day,
Till World and Time were finished.

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Römische Kaiser

Aus Niccolò Macciavelli Der Prinz, Kapitel 19

Zuerst ist zu bemerken, daß, wenn in andern Reichen nur der Ehrgeiz der Großen und die Zügellosigkeit des Volks zu bekämpfen ist, die römischen Imperatoren noch eine dritte Schwierigkeit vor sich fanden, welche in der Habsucht und der Wildheit der Kriegsmacht bestand. Diese Sache hat solche Schwierigkeit, daß sie Ursache des Unterganges einiger Kaiser wurde; weil es schwer ist, die Soldaten zufrieden zu stellen und das Volk zugleich mit: denn das Volk wünscht Ruhe und liebt deswegen die Fürsten von gemäßigter Denkungsart: die Soldaten aber lieben kriegerische, übermüthige, grausame, raubsüchtige Fürsten. Sie verlangten Personen von solcher Gemüthsart zu Imperatoren, um doppelten Sold zu erhalten und ihren Geiz und grausame Gemüthsart zu befriedigen. Daher mußten alle Imperatoren, die nicht von Natur oder durch ihre Bestrebungen sich ein Ansehn zu verschaffen wußten, welches Alles Jene im Zaume zu halten vermochte, zu Grunde gehen. Die meisten von ihnen, insbesondere die aus dem Privatstande waren, bemühten sich, wenn sie diese Schwierigkeiten fühlten, nur die Soldaten zufrieden zu stellen, und achteten wenig auf die Bedrückung des Volks. Dies war nothwendig.

Denn wenn Fürsten es nicht vermeiden können, den Haß des einen oder andern Theils auf sich zu laden, so müssen sie doch alle Sorgfalt anwenden, daß es nicht von beiden zugleich geschehe. Ist es einmal unvermeidlich, von einer Partei gehaßt zu werden, so sei es doch wenigstens nicht von der mächtigsten.

Die Imperatoren, welche zur neuen Herrschaft aufstiegen, und desfalls außerordentlicher Gunst bedurften, machten sich daher lieber einen Anhang unter den Soldaten als im Volke, welches ihnen aber doch nur in so fern etwas nützte, als sie ihr Ansehn bei den Letztern zu erhalten vermochten.

Aus diesen Ursachen nahmen diejenigen, welche von milder Gemüthsart, Gerechtigkeit liebend, der Grausamkeit abgeneigt, menschenfreundlich und leutselig waren, nämlich Marcus, Pertinax und Alexander, den einzigen Marcus ausgenommen, ein gewaltsames Ende. Marcus allein lebte und starb geehrt, weil er durch Erbrecht den Thron bestiegen hatte, und ihn weder den Soldaten noch dem Volke verdankte. Außerdem war er durch so viele Tugenden ehrwürdig, wußte beide Stände während seiner ganzen Regierung in ihren Grenzen zu halten und machte sich nie verhaßt oder verächtlich.

Pertinax aber ward gegen den Willen der Soldaten gewählt, welche unter dem Commodus an Zügellosigkeit gewöhnt, das ordentliche Leben, welches Pertinax einführen wollte, unerträglich fanden. Dies erzeugte Haß. Dazu kam Geringschätzung wegen seines Alters, und so ging er, gleich nachdem er die Regierung angetreten, zu Grunde. Es ist bemerkenswerth daß Haß durch gute Handlungen sowol als durch schlechte erregt werden kann. Ein Fürst, der sich auf dem Throne erhalten will, darf daher oft, wie ich bereits gesagt habe, nicht gut handeln, denn wenn die Masse seines Volks oder Kriegsheers, oder die Großen seines Reiches, deren er bedarf, um sich zu halten, verdorben sind, so muß er wol ihrem Sinne folgen und sie zufrieden stellen, wozu die rechtschaffenste Handlungen oft schädlich sind.

Auf den Alexander zu kommen: dieser war so gütig gesinnt, daß man unter anderm Lobe, das ihm ertheilt wird, bemerkt, er habe in einer vierzehnjährigen Regierung keinen Menschen, ohne daß er verurtheilt worden, tödten lassen. Dennoch fiel er in Geringschätzung, weil er für weibisch galt, und es hieß, er ließe sich von seiner Mutter regieren. Es entstand eine Verschwörung der Soldaten gegen ihn, durch welche er um das Leben kam.

Nunmehr wollen wir die entgegengesetzten Charaktere des Commodus, Severus, Antoninus Caracalla und Maximinus betrachten. Wir finden sie höchst raubsüchtig und grausam. Um die Soldaten zu befriedigen, enthielten sie sich keiner Art von Mißhandlung des Volks. Dennoch kamen sie, mit alleiniger Ausnahme des Severus, gewaltsamer Weise ums Leben. Severus hatte ein so tapferes Gemüth, daß er die Herrschaft dadurch glücklich zu behaupten vermochte, daß er die Soldaten zu Freunden behielt, obwol er das Volk sehr drückte: denn seine großen Eigenschaften machten ihn den Soldaten und dem Volke so ehrwürdig, daß dieses erstaunt und demüthig, jene aber voll Verehrung und befriedigt waren. Da die Handlungen dieses zur Herrschaft emporgestiegenen Regenten ganz ausgezeichnet gewesen sind, so will ich kurz zeigen, wie er den Fuchs und den Löwen zu spielen verstand, was ich vom Fürsten verlangt habe.

Da Severus die Feigheit des Kaisers Julianus erkannte, überredete er das Heer, welchem er in Slavonien vorgesetzt war, nach Rom zu gehen, um den Tod des Pertinax zu rächen, den die Leibwache getödtet hatte. Unter diesem Vorwande setzte er sich in Bewegung, ohne seine Absichten auf den Thron merken zu lassen, und langte in Italien an, ehe man seine Abreise wußte. Gleich nach seiner Ankunft in Rom erwählte ihn der Senat aus Furcht, und Julianus ward getödtet. Noch blieben dem Severus zwei Schwierigkeiten: die eine in Asien, wo Niger sich hatte ausrufen lassen, die andre im Occidente, wo Albinus nach der Würde des Imperators strebte. Er hielt es für gefährlich, sich zugleich gegen Beide zu erklären, und beschloß daher, den Niger anzugreifen, den Albinus aber zu hintergehen. Diesem schrieb er, er sei vom Senate erwählt, wolle die Würde mit ihm theilen, gab ihm den Titel Cäsar und ließ ihn durch den Senat zu seinem Collegen erwählen. Albinus nahm dieses für Ernst. Als Severus aber den Niger besiegt und den Orient beruhigt hatte, kehrte er nach Rom zurück und beschwerte sich im Senate über den Undank des Albinus, der ihn verrätherischer Weise nach dem Leben getrachtet habe, und den er wegen seiner Undankbarkeit züchtigen müsse. Er suchte ihn hierauf in Frankreich auf und nahm ihm Würde und Leben. Wer diese Geschichte aufmerksam erwägt, wird den muthigsten Löwen und den schlauesten Fuchs erkennen: wird sehen, wie er von Allen gefürchtet und geehrt ward und beim Kriegsheere nicht verhaßt war. Man darf sich nicht wundern, daß dieser neue Fürst die Herrschaft zu behaupten gewußt, da er sich durch seinen großen Ruf beständig gegen den Haß zu wehren wußte, den seine Neuerungen beim Volke hätten erzeugen können.

Sein Sohn Antoninus hatte ebenfalls ausgezeichnete Eigenschaften, und ward deswegen vom Volke bewundert, bei den Soldaten aber beliebt, weil er kriegerisch war, alle Strapazen nicht achtete und köstliche Speisen so wie alle andern Wollüste verachtete, welches ihm die Zuneigung aller Armeen erwarb. Aber seine Wildheit und Grausamkeit war so unerhört, daß er bei verschiednen Gelegenheiten einen großen Theil des Volks von Rom und alle Bewohner von Alexandrien tödtete. Dadurch ward er der ganzen Welt verhaßt, und flößte auch denen, die um ihn waren, Furcht ein, so daß ein Centurio ihn mitten in seiner Armee umbrachte. Hierbei ist zu bemerken, daß die Fürsten solchen gewaltsamen Tod durch die Hand eines entschlossenen Mannes gar nicht vermeiden können. Denn es kann Jeder die That vollbringen, der nur sein eignes Leben nicht achtet. Doch hat der Fürst sie eben nicht zu fürchten, weil solche Handlungen äußerst selten sind. Er muß sich nur hüten, diejenigen, die um ihn sind, und deren er sich in Regierungsgeschäften bedient, nicht gröblich zu beleidigen, wie Antoninus that, der einen Bruder des Centurio hatte tödten lassen, und ihm selbst täglich drohte, trotzdem aber die Leibwache anvertraute. Das war tollkühn und mußte ein schlechtes Ende nehmen, wie es auch in Wahrheit geschehen ist.

Wir kommen zum Commodus, der die Herrschaft gar leicht hätte behalten können, die er als Sohn des Marcus geerbt hatte. Er durfte nur in die Fußtapfen seines Vaters treten, so hätte er Volk und Soldaten Genüge gethan. Da er aber ein grausames und thierisches Gemüth hatte, veranlaßte er selbst in der Armee allerlei Complotte, und ließ sie zügellos werden, um seine Raubgier zu befriedigen und das Volk auszuplündern. Auf der andern Seite behauptete er seine Würde schlecht, indem er oft ins Theater herabstieg, um mit Gladiatoren zu kämpfen, und andre Dinge vornahm, die der kaiserlichen Würde schlecht anstanden; er ward also bei den Soldaten verächtlich. Auf einer Seite gehaßt, auf der andern verachtet, fiel er als Opfer einer Verschwörung.

Endlich vom Maximinus. Dieser war höchst kriegerisch, und da die Armee einen Widerwillen gegen das weibische Wesen des Alexander bekommen, von dem ich oben geredet habe, tödteten sie diesen und wählten jenen zum Kaiser, welcher er jedoch nicht lange blieb. Zwei Dinge machten ihn verhaßt und verachtet. Das eine seine niedrige Herkunft, da er in Thra[pg 102]cien das Vieh gehütet hatte (welches allgemein bekannt war, und ihn in allen Augen herabsetzte); das andre, daß er im Anfange seiner Herrschaft verschob, nach Rom zu gehen und Besitz von der kaiserlichen Würde zu nehmen; daneben in üblen Ruf gerieth, weil er durch seine Statthalter in Rom und anderen Orten viele Grausamkeiten verüben lassen. Da mithin die ganze Welt voll Unwillen über seine niedrige Herkunft, und andrerseits voll Haß und Furcht wegen seines wilden Gemüths war, so verschwor sich der Senat, ganz Rom und endlich ganz Italien gegen ihn. Hierzu kam sein eignes Heer, welches im Lager vor Aquileja Schwierigkeiten bei der Belagerung fand, seiner Grausamkeit überdrüssig ward, und da es sah, daß ihn die ganze Welt haßte, ihn umbrachte.

Niccolò Macciavelli – The Prince (PDF) 🇬🇧 :

Niccolò Macciavelli – Das Buch vom Fürsten (PDF) 🇩🇪 :